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Nordkreis Der Wald leidet
Landkreis Nordkreis Der Wald leidet
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21:10 20.07.2022
400 Einsatzkräfte bekämpften im Burgwald bei Schönstadt mit Landwirten einen rund 25 Hektar großen Waldbrand.
400 Einsatzkräfte bekämpften im Burgwald bei Schönstadt mit Landwirten einen rund 25 Hektar großen Waldbrand. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Ein Funke kann reichen und eine Brandkatastrophe verursachen. So geschehen im Burgwald bei Schönstadt am Dienstag (19. Juli). Die betroffene Fläche des Burgwaldes ist durch die anhaltende Dürre besonders anfällig; wie groß der Schaden ist, kann der Landesdienst Hessenforst noch nicht abschätzen.

Forstmitarbeiter sind gestern den ganzen Tag in dem Waldgebiet im Einsatz und unterstützen die Feuerwehr: Die Forstleute räumen die Zugangswege frei, entfernen Sträucher und tief hängende Äste, damit auch große Fahrzeuge durchkommen, „gerade in den Bereichen, die nicht gut zugänglich sind, das Waldgebiet ist da nicht ganz so einfach“, berichtet Michelle Sundermann, Pressesprecherin von Hessenforst.

Die Mitarbeiter des Landesbetriebs werden weiter kontrollieren. „Wir behalten das im Auge, kritisch sind immer die Winde.“ Die haben das Feuer, das auf einem Feld am Waldrand entstanden ist, auch erst und sehr schnell in Richtung Bäume geblasen.

Das Ergebnis ist einer der umfangreichsten Feuerwehreinsätze, die der Kreis in der jüngeren Geschichte erlebt hat. Selbst hessenweit erzielt der Brand einen traurigen Rekord: Alleine in diesem Jahr gab es bereits etwa 65 Waldbrände in Hessen – zusammen war eine Fläche von rund zehn Hektar betroffen, so Sundermann. Das Feuer im Burgwald reicht alleine recht nah an diese Größenordnung heran, sei „außergewöhnlich groß, der größte Brand, den wir in Hessen dieses Jahr hatten“.

Nun, da das Feuer gelöscht ist, stehe eine Bestandsaufnahme des Waldes an. Es müsse geprüft werden, wo und wie der Brand gewütet hat: In Bereichen, wo das Feuer nahe am Boden geblieben ist, dürften weniger große Schäden entstanden sein, „dann können die Bäume das schaffen. Wenn das Feuer in die Kronen geht, dann überleben das die Bäume nicht.“ Wenn sich der Landesbetrieb einen Überblick verschafft hat, stehe die Wiederbewaldung an.

Waldbrandrisiko steigt

Nach Angaben der Helmholtz-Klima-Initiative gibt es in Deutschland inzwischen deutlich mehr Tage mit hoher Waldbrandwarnstufe: 1961 bis 1990 waren es demnach rund 27 Tage pro Jahr mit hohem oder sehr hohem Waldbrandrisiko. Im Zeitraum 1981 bis 2010 waren es rund 33 Tage pro Jahr, im Zeitraum 1991 bis 2019 schon rund 38 Tage.

In ganz Deutschland wüteten in diesem Sommer schon mehrere Waldbrände, der Klimawandel ist spürbar. Forscher überrascht das nicht: „Deutschland ist jetzt ein Waldbrandland – als Folge des Klimawandels erleben wir nun extreme Hitzewellen sowie Dürren, und damit steigt natürlich auch die Feuergefahr“, sagt Somidh Saha vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gegenüber der dpa. Berechnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) haben jüngst ergeben: In Deutschland soll es in den kommenden Jahren im Jahresschnitt bis zu ein Grad wärmer werden als in den vergangenen drei Jahrzehnten.

Klar ist, dass Hitze selbst keinen Brand entzündet. Doch sie kann die Entstehung von Waldbränden begünstigen, dann reicht ein Blitz oder Unbedachtheit des Menschen. Kommt noch Wind hinzu, kann sich der Brand besonders stark ausbreiten. Vor allem brandanfällig sind Monokulturen aus Nadelbäumen auf sandigem Boden wie in Brandenburg, wo – wie im Burgwald bei Schönstadt – besonders viele Kiefern wachsen.

Baumarten-Mix im Wald der Zukunft

Die Forscher gehen davon aus, dass in Deutschland regelmäßig mit großen Waldbränden über mehrere Hundert Hektar zu rechnen sein wird, das klimatische Waldbrandrisiko zunimmt.

Was kann jetzt getan werden? Saha empfiehlt, mehr Fachleute für die Waldbrandbekämpfung auszubilden, Strukturen und Verantwortlichkeiten zu reformieren und mehr Ressourcen für die Forschung zu Brandvermeidung, Brandbekämpfung, Feuerökologie und Wiederherstellung von Wäldern nach Bränden bereitzustellen.

Der deutsche Wald müsse langfristig widerstandsfähiger werden: „Unsere künftigen Wälder, die nach den Bränden wiederhergestellt werden, müssen in ihrer Artenzusammensetzung vielfältiger sein.“ Ein Waldumbau von Nadel- auf Mischwald sei aber keine Garantie. Einige Laubholzarten, die noch vor wenigen Jahren als Kandidaten für den Wald der Zukunft gehandelt wurden, zeigten sich jetzt als anfällig. Allgemein gelte: „Ein Mischwald kann bei anhaltender Trockenheit in eine vergleichbare Brennbereitschaft geraten.“

Von Ina Tannert