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Nordkreis Das vom Teufel gemachte Haufendorf
Landkreis Nordkreis Das vom Teufel gemachte Haufendorf
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14:58 11.09.2021
Am oberen linken Rand ist der alte Ortskern von Sarnau zu sehen, wo die Häuser nicht in Reih und Glied gebaut sind.
Am oberen linken Rand ist der alte Ortskern von Sarnau zu sehen, wo die Häuser nicht in Reih und Glied gebaut sind. Quelle: Thorsten Richter
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Sarnau

Kamen früher Händler oder zwielichtige Gestalten über die Lahn nach Sarnau, so wunderten sie sich bestimmt ebenso wie heute Wanderer, die die Brücke überschreiten. Das derzeit rund 350 Einwohner zählende Dorf, das zur Gemeinde Lahntal gehört, gewährt keinen Einblick über eine lange gerade Straße in den alten Ortskern.

Die Hauptstraße führt einen in einem leichten Bogen bis zum Denkmal und von dort über die ebenfalls gebogene Straße Am Denkmal bis zur Alten Weinstraße. Der Kreis schließt sich, wenn die Weinstraße wieder auf die Hauptstraße trifft. Im Kreis befinden sich ein paar Häuser, die offensichtlich für einige Besitzer zweckmäßig angeordnet sind, ortsfremden Betrachtern aber willkürlich angelegt erscheinen. Schnell wird klar: Die Römer, mit ihren Bauplänen für Städte nach einem Quadratraster, kamen nicht bis Sarnau.

Sarnouwa um das Jahr 1200

Was wenig verwunderlich ist, stammt doch die älteste bekannte schriftliche Erwähnung des Dorfes unter dem Namen Sarnouwa aus der Zeit um das Jahr 1200. Der Sinn und Zweck dieser Anordnung mag uns heute leicht verständlich sein, für die Menschen im Mittelalter war es nicht so, zumal sie sicherlich keinen alten knorrigen Mann auf einer Bank vor einem Haus sitzend vorfanden, der eine Erklärung parat hatte.

Wenn, ja wenn diese Erscheinung nicht der Teufel höchstpersönlich war. Dieser muss wissen, was er anrichtete, als er ein Dorf nahm und es zur Strafe an einen anderen Ort verpflanzte. So geht die Sage um die Entstehung des Ortes. In einer Zeit, in der Neid und Missgunst herrschten sowie angstmachende Predigten vor Strafen in der Hölle für begangene Sünden an der Tagesordnung waren, konnten vermeintliche Erklärungen für Phänomene mit Übersinnlichem leicht entstehen oder in die Köpfe der Menschen gesetzt werden.

Kunterbunter Ortskern

Zumal ihnen der Überblick fehlte, um dem Kern der Sache auf den Grund zu gehen. Doch wieso ist der alte Ortskern von Sarnau so kunterbunt hingewürfelt? Der Ort entstand vermutlich als sogenanntes Haufendorf. Wie Wikipedia zu entnehmen ist, handelt es sich dabei um ein geschlossen bebautes Dorf mit unregelmäßigen Grundstücksgrundrissen und häufig unterschiedlich großen Höfen, die oft von einem Ortsetter, ein Schutzzaun, umgeben sind.

Haufendörfer unterscheiden sich von den meisten anderen Dorfformen dadurch, dass sie unplanmäßig angelegt wurden. Ein großer Teil der Haufendörfer entstand im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Gewanneflur, bei der jeder Bauer Streifen verschiedener Felder bewirtschaftete, deren Lage sich auch ändern konnte. Die Gemarkung solcher Dörfer gliederte sich in Dorfkern, Ackerflur und Allmende.

Elbringshausen nach Sarenau

Zwischen Goßfelden und der Stadt Wetter in Oberhessen lag vorzeiten ein Dorf Namens Elbringhausen, von dem jetzo keine Spuren mehr zu sehen sind. Die Leute darin lebten so üppig und gottlos, daß der Teufel Gewalt über sie bekam und sie aus der guten Gemarkung niederwärts an die Lahn, welche durch ihr Austreten die Felder zu überschwemmen pflegt, auf einen sandigen Boden zu versetzen beschloß. Er nahm also das ganze Dorf in seine Kötze und trug es durch die Lüfte dahin, wo jetzt Sarenau steht. Zuerst fing er an, die Häuser einzeln zu nehmen und der Reihe nach unten aufzustellen, unversehens stürzte ihm aber die Kötze um und der ganze Plunder fiel durcheinander zur Erde. Daher kommt, daß zu Sarenau die sechs ersten Häuser in gerader Gaße, die übrigen aber alle untereinander stehen.

(Brüder Grimm, Dt. Sagen, Band 3 – Publikation des zeitgenössisch unveröffentlicht gebliebenen Bandes 1993 durch Barbara Kindermann-Bieri, S. 22)

Von Gianfranco Fain