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Nordkreis Briefe sorgen vor Urteil für Wirbel
Landkreis Nordkreis Briefe sorgen vor Urteil für Wirbel
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00:19 09.06.2019
Verteidiger Sascha Marks (rechts) spricht mit seinem Mandanten vor dem gestrigen Verhandlungstag. Weiter geht der Strafprozess am 18. Juni. Quelle: Marcello Di Cicco
Marburg

Was so mancher auf den Fluren vor Saal 101 des Marburger Landgerichts gestern Morgen kurz vor der anberaumten Urteilsverkündung im Prozess um den mutmaßlich versuchten Totschlag in Caldern bereits ahnte, bestätigte Dr. Frank Oehm als Vorsitzender des Schwurgerichts nur wenige Minuten später: Ein Urteil wird an diesem Prozesstag nicht verkündet. Der Grund: Der Angeklagte hatte ohne Wissen des Gerichts und seines Verteidigers am 21. und 27. Mai Briefe an das Schwurgericht beziehungsweise dessen Vorsitzenden geschrieben.

Oehm machte aus seiner Verärgerung darüber keinen Hehl und stellte fest, dass der Angeklagte „gerne und viel schreibt, ohne denen etwas davon zu sagen, die es wissen müssten – nicht mal dem Verteidiger“. Das Gericht erreichten die Briefe erst kurz nach dem Ende der Beweisaufnahme Ende Mai.

„Dieses Gericht lässt sich nicht manipulieren“, betonte der ­Vorsitzende nachdrücklich und machte gegenüber dem Angeklagten deutlich: „Der Kontakt zum Gericht läuft nur über den Verteidiger.“ Die Beweisaufnahme wurde nach den neuerlichen Entwicklungen wieder geöffnet. Beim Fortsetzungstermin am Dienstag, 18. Juni (9 Uhr), werden ­erneut die Plädoyers verlesen – dann unter Berücksichtigung der Inhalte aus den Briefen des Angeklagten.

Weitere Briefe seien nicht auf dem Weg

Frühestens dann wird auch das Urteil gesprochen. Weitere Briefe seien nicht auf dem Weg, beteuerte der ­Angeklagte. Nach der Festlegung des Fortsetzungstermins verlas Oehm zunächst die zwei vom Angeklagten an das Gericht adressierten Briefe. Im ersten schildert der Angeklagte seine Ängste, seinen Scham, und er brachte zum Ausdruck, dass es ihm alles „sehr leid“ tue.

„Es ging mir sehr schlecht. Es hat mich sehr getroffen, als die Straftaten verlesen wurden“, heißt es darin. Dem Angeklagten wird von den Vertretern der Anklage versuchter Totschlag, Körperverletzung und Freiheitsberaubung vorgeworfen. Dem Mann wird zur Last gelegt, im Juni 2018 seine damalige Ehefrau nach einem Beziehungsstreit am Hals gepackt und dann zugedrückt zu haben.

Als in der Folge die Polizei anrückte, schoss ein Beamter dem mit Messern bewaffneten Mann ins Bein (die OP berichtete mehrfach). „Der Schuss ins Bein hat mir die Augen geöffnet“, schrieb der Angeklagte seiner inzwischen von ihm geschiedenen Ehefrau in einem beschlagnahmten Brief wenige Tage nach der Tat.

Ängste hätten ihn "aus den Schuhen" gehauen

In diesem und einem weiteren Brief vom Juli 2018 an seine damalige Frau entschuldigte sich der Angeklagte bei ihr, beteuerte seine Liebe und legte seine Ängste und die (gemeinsamen) Probleme dar – vom Alkohol- und Medikamentenkonsum über den Kinderwunsch bis hin zur „kaputten Hüfte“. Diese Ängste hätten ihn „aus den Schuhen“ gehauen. „Ich war nicht stabil genug“, heißt es in einem seiner Briefe an sie.

Vor allem im zweiten, längeren Brief an das Schwurgericht greift der Angeklagte – wie schon in seinem ersten Brief – immer wieder eindringlich die Bitte auf, eine Therapie machen zu dürfen in der Hoffnung, seine Probleme in den Griff zu bekommen. Zudem weist er Vorwürfe zurück, sich bei seiner ­Ex-Frau nicht entschuldigt zu haben, nimmt Stellung zu Vorwürfen der Misshandlung und thematisiert die Suizidversuche und die Eifersucht seiner Ex-Frau.

Zur Verwunderung Oehms erkennt der Angeklagte in seinen jüngsten Briefen die gestellten Forderungen seiner Ex-Frau an und bekräftigte dies gestern auch – im Gegensatz zu den vorherigen Prozesstagen.   

von Marcello Di Cicco