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Nordkreis Kinder stark machen in der Krise
Landkreis Nordkreis Kinder stark machen in der Krise
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18:00 31.08.2020
David (12) und sein Huhn Sabine. Der 12-Jährige ist ein echter Experte.
David (12) und sein Huhn Sabine. Der 12-Jährige ist ein echter Experte. Quelle: Nadine Weigel
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Es ist kaum zu glauben, dass David eigentlich extrem schüchtern ist. Während er im Unterricht nie etwas sagt, sprudelt es jetzt nur so aus ihm heraus. „Nudeln essen die auch ganz gern, aber am liebsten eigentlich Regenwürmer“, erklärt er und streichelt Sabine lächelnd übers Federkleid. Sabine ist Davids Huhn. Der 12-Jährige ist ein echter Hühner-Experte. Er weiß, wo bei Hühnern die Ohren sind, wie oft Hühner Eier legen und noch vieles, vieles mehr. David strahlt, wenn er sein Wissen weitergibt.

„Es ist unglaublich, wie sehr David aufgeblüht ist, seitdem die Hühner da sind“, freut sich seine Mutter Sandra Krieger. Ganz besonders freut sich auch Corinna Posingies, Davids Lehrerin. Denn David ist das Paradebeispiel für Posingies Konzept, das unter dem Motto „echt stark“ läuft. Die 41-Jährige, die sowohl Lehrerin an der Wollenbergschule in Wetter als auch Notfallseelsorgerin ist, will Kindern und Jugendlichen besser durch die psychischen Belastungen der Corona-Pandemie helfen.

Denn während des Corona-Lockdowns und darüber hinaus hat Posingies immer deutlicher gemerkt, wie sehr ihre Schülerinnen und Schüler unter der Situation leiden. „Der Alltag hat sich stark verändert und täglich sind Kinder und Jugendliche vor neue Herausforderungen gestellt“, weiß Posingies. Zahlreiche Studien, die sich mit den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen beschäftigen, bestätigen ihre Erfahrungen.

Mehr als 70 Prozent fühlen sich seelisch belastet

So zeigt unter anderem eine Umfrage des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, dass sich mehr als 70 Prozent von 1.000 befragten Kinder und Jugendlichen durch die Corona-Krise seelisch belastet fühlen. Stress, Angst und Depressionen haben zugenommen. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten habe sich fast verdoppelt, heißt es in der Studie weiter. Die Kinder seien häufiger gereizt, hätten Einschlafprobleme und klagten über Kopf- und Bauchschmerzen.

Für Posingies ist dies alarmierend. Deshalb sei es wichtig, gerade in dieser schwierigen Zeit wieder ganz besonders die Stärken und Ressourcen der Kinder und Jugendlichen in den Blick zu nehmen. „Die sogenannte Resilienzförderung, die Stärkung der eigenen Widerstandskraft, ist momentan von besonderer Bedeutung“, betont die Lehrerin, die Selbstsicherheit und den Ausbau positiver sozialer Beziehungen fördern will.

Ganz besonders wichtig für Heranwachsende in der Pubertät seien positive soziale Interaktionen mit Gleichaltrigen. „Durch die enormen Einschränkungen der Kontakte und den Auswirkungen des Lockdowns wurden aber eben diese teilweise komplett unmöglich. Es muss dementsprechend unbedingt wieder zu einer Verbesserung der analogen Begegnungen und sozialen Beziehungen von Kindern und Jugendlichen kommen“, betont Posingies, die dies aktiv unterstützen und anleiten will.

Positive Erfahrungen sollen Selbstwertgefühl stärken

Ihre Schülerinnen und Schüler sollen durch positive Erfahrungen in sozialen Interaktionen – unter der Einhaltung aktueller Hygienevorschriften versteht sich – ihr Selbstwertgefühl stärken. „Durch die sozialen Medien, die im Übrigen eigentlich und oftmals ziemlich wenig sozial sind, werden viel zu häufig Illusionen von perfekten Menschen dargestellt und viele ’Pubertiere’ fühlen sich dadurch minderwertig“, sagt die 41-Jährige und betont, dass jeder Mensch Qualitäten, Stärken und besondere Eigenschaften hat.

Eben so wie David, der während der Krise zu einem wahren Hühner-Experten avanciert ist, nachdem seine Oma Jutta Laukel, ihm zwei gekauft hatte. „Er hat sich während des Lockdowns sehr zurückgezogen und die meiste Zeit vor dem Computer verbracht. Durch die Hühner ist er viel aktiver geworden“, erinnert sich seine Mutter. Seither verbringt David viel Zeit im Garten bei den Hühnern. Als seine Lehrerin ihn dort das erste Mal erlebte, machte sie Fotos und berichtete in seiner Inklusionsklasse davon. „Eine angenehme, wertschätzende Atmosphäre entstand im Klassenraum und viele Mitschülerinnen und Mitschüler erhielten einen ganz anderen Eindruck von David, der sonst sehr zurückhaltend ist. Wunderbar!“, freut sich Posingies. Später hat David auch selbst sein Wissen in der Klasse weitergeben. Und das obwohl er im Unterricht eigentlich nie etwas sagt. „Das war ein bisschen peinlich, aber ganz ok“, gibt David zu und muss lächeln.

Seine Lehrerin ist begeistert von dem Resultat und will nun, dass wöchentlich Treffen stattfinden. Jedes Kind soll in den nächsten Wochen die eigene Stärke präsentieren – von Trampolinspringen bis hin zu Traktorfahren. „Durch Begleitung der Themensuche bzw. der Suche nach der eigentlichen Stärke des Kindes, kann ich zielorientiert ein Besuchsangebot für die Kinder erarbeiten“, erklärt die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Kriseninterventionsdienstes. Es gehe darum, dass die Heranwachsenden sich gegenseitig besuchen, wahrnehmen, wertschätzen lernen und so einen Einblick in das Leben anderer Familien erhalten. Besonders bei sozial benachteiligten Kindern werde dies herausfordernd, aber sicherlich erfolgreich und machbar, glaubt sie und fasst ihr Credo in der Krise so zusammen:

„Achtet auf die Stärken jedes Einzelnen! Das kann dazu beitragen, gestärkt aus einer Krise heraus zu gehen!“

Mehr zum Thema „Schule und Corona“ gibt es im nächsten OP-Talk im Livestream auf unserem Facebook-Kanal und unserer Website. Am Donnerstag (3. September) ab 19.30 Uhr diskutieren Experten über die Herausforderungen der Pandemie.

Von Nadine Weigel