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Nordkreis Zirkus bangt um seine Existenz
Landkreis Nordkreis Zirkus bangt um seine Existenz
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09:00 09.08.2020
Der Circus Barelli bangt wegen Corona um seine Existenz. Das kleine Minishetty-Fohlen wurde Corona getauft. Foto: Nadine Weigel
Der Circus Barelli bangt wegen Corona um seine Existenz. Das kleine Minishetty-Fohlen wurde Corona getauft. Quelle: Nadine Weigel
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Ernsthausen/Burgwald

Noch steht er ein bisschen wackelig auf seinen winzigen Beinchen. Aber saufen tut er – und das ist die Hauptsache. „Der Kleine ist ein Lichtblick in dunklen Zeiten“, sagt Henry Spindler-Barelli und blickt auf das winzige Minishetty-Fohlen, das gierig am Euter seiner Mutter säuft. Die Geburt des kleinen „Corona“, wie die Zirkusfamilie das Fohlen genannt hat, sei ein „kleines Wunder“, betont das Familienoberhaupt.

Es sei eine aufregende Nacht gewesen, in der alle glaubten, das Fohlen habe die Geburt nicht überlebt. Das kommt bei Minishetty-Stuten aufgrund ihres schmalen Beckens nämlich häufiger vor. „Die Fruchtblase bei der Stute hing raus und wir dachten, das Fohlen sei tot im Bauch, weil es nirgends bei ihr lag“, erzählt Spindler-Barelli.

Doch dann habe man weiter entfernt etwas gehört und schließlich das kleine Fohlen versteckt unter einer Treppe in der großen Halle gefunden. „Wir waren glücklich, dass es lebt, aber die Mutter hat es erst nicht angenommen, sodass wir die ersten Tage mit der Flasche füttern mussten“, erzählt der Seniorchef. Gut eine Woche ist das Fohlen nun alt und mittlerweile lässt Mutter Prinzessin es saufen.

„Und nun sind wir im offenen Vollzug“

Die Zirkusfamilie Barelli ist knapp hinter der Kreisgrenze in Ernsthausen im Burgwald gestrandet. Aus ihrem Winterquartier in einer ehemaligen Betonfabrik, das sie im Januar bezogen hat, ist ein Corona-Quartier geworden. Kein Zirkuszelt, die knallroten Lkws stehen im Hof. Corona hat den Zirkus ausgebremst. Ein Alptraum für die Familie, die nach eigenen Angaben seit acht Generationen mit ihrer Show durch Deutschland tingelt. „Und nun sind wir im offenen Vollzug. Wir sind frei, aber können hier nicht weg und nicht auftreten“, sagt Seniorchef Henry Spindler-Barelli.

Die Artisten seien alle am Anfang der Pandemie in ihre Heimatländer zurückgekehrt, nur seine zwei Söhne, die Tochter und die Enkel würden sich nun um die 30 Tiere kümmern. Wildtiere hat Barelli nicht mehr, aber Pferde, Ponys, Kamele und zwei Kühe gehören zum Programm. Ein Zirkus ohne Tierdressur sei kein Zirkus, sagt der 63-Jährige. Kritik von Tierschutzvereinen weist er zurück.

„Den Tieren geht es gut“, sagt er. Die Pferde stehen in der großen Halle in Einzelboxen, die Kamele in einem Paddock, der ihnen erlaubt, etwas hin- und herzulaufen. Die Kühe liegen zusammen im Stroh. Hinter der Halle hat die Familie einen kleinen Bereich mit Elektrozaun abgetrennt. Gerade steht der schwarze Hengst Zorro auf dem Paddock und wiehert nach den Stuten. „Im Wechsel kommen alle Tiere auf den Auslauf, die brauchen doch Abwechslung und frische Luft“, so die 14-jährige Ashley.

Die Familie hofft, dass es vielleicht Landwirte gibt, die weitere Wiesen zur Verfügung stellen – oder die Futter spenden könnten. Denn das wird knapp. Die Zirkusfamilie ist verzweifelt. 1.000 Euro am Tag brauche er, um alles am Laufen zu halten, sagt Spindler-Barelli. „Wir Menschen bekommen Hartz 4, aber für die Tiere bekommen wir gar nichts. Wir leben momentan von Futterspenden.

Wir gehen betteln von Haus zu Haus, das ist nicht unsere Art, wir sind große Zirkusleute“, so der 63-Jährige. Er kritisiert, dass Zirkusunternehmen genau wie Schausteller von der Politik im Stich gelassen und keine staatliche Förderung bekommen würden. Lange halte seine Familie die coronabedingte Zwangspause nicht mehr durch. Dass die Familie nun Vorstellungen mit kleinem Publikum in einer Freiluft-Manege in Ernsthausen anbieten darf, sei nur ein schwacher Trost und könne niemals die Verluste reinholen.

Am 22. und 23. August findet in Ernsthausen ab 15 Uhr eine Vorstellung unter Corona-Bedingungen statt. Mehr Infos unter Telefon 01573/2818873.

Tierschützer kritisieren Zirkus

Die Tierschutzorganisation Peta setzt sich für ein vollumfängliches Verbot von Tieren im Zirkus ein, da die Haltungsbedingungen nicht artgerecht seien und die Tierdressur geprägt sei von Gewalt und Zwang. Auf ihrer Internetseite sammeln die Tierschützer Verstöße diverser Zirkusunternehmen gegen das Tierschutzgesetz.

Dem Circus Barelli wirft Peta vor, im Februar 2019 eine hochträchtige Kamelstute ins damalige Winterquartier in Wiesloch transportiert zu haben, obwohl die Kamelstute gemäß Zirkusleitlinien in den letzten sechs Wochen der Trächtigkeit nicht mehr im reisenden Zirkusbetrieb hätte mitgeführt werden dürfen, um die Gesundheit von Mutter und Fohlen nicht zu gefährden.

Auf Nachfrage der OP bestätigt der Circus Barelli den Fall. „Was hätten wir denn machen sollen? Die trächtige Kamelstute allein auf dem Platz lassen? Sie musste doch ins Winterquartier“, rechtfertigt Ramona Spindler die Aktion.

Der Landkreis Waldeck-Frankenberg bestätigte auf Anfrage der OP, dass das zuständige Veterinäramt regelmäßige Kontrollen beim Circus Barelli in Ernsthausen durchführt. Bislang habe es bei den beiden ausführlichen Kontrollen „keinerlei Beanstandung“ gegeben. Die Haltung der Tiere sei „vorschriftsmäßig“, so die Behörde.

Von Nadine Weigel

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