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Nordkreis Cölbes Käpt‘n Carle geht von Bord
Landkreis Nordkreis Cölbes Käpt‘n Carle geht von Bord
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00:17 09.04.2019
Cölbes Ex-Bürgermeister Volker Carle (links) und sein Nachfolger Dr. Jens Ried nach der Sitzung der Gemeindevertretung in Bürgeln. Quelle: Dominic Heitz
Bürgeln

Irgendwann war alles gesagt zum Abschied des Bürgermeisters; Lob, Dank und Bedauern waren ausgedrückt. Weil sich die Welt aber immer weiterdreht, stand als letzter Akt der Parlamentssitzung, die Vereidigung des Nachfolgers, auf dem Programm.

Parlamentsvorsitzender Michael Kiefer wandte das Wort an Dr. Jens Ried. Gemeindevertreter und Publikum blickten auf den neuen Mann im Cölber Rathaus.

Volker Carle stand noch hinter seinem Platz am Tisch des Gemeindevorstandes. 18 Jahre­ lang richteten sich stets alle Augen auf ihn, wenn das Parlament zusammenkam. In jenem Augenblick, als sich die Aufmerksamkeit von ihm löste und auf seinen Nachfolger übertrug, schob Carle seinen Stuhl an den Tisch. Das war‘s.

Zuvor hatte er eine letzte ­Rede als Bürgermeister vor den 
­Gemeindevertretern gehalten, 
hatte sich verabschiedet vom Parlament, dem Gemeindevorstand, den Verwaltungsmitarbeitern und den Bürgern der Gemeinde. Er empfinde vor ­allem Dankbarkeit, sagte er. „Es war eine Wahnsinnszeit, ein ­Riesengeschenk.“

„Die Gemeinde braucht ihre Bürger“

Carle zollte den Parlamentariern „höchsten Respekt“ für ihr politisches Engagement. Jahr für Jahr investierten sie viel Zeit – zum Beispiel in die Gestaltung des Gemeindehaushaltes. Sein Dank galt auch den Mitarbeitern der Verwaltung. „Ohne die geht nichts“, sagte er. Und nicht zuletzt bezog er Cölbes Bürger in seine Worte ein. „Die Gemeinde braucht ihre Bürger“, so Carle. So sei beispielsweise die erste Betreuung für Krippenkinder in der Gemeinde von Eltern organisiert worden.

Wohl jeder in der Bürgelner Mehrzweckhalle spürte, dass dieser Moment des Abschieds dem Bürgermeister nahe ging. „Ich schleiche mich jetzt so langsam raus“, sagte er. Etwas bange sei ihm schon, weil er nicht genau wisse, wie er mit der Ruhe klarkommt. Schließlich ist er derzeit noch einen vollen ­Terminkalender gewohnt.

Seinem Vater, seinerzeit Bürgermeister in Münchhausen, sei der Ruhestand anfangs auch nicht leicht gefallen. „In den ersten Monaten haben wir uns Sorgen um ihn gemacht“, erinnerte sich Volker Carle.

Fast zwei Jahrzehnte auf dem Chefsessel

Seine Tochter hatte vor 18 Jahren sofort gemerkt, was das Amt des Bürgermeisters ihrem Vater abverlangen würde. Wohl auch, weil sie gern mehr Zeit mit ihm verbringen wollte, hatte sie dem frischgebackenen Bürgermeister nach drei Monaten Amtszeit gesagt: „Papa, da musst du dich wieder abmelden.“ Hat er nicht getan, seine Tochter hat es ihm sicher verziehen.

Carle hat fast zwei Jahrzehnte­ für das Wohl der Menschen in der Gemeinde Cölbe gearbeitet. „Ich habe es immer als meine Aufgabe angesehen, die Entscheidung der Gemeindevertretung umzusetzen“, sagte er. Auch wenn man im politischen Diskurs nicht immer einer Meinung gewesen sei, habe er mit Parlament und Gemeindevorstand immer sachlich zusammenarbeiten können. „Wenn ich mal auf dem falschen Weg unterwegs war, hat das Parlament mich eingefangen.“

Wichtige Projekte erfolgreich umgesetzt

Dieses Fazit dürften die meisten seiner politischen Wegbegleiter teilen. Einige von ihnen nahmen diese letzte gemeinsame Sitzung zum Anlass, um dem Rathauschef zu danken und ihm Respekt zu zollen.

Dr. Jürgen Bunde von den Grünen verabschiedete sich von Carle mit einem Vergleich zur Seefahrt. „Der Kapitän des Cölber Schiffes geht von Bord“, so Bunde. Aber er gehe weder, weil das Schiff sinke, denn Cölbe gehe es gut. Noch gehe er, weil die Mannschaft meutere, denn seine Mitarbeiter in der Verwaltung stünden hinter ihm. Der Kapitän gehe vielmehr aus freien Stücken. Carle habe in seiner Amtszeit verschiedene Leuchttürme angesteuert, so Bunde. Soll heißen: wichtige Projekte erfolgreich umgesetzt.

Auch Hildegard Otto (SPD) blickte auf die Jahre zurück, die Volker Carle das Rathaus leitete. Otto erzählte von Wasserschäden an Silvester, gestohlenen Kicker-Tischen und davon, dass auch der Bürgermeister einmal jung gewesen sei. Zum Beweis hatte sie ein altes Wahlplakat dabei. Und richtig: Darauf zu sehen ein junger Kapitänsanwärter, noch ohne das wettergegerbte Gesicht von der Zeit auf hoher See. „Danke für die 18 Jahre“, sagte Otto.

Ried nimmt am 16. Mai die Arbeit auf

Schließlich wünschte der Vielgelobte seinem Nachfolger Ried noch alles Gute für dessen Start in das Amt. Jens Ried nimmt am 16. Mai seine Arbeit auf. „Ich hoffe, dass er die gleiche Unterstützung bekommt, wie ich“, so Carle. Und wenn der Neue mal einen Fehler mache, solle das Parlament ihm „nicht gleich den Kopf abreißen“.

Ried selbst nahm die Herausforderungen, die das Amt mit sich bringt, formal am Mittwochabend an. Zunächst verpflichtete der Parlamentsvorsitzende Michael Kiefer ihn per Handschlag. So ist es vorgeschrieben. Anschließend legte der zukünftige Verwaltungschef den feierlichen Eid ab. Es kann also losgehen.

von Dominic Heitz