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Nordkreis Cölbe drückt bei der Solarenergie aufs Gas
Landkreis Nordkreis Cölbe drückt bei der Solarenergie aufs Gas
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14:55 18.07.2020
Im Feld bei Reddehausen soll ein neuer Solarpark entstehen. Cölbes Bürgermeister Dr. Jens Ried stellte die Pläne vor. Quelle: Ina Tannert
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Reddehausen

Bis 2040 will sich die Gemeinde Cölbe zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien versorgen – das ist das große Ziel, das auch gerne früher erreicht werden darf. Zumindest sind die nächsten Schritte für die grüne Wende nun gegangen oder werden es gerade und zwar in Form von zwei neuen Solaräckern auf Gemeindegebiet.

Einen gibt es bereits seit 2012 in Bernsdorf, wo knapp 13.500 Solarmodule sauberen Strom ins Netz pumpen. Nun nehmen die Pläne von zwei voneinander unabhängigen neuen Projekten Formen an.

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Nummer eins: In den Feldern bei Reddehausen plant die „Belectric Solar & Battery GmbH“, Tochterunternehmen der RWE-Tochter „Innogy“, mit Sitz in Unterfranken einen Solaracker. Das Unternehmen ist weltweit in der Entwicklung und im Bau von Freiflächen-Solarkraftwerken und Energiespeichersystemen tätig.

Auf einer Fläche von sieben Hektar plant Belectric als Investor den Solarpark zu errichten, der dann an einen künftigen Betreiber verkauft werden soll, der erst nach einem Bieterverfahren feststehen wird, berichtet Bürgermeister Dr. Jens Ried bei einem Ortstermin. Das Vorhaben wurde bereits im Ortsbeirat Reddehausen vorgestellt.

Kosten ungefähr sieben Millionen Euro

Dort sprach ein Unternehmensvertreter von einer Anlage, die maximal sieben Megawatt Strom erzeugen kann, von denen sechs Megawatt – die maximale Einspeisungsobergrenze – ins Netz fließen dürften. Das reiche aus, um rund 1.500 Vierpersonenhaushalte mit Energie zu versorgen. Rund 6.150 Tonnen CO2 könnten so eingespart werden, „das ist eine gute Hausnummer“, berichtet Projektentwickler Alexander Ferber von Belectric auf Nachfrage.

Das Investitionsvolumen liege geschätzt bei sieben Millionen Euro, „man kann es aber noch nicht genau sagen, wie viel es am Ende wird, es fehlt noch die finale Abstimmung“. Die genauen Kosten für das Bauleitverfahren, Auflagen vom Naturschutz oder wo genau die Kabeltrasse durchgeführt werden darf, all das stehe noch aus.

Ferber: „Wir stehen in den Startlöchern“

Mit den Grundstücksbesitzern der privaten Flächen bei Reddehausen hat sich die Firma bereits geeinigt, wartet nun auf die politische Entscheidung aus der Gemeinde und den Aufstellungsbeschluss. Ende August wird sich die Gemeindevertretung erneut mit der Änderung des Flächennutzungsplanes befassen, für das Projekt muss die landwirtschaftliche Fläche in eine „Sonderbaufläche Photovoltaik“ umgewandelt werden.

„Wir stehen in den Startlöchern, je früher desto besser, aber wir orientieren uns an den lokalen Gegebenheiten“, sagt Ferber. Etwa in einem Jahr könnte der Bau prinzipiell starten; bis alle Anlagen stehen, könnten zwischen vier und sechs Monate vergehen. Bedenken gegen das Vorhaben scheint es in Reddehausen nicht zu geben, „generell ist nichts gegen das Projekt einzuwenden, wir hatten einen Solaracker sowieso angedacht – man muss nun sehen, wie das Ganze genau konzipiert wird“, sagt Ortsvorsteherin Hildegard Otto.

Ried: Bodenqualität geringwertig

Ein paar Punkte seien noch zu klären, aber von Kritik gegen das bereits weit fortgeschrittene Projekt habe sie im Ort nichts gehört. Dass die aneinandergereihten Solar-Anlagen optisch die Bewohner stören werden, davon geht auch Ried nicht aus, „man wird es vom Ort her nicht so stark sehen, auch nicht von der Straße aus“. Durch die Reflexionen der Sonne könnte allerdings ein Spiegeleffekt entstehen – wie die Anlagen daher am Ende ausgerichtet werden müssten, werde noch geprüft.

Für den Solarpark sollen auf zwei weiteren Hektar außerdem Ausgleichsmaßnahmen entstehen. Fällt durch das Projekt nun wertvolle landwirtschaftliche Nutzfläche weg? Laut Ried eher nicht: Die Bodenqualität am Standort sei geringwertiger als anderswo, enthalte weniger Nährstoffe und liege stellenweise am Hang, es seien sogenannte „benachteiligte Flächen“.

Zwar sei die landwirtschaftliche Nutzung stets im Konflikt zum Ausbau für erneuerbare Energien, an dieser Stelle aber vertretbar, „wir haben an beidem Bedarf und müssen das zusammenbringen“. Zwischen den einzelnen Feldern wachsen zudem zwei langgezogene Hecken und die sollen auch unbedingt als Rückzugsorte für Vögel erhalten bleiben, das würde vertraglich so festgehalten werden.

Im Idealfall 70 Prozent der Gewerbesteuer

Auf das private Projekt hat die Gemeinde generell wenig Einfluss, wurde selber ein Stück weit überrascht, als die Firma das Vorhaben anfangs noch ohne Kenntnis der Gemeinde auf den Weg brachte. Das ist möglich, da auf der als sogenanntes Vorbehaltsgebiet für Photovoltaik-Freiflächenanlagen im Regionalplan ausgewiesenen Ackerfläche Solaranlagen gebaut werden dürfen. Vom Geschäftsgebaren sei das daher auch „nicht zu beanstanden, aber wir werden schon etwas vor vollendete Tatsachen gestellt“, stellt der Bürgermeister fest.

Was hätte der Gemeinde nun von dem Solarpark? Neben der Produktion von grünem Strom auf Gemeindegebiet prinzipiell die Beteiligung an der Gewerbesteuer, sofern diese entsprechend ausfällt. Das komme durchaus auf das Betreibermodell an: Sollte ein einzelner Betreiber das deutschlandweite Bieterverfahren für sich entscheiden, könnten um die 70 Prozent an Gewerbesteuer in der Gemeinde verbleiben. Falls sich aber mehrere Betreiber die Anlage teilen sollten, könnte das erhoffte Plus weit geringer ausfallen.

Gespräche mit Grundstückseignern laufen

Dass später die Solaracker Cölbe GmbH & Co. KG – die bereits den Solarpark bei Bernsdorf betreibt – auch diesen Standort übernehmen und betreiben könnte, davon geht Ried nicht aus, dafür fehle wohl das nötige Kapital. Die GmbH, an der auch die Gemeinde beteiligt ist, hätte im Bieterverfahren als lokales Unternehmen zwar gewisse Chancen, könne sich aber wohl kaum gegen große Player in der Solarbranche durchsetzen.

Anders sieht es aus bei Nummer zwei, einem möglichen dritten Solar-Projekt in Cölbe – diesmal zwischen Bürgeln und Schönstadt. Nach dem Vorbild des bereits bestehenden Solarackers bei Bernsdorf könnte dort auf den Feldern eine Anlage für die Stromproduktion entstehen – und das durch die Solaracker Cölbe GmbH, so ist zumindest der Plan. Auch an diesem Standort gebe es teils weniger wertvolle Böden, die sich als Aufstellungsflächen für die Anlagen eignen würden, sagt Ried. Gespräche mit den Grundstückseigentümern laufen derzeit.

Zweiter Solarpark in Gemeindehand

Um den nötigen Aufstellungsbeschluss erreichen zu können, muss sich auch hierbei die Gemeindevertretung mit dem Thema befassen, eventuell ebenfalls schon im August. Er wolle beim Solar-Thema nun „etwas mehr aufs Gas drücken – wir brauchen noch fünf Megawatt“, sagt Ried.

So viel brauche es, um den geschätzten Bedarf in der Gemeinde decken zu können. Darin eingerechnet sei allerdings noch nicht der nur schwer vorhersehbare künftige Strombedarf durch eine wachsende Elektromobilität. Durch eine steigende Elektrifizierung des Verkehrs könne der Bedarf noch weiter steigen.

Auch wenn zwar noch Zeit sei bis zum Energie-Ziel von 2040: „Es verbietet uns ja niemand, unsere Ziele früher zu erreichen – und eigentlich haben wir durch den Klimawandel gar keine Zeit mehr.“

Von Ina Tannert

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