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Nordkreis Direktkandidaten diskutieren über Benachteiligung und Teilhabe
Landkreis Nordkreis Direktkandidaten diskutieren über Benachteiligung und Teilhabe
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08:00 16.09.2021
Um Themen der Bildungspolitik und der sozialen Gerechtigkeit ging es bei der Gesprächsrunde des St. Elisabeth-Vereins.
Um Themen der Bildungspolitik und der sozialen Gerechtigkeit ging es bei der Gesprächsrunde des St. Elisabeth-Vereins. Quelle: Peter Kneffel
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Cölbe

Wäre das Thema nicht so ernst, könnte man diese Wortschöpfung als originell und gelungen bezeichnen: Benachteilhabe. Doch die sozialen Unwuchten, die krassen Unterschiede zwischen Benachteiligten und Teilhabenden in Deutschlands Gesellschaft treten nach wie vor an vielen Stellen zutage. Grund genug für den St. Elisabeth-Verein, unter dem Slogan „Benachteilhabe – Einmal arm, immer arm?“ eine Reihe von Bundestagswahl-Direktkandidatinnen und -kandidaten zum politischen Gespräch ins Café Salamanca in Cölbe zu bitten.

Mit Ulrich Kling-Böhm vom Vorstand des St. Elisabeth-Vereins und dem für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Manfred Günther diskutierten am Mittwoch (15. September) Dr. Stefan Heck (CDU), Sören Bartol (SPD), Stephanie Theiss (Grüne) und Maximilian Peter (Linke).

„Was ist Armut, was bedingt Armut und wie kann Teilhabe erleichtert werden?“ So umriss Kling-Böhm den Themenkomplex, der das Gespräch mit den Politikerinnen und Politikern bestimmen sollte.

Zunächst ging es um die Digitalisierung der Gesellschaft und die Frage, wie Politik an diesem Punkt soziale Gerechtigkeit gewährleisten kann.

Bartol: „Riesenschub“

Die Gäste des Elisabethvereins waren sich weitgehend einig darin, dass die Coronapandemie eines gezeigt habe: Insbesondere im Bildungssystem war Deutschland nicht ausreichend auf die digitalen Herausforderungen vorbereitet. „Wir haben wie durch ein Brennglas gesehen, was passiert, wenn Digitalisierung nicht funktioniert“, so Bartol, der einen „Riesenschub“ forderte: „Und da gehört neben den Schulen auch die Kinder- und Jugendhilfe dazu.“

Auch Heck sah in dieser Hinsicht noch Nachholbedarf: „Bis jetzt haben wir noch kein spezifisches Paket für die Kinder- und Jugendhilfe.“ Stephanie Theiss forderte, „das Jahrzehnt anzupacken und die Gesellschaft durchzudigitalisieren“. Maximilian Peter unterstützte die Forderung nach einem leistungsfähigen Digitalpakt und sprach sich dafür aus, bei der Ausstattung mit Software den Fokus stärker auf Open-Source-Produkte zu legen – um „nicht auf Microsoft oder Apple angewiesen zu sein“.

Ulrich Kling-Böhm nahm die Beiträge der Kandidatinnen und Kandidaten auf und sagte: „Solange die Kinder in der Schule sind, funktioniert ja meistens alles super. Aber zu Hause hapert es, weil sich viele Familien keinen leistungsfähigen Breitbandanschluss leisten können.“

Theiss: „Ausbauen, ausbauen“

Es gelte, Zentren zu schaffen für kostenfreies WLan, sagte der Kandidat der Linken und forderte, die Telekommunikationsnetze in die Verantwortung der öffentlichen Hand zu legen. Stephanie Theiss kritisierte die fehlende digitale Infrastruktur: „Da müssen wir ausbauen, ausbauen, ausbauen und dann Sorge dafür tragen, dass es billiger wird.“ Darüber hinaus machte sich die Grüne für Informatik als Schulfach stark.

Einen Weg zu einer besseren digitalen Teilhabe für Menschen mit geringen Einkommen sah Bartol in einer stärkeren Einbindung der Volkshochschulen; Theiss schlug vor, dass die Arbeitsagenturen ebenfalls „Stätten digitaler Weiterbildung“ sein sollten.

Heck: „Thema auf der Agenda“

„Am Ende steht immer die Frage: Wo kommt das Geld her?“, warf Ulrich Kling-Böhm in die Runde. Aus der Praxis des Elisabeth-Vereins kritisierte er, dass zu wenig Mittel etwa für Medienpädagogen, aber auch für Breitbandanschlüsse in den dezentralen Wohngruppen da seien. Also gelte es, die in der Verantwortung stehenden Kommunen finanziell besser auszustatten.

Der Christdemokrat Stefan Heck meinte zu diesem Punkt: „Wir sind da in den zurückliegenden 18 Monaten schon ein gutes Stück weitergekommen – alle haben das Thema auf der Agenda.“

Peter: „Wir müssen investieren“

Der Linke Maximilian Peter wiederholte an dieser Stelle die Forderung seiner Partei, sich von der Schwarzen Null zu verabschieden: „Wir müssen endlich investieren, anstatt immer nur auf Nummer Sicher zu gehen.“

Für Stephanie Theiss ist die Finanzierungsproblematik auch eine Frage der richtigen Verteilung – und sie forderte, dass der Bund „große Investitionsprogramme auflegen“ müsse „für Klima, Mobilität und soziale Gerechtigkeit“.Gerechtigkeit war ein Stichwort, das Gastgeber Ulrich Kling-Böhm auch im Zusammenhang mit der Teilhabe am Arbeitsmarkt einforderte.

Daraufhin brachen seine Gesprächspartnerinnen und -partner eine Lanze für das duale Bildungssystem. „Es hat uns groß gemacht und ist eine Stärke unseres Landes“, sagte etwa der Sozialdemokrat Sören Bartol.

Der SPD-Direktkandidat meinte jedoch auch, die klassische Berufsausbildung gerate unter Druck: „Ich habe die Befürchtung, dass das System unter die Räder gerät.“

Wie Bartol sah auch die Grüne die zunehmende Akademisierung der Arbeitswelt als große Herausforderung. Sie forderte eine größere gesellschaftliche Wertschätzung für nicht-akademische Berufe, eine konsequentere Einbeziehung der Geschlechterperspektive, die Förderung lebenslangen Lernens sowie die Stärkung inklusiver Schulstandorte.

Von Carsten Beckmann

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