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Nordkreis Gute Luft dank langem Atem
Landkreis Nordkreis Gute Luft dank langem Atem
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16:00 22.07.2022
Ein Blick auf die Firma, wie sie sich heute darstellt. Es gibt keinen Rauch zu sehen, keine Staubentwicklung.
Ein Blick auf die Firma, wie sie sich heute darstellt. Es gibt keinen Rauch zu sehen, keine Staubentwicklung. Quelle: Götz Schaub
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Sarnau

Die Bürgerinitiative Windrose ist mit ihrem Anliegen auf der Zielgeraden angekommen. Wenn das auch nur ein Mitglied am 19. Mai 1999 geahnt hätte, dass es so lange dauern würde!

Egal – der harte Kern der Initiative, die zu Hochzeiten 140 Mitglieder stark war, hat sich nie entmutigen lassen und immer weiter für die „Sache“ gekämpft und langen Atem bewiesen. Obwohl es auch Zeiten gab, in denen jeder verstanden hätte, wenn man entnervt aufgegeben hätte. Alles fing mit „Lisa“ an. Mit „Lisa 21“ – die Lahntaler industrielle Stoffstrommanagement Anlage, um genau zu sein. So nannte die Firma Marburger Rohstoffverwertung Johannes Völker GmbH eine vermeintliche Weltneuheit. „Lisa21“ sollte als energetische Verbrennungsanlage eingesetzt werden. In ihr sollten die Autoteile verbrannt werden, die bis dahin als nicht wiederverwertbar galten. Damit war die so genannte Schredderleichtfraktion gemeint. Und diese hatte es in sich.

Schredderleichtfraktion

Lisa 21 sollte als Verbrennungsanlage für nicht verwertbare Autoreststoffe – die sogenannte Schredderleichtfraktion – errichtet werden. Dies hätte bedeutet, dass weltweit erstmalig ein solches Gemisch der unterschiedlichsten Materialien in Lahntal-Sarnau verbrannt worden wäre. Die Folgen wären kaum absehbar gewesen. Die Schredderleichtfraktion ist ein Sammelsurium aus unter anderem Hartkunststoffen, Elastomeren, Holz, Textilfasern, Glas und Metallen. Öle, Bremsflüssigkeiten, FCKW und Blei gehören zu den umweltschädlichen Bestandteilen.

Menschen in Lahntal, aber auch in Cölbe hatten Angst, dass End- und Zwischenprodukte aus dem Verbrennungsprozess aus der Anlage entweichen und die Luft wie auch die umliegenden Böden belasten könnten. Wie sich später herausstellen sollte, war diese Angst sehr begründet. Im Sommer 2011 kam es zu einem folgenschweren Brand auf dem Betriebsgelände. Es war der Startpunkt eines langen Weges zu einer echten Lösung, mit der auch Anwohner leben können. Der BI, das erzählen die beiden Kernleute der BI, Günther Knarr und Helmut Rakow, ging es darum, zu erreichen, dass die Anlagen des Betriebes den behördlichen Auflagen gerecht werden, so dass von ihnen keine Umweltgefahr durch freigesetzte belastete Stäube zu erwarten ist. Dieser Weg war ein langer und steiniger. Gerade Anfang der 2000er-Jahre ging es hoch her. Als „Lisa 21“ als nicht umsetzbar vom Tisch war, ging es gezielt gegen die vorhandene Schredderanlage. Lärm- und Geruchsbelästigungen waren das eine Anliegen, die Luftreinhaltung das andere, vielleicht wichtigere, Anliegen, um eine Gesundheitsgefährdung von Anwohnern ausschließen zu können.

So lange „Lisa 21“ Thema war, wurden die Entwicklungen auch in der Nachbarkommune Cölbe mit Sorge begleitet; insbesondere die Reddehäuser fürchteten, es mit belasteter Abluft zu tun zu bekommen. 2005 hatte die BI endlich schwarz auf weiß, was sie vermutete, was sie durch eigene Beobachtungen festgestellt hatte:

Das beauftragte Öko-Institut Freiburg nahm in seinem Gutachten unmissverständlich Stellung: „Die Schredderanlage der Fa. Marburger Rohstoffverwertung Johannes Völker GmbH wird häufig und über langandauernde Zeiträume nicht entsprechend der Auflagen zur Luftreinhaltung betrieben.“

2011 kam es zu einem nie dagewesenen Zwischenfall

Doch es sollte tatsächlich bis 2011 dauern, bis neue Bewegung in die Sache kam. Ausgangspunkt war ein in dieser Ausprägung noch nie dagewesener Zwischenfall. „Eine Halde auf dem Firmengelände geriet in Brand. Es entstand eine massive Rauchentwicklung, die für Beeinträchtigungen der Luftqualität in Lahntal und den angrenzenden Gemeinden sorgte. 46 Anwohner mussten vorübergehend evakuiert werden“, erinnert sich Knarr.

Mitte 2013 erfolgte eine Grenzwertanordnung durch das Regierungspräsidium Gießen für gesundheitsgefährdende Stoffe. Es folgte noch im selben Jahr eine kurzfristig umzusetzende Sanierungsanordnung.

Ziellinie in Sicht

Dieser Sofortvollzug wurde vom Betreiber vor dem Verwaltungsgericht in Gießen beklagt. 2015 wurde die Klage auf die gesamte Sanierungsanordnung ausgedehnt. Alles schien wieder kompliziert zu werden. Derweil konnte kein Grasschnitt als Futtergewinnung für Weidetiere rund um die Anlage erfolgen, wegen zu hoher Schadstoffbelastungen. Doch wie heißt es so schön, neue Besen kehren gut. Es kam in den folgenden Jahren zu zahlreichen personellen Veränderungen und auch die Firma hatte unter dem Namen Scholz Recycling GmbH ab 2018 einen neuen Betreiber. Man könnte noch Seiten füllen mit dem, was dann passierte, aber ganz nüchtern gesagt: Das Blatt wendete sich zum Guten, die Parteien und Vertreter der Behörde redeten auf Augenhöhe mit großer Offenheit und großem Verständnis füreinander (diese Zeitung berichtete 2019). „Wir waren mit fünf Personen von der BI jetzt im Mai bei der Firma eingeladen, um die Fortschritte selbst zu sehen und über alles weiter zu sprechen“, sagt Rackow.

Er sieht das Anliegen der BI nun auf der Zielgeraden angekommen und die Ziellinie sieht er auch endlich in Sicht. Zukünftige Schadstoffmessungen in der Umgegend sollen dann den Beweis dafür liefern, was man jetzt schon erahnen kann: Dass alles auflagenkonform läuft und weitere Umweltschäden auszuschließen sind.

So sind die Vorstandsmitglieder der BI guter Dinge, wollen aber auch zum Ausdruck bringen, dass sie sich in all den Jahren vom politischen Lahntal ziemlich alleine gelassen gefühlt haben. Lediglich Lob aus dem Ortsbeirat Sarnau für ihren langjährigen Einsatz sei ihnen zuteil geworden. 

OP-Berichterstattung seit 2011

Wie die OP in den vergangenen Jahre über das Thema berichtete, lesen Sie hier:
2019

2017

2016

2015

2014

2013

2012

2011

Von Götz Schaub

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