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Nordkreis Bremsen Vögel Windkraftpläne aus?
Landkreis Nordkreis Bremsen Vögel Windkraftpläne aus?
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19:58 16.04.2021
Unter den Vogelarten, die bei Niederasphe vorkommen, lassen sich auch Neuntöter finden.
Unter den Vogelarten, die bei Niederasphe vorkommen, lassen sich auch Neuntöter finden. Quelle: Foto: Peter Schmack
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Niederasphe

Der Windkraft-Projektierer UKA Meißen plant bei Niederasphe den Bau von sechs Windenergieanlagen des Typs „Vestas V162“ mit einem Rotordurchmesser von 162 Metern und einer Nabenhöhe von 166 Metern. Mit Datum vom 10. Dezember 2020 wurde der Windpark Niederasphe vom Regierungspräsidium Gießen genehmigt (diese Zeitung berichtete). Damit sah es so aus, als ob die Arbeit der Bürgerinitiative Windkraft Niederasphe mehr oder weniger erledigt schien.

Die BI hat die Würfel aber noch einmal zu einem Wurf aufgenommen. Sie hat es geschafft, dass der eingetragene Verein „Regionalverband Taunus Windkraft mit Vernunft“ Klage gegen die Genehmigung des Windparks Niederasphe eingereicht hat. Nach wie vor befürchten die Mitglieder der BI einen massiven Verlust bei ihrer bisherigen Lebensqualität auf dem Lande, wenn die sechs Anlagen erst einmal stehen. Schlagworte sind hier Infraschall und Schlagschatten sowie mögliche Gesundheitsgefahren.

Ungeachtet dieser unterschiedlich diskutierten Problematiken, rückt aktuell ein anderer Aspekt in den Fokus: Der Tier- und Umweltschutz. Der hessische Verwaltungsgerichtshof hatte zuvor den Runderlass der schwarz-grünen Landesregierung zum grundsätzlichen Vorrang der Windenergie vor dem Artenschutz verworfen. In dem Beschluss vom 14. Januar dieses Jahres heißt es unter anderem, dass der Runderlass keine Bindungswirkung habe.

Die Mitglieder der BI hegen schon länger den Verdacht, dass das für die Genehmigung so wichtige Naturschutz-Gutachten nicht das enthält, was es enthalten sollte. Jeder Versuch, Einsicht zu erlangen, wurde von der investierenden Firma abgelehnt, zuletzt gar mit juristischen Mitteln mit einer Klage gegen das Regierungspräsidium Gießen, welches zuvor der BI Bereitschaft signalisiert hatte, das Gutachten zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile dürfte es der BI ziemlich egal sein, was im Umweltgutachten steht, denn sie haben ein eigenes in Auftrag gegeben.

Die Ergebnisse lassen sehr vermuten, dass das RP über komplett andere Inhalte entschieden haben muss, denn das, was der Verein Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie (MIO) zusammengetragen hat, gepaart mit Erkenntnissen eigener Naturliebhaber und -experten im Verein hätte das RP Gießen nach ihrer Ansicht niemals ignoriert. Also kam es zur Entscheidung, über den Regionalverband, der klageberechtigt ist, noch einmal den Kampf aufzunehmen.

Heike Schmack, die innerhalb der BI Niederasphe sich auf das Artenvorkommen im betreffenden Gebiet spezialisiert hat, sagt, dass der Genehmigungsbescheid aus naturschutzrechtlicher Sicht dem widerspricht, was sie und andere Experten für das Gebiet herausgefunden haben. „Es geht dabei nicht nur um den Rotmilan, sondern in der Tat um zahlreiche Kleinvögel mit Schutzstatus, deren Brutgebiete keine 500 Meter von den geplanten Anlagen dokumentiert wurden.“ Schmack stellt heraus, dass sie nicht irgendetwas behaupte. „Wir haben akribisch gearbeitet und Daten und Bilder zusammengetragen.“ Dabei haben sie selbst darauf geachtet, den Vögeln nicht zu nahe zu kommen. Dafür war dann schon eine gute Ausrüstung mit guten Objektiven notwendig. Zudem wurde auch darauf geachtet, nach Möglichkeit Zeugen dabei zu haben. Auch Mitglieder des Nabu Deutschland.

Professor Martin Kraft vom Verein Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie, der für die BI das Gegengutachten schrieb, weiß von einigen zum Teil streng geschützten Arten, die dort vorkommen. Allein das Vorkommen des Raubwürgers mache das Gebiet besonders schützenswert. In Hessen gibt es laut Kraft nur noch 50 Brutpaare. Stand 2006 waren es nach offiziellen Angaben noch 75 bis höchstens 150. In Niederasphe fand er drei Winterquartiere des Raubwürgers. Dann die Entdeckung von Rebhühnern, Neuntöter, Feldlerche, Braunkehlchen und Schwarzkehlchen mache das Gebiet ohne Zweifel ornithologisch wertvoll.

Nachdem ein erster Versuch, das Gebiet zu einem Naturschutzgebiet zu machen, gescheitert ist, setzt Kraft mit diesen Erkenntnissen darauf, ein weiteres EU-Vogelschutzgebiet zu beantragen. Damit soll der Antrag auf ein Naturschutzgebiet noch einmal vergrößert werden. „Sollte das so kommen, wäre dieses Gebiet die perfekte Vernetzung mit den drei bestehenden EU-Vogelschutzgebieten im Rothaargebirge, im Edertal und im Burgwald“, sagt Kraft. Die BI geht davon aus, dass das Gericht im Mai oder Juni zur Klage entscheidet.

Von Götz Schaub

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14.04.2021