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Nordkreis Blühende Paradiese für Bienen und Insekten
Landkreis Nordkreis Blühende Paradiese für Bienen und Insekten
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08:50 28.04.2022
Bei der Aussaat auf dem Blühwagen: Christian Schwarz (von links), Niklas Schäfer, Harald Platt, Frank Staubitz, Konrad Staubitz und Karin Lölkes.
Bei der Aussaat auf dem Blühwagen: Christian Schwarz (von links), Niklas Schäfer, Harald Platt, Frank Staubitz, Konrad Staubitz und Karin Lölkes. Quelle: Andreas Schmidt
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Caldern

In Privatgärten schaut es nicht allerorten gut aus für Bienen, Schmetterlinge und Insekten: Schottergärten, raspelkurz durch Mähroboter geschorener Rasen und insgesamt viel zu wenig, was blüht und so den kleinen Krabblern Nahrung bietet. Das wollen die heimischen Landwirte und der Kreisbauernverband ändern: Sie haben am Samstag den Startschuss für die „Blühflächenaktion 2022“ gegeben. An fast 20 Ausgabestellen im Kreis können sich alle Interessierten kostenlos mit Blühsamen eindecken. „Denn jetzt ist genau die richtige Zeit zur Aussaat“, sagt Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands.

Rückblick in den vergangenen Sommer: Da wurde die Aktion des „Blühwagens“ ins Leben gerufen: In vielen Ortschaften standen Ackerwagen, auf dem zahlreiche Blumen blühten und es entsprechend brummte und summte. Denn auf den bunten und duftenden Fahrzeugen hatten sich Hunderte von Bienen und Insekten niedergelassen. An den Anhängern waren Kästen angebracht, an denen sich Interessierte mit Blühsamentütchen eindecken konnten. Etwa 4 000 dieser Tütchen wechselten im vergangenen Jahr die Besitzer – doch gab es einen kleinen Nachteil: Die Blühwagen standen im Juni in voller Pracht da, das war für die Neuaussaat zu spät.

Rekord: 600 Hektar Blühflächen im Landkreis

„Daher starten wir die Aktion jetzt“, sagt Karin Lölkes – und zwar mit dem symbolischen Aussäen auf dem ersten Wagen in Caldern. „Wir verfügen im Landkreis über die meisten Blühflächen im hessenweiten Vergleich“, sagt Lölkes – nämlich rund 600 Hektar. „Wir sind damit also Vorreiter, um damit die Artenvielfalt und Biodiversität zu erhöhen. Wir wollen den Bienen und anderen Insekten gute Lebensräume und Bedingungen zur Verfügung stellen“, sagt sie. Die Landwirte wollen die 600 Hektar gerne halten, doch könne die Fläche vorerst nicht nennenswert ausgedehnt werden. Denn: Ureigenste Aufgabe der Landwirtschaft sei es, die Bevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln zu versorgen – dieser Aufgabe müsse man nun noch verstärkter nachkommen, da es durch den Krieg in der Ukraine und den damit verbundenen Ausfall von Getreideexporten zu erheblichen Engpässen komme.

In Sachen Blühfläche sind also nun auch die Bürger gefordert: Wenn nämlich die Privatleute sich das kostenlose Saatgut abholen und in ihren eigenen Gärten Blühflächen schaffen, gehe noch viel mehr. Für eine Fläche von zehn Quadratmetern bunter Blühwiese braucht es lediglich zehn Gramm Saatgut – „zwei Schnapsgläschen voll“, verdeutlicht Kreislandwirt Frank Staubitz. Das Aussäen sei notwendig, denn in den vergangenen 40 Jahren seien im Landkreis rund 12 000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche verloren gegangen. „Auch das hat dazu geführt, dass es weniger Lebensraum für Insekten gibt“, verdeutlicht Karin Lölkes. Auch die Lichtverschmutzung nehme zu – ob durch stetig leuchtenden Straßenlampen oder kleine Solarlämpchen, die die ganze Nacht hindurch für Licht sorgten, „das ist für die Insekten auch nicht förderlich“, sagt Lölkes.

Damit sich Bienen und Insekten in unserem Landkreis also weiterhin wohlfühlen, sollten Privatleute kleine Blühflächen zu Hause anlegen. „Das geht in Vorgärten, auf freien Plätzen oder auch in Blumenkästen“, so Lölkes. Auch im Rasen könnten so kleine, blühende Oasen entstehen – nur dürfte auf der Aussaatfläche dann eben nicht gemäht werden.

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) verdeutlichte, dass der Landkreis seine Biodiversitätsstrategie „gemeinsam mit den Landwirten und nicht gegen sie“ verfolge – sie würden „sehr viel Herzblut“ in das Projekt stecken. Noch dazu würden die Blühflächen nun „dringender denn je“ gebraucht, „denn wir sind in einer Situation, wo wir die ein- oder andere landwirtschaftliche Fläche, die bis jetzt dem Naturschutz diente, wieder brauchen, um Lebensmittel zu produzieren“. Wenn man gleichzeitig Biodiversität fördern wolle, „dann bedeutet das, dass wir sie auf die bisher ungenutzten Flächen bringen müssen“ – dazu gehörten auch Verwaltungsflächen und Schulen „oder unglaublich viele Ecken im Straßenraum“.

Als kleiner Anreiz zum Mitmachen sollen im Herbst die schönsten Blühflächen prämiert werden – für die Gewinner gibt es Gutscheine von heimischen Direktvermarktern. Wer mitmachen möchte , kann seine Fotos an bluehflaeche@free4friends.de senden.

Die Abholstationen für die Samen finden sich unter www.kreisbauernverband-marburg.de/abholstationen.html

So gelingt die Aussaat

Ein guter Aussaattermin für die Blühmischung ist von April bis Mai. Der Boden sollte aus lockerer und trockener Erde bestehen und möglichst sonnig liegen. Staunässe mögen die Pflanzen übrigens nicht – sie sollte vermieden werden.
Für zehn Quadratmeter Fläche genügen zehn Gramm Samen – das ist der Inhalt der kleinen Papiertütchen. Um das Saatgut besser zu verteilen, kann es zuvor mit ein wenig Erde oder auch Sägemehl vermischt werden.

Der Samen wird mit der Hand auf der gewünschten Fläche verteilt – egal, ob Freifläche oder Blumenkübel. Das Saatgut sollte nur ganz leicht eingearbeitet werden. Es empfiehlt sich, den Samen leicht anzudrücken. Nach der Aussaat muss das Blühprojekt rund sechs Wochen lang immer leicht feucht gehalten werden – aber Vorsicht: Staunässe vermeiden. Je nach Witterung beginnen die Samen nach ein bis drei Wochen zu keimen.

Übrigens: Die Samenstände der verblühten Blumen sollten noch stehen bleiben, denn sie dienen etwa dem Stieglitz und anderen Samenfressern als wichtige Nahrungs- und Energiequelle für den Winter. Und auch die Larven einiger Insekten überwintern in den vertrockneten Blumenstängeln.

Von Andreas Schmidt

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