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Nordkreis „Bei Wasser kann man keine Ampel auf Grün stellen“
Landkreis Nordkreis „Bei Wasser kann man keine Ampel auf Grün stellen“
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09:58 07.01.2021
Trinkwasser wird vor einem „Wasser“-Schriftzug in ein Wasserglas gegossen. Die Verfügbarkeit von Trinkwasser anzeigen und ein Stück weit vorhersagen – das soll seit diesem Jahr das Ampelsystem der Oberhessische Versorgungsbetriebe AG (Ovag) in Friedberg
Trinkwasser wird vor einem „Wasser“-Schriftzug in ein Wasserglas gegossen. Die Verfügbarkeit von Trinkwasser anzeigen und ein Stück weit vorhersagen – das soll seit diesem Jahr das Ampelsystem der Oberhessische Versorgungsbetriebe AG (Ovag) in Friedberg Quelle: Foto:dpa
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Trinkwasser ist nach mehreren trockenen Jahren ein zunehmend beachtetes und wertvolles Gut, eine Entwicklung der Grundwasserpegel langfristig zu planen unmöglich. Die Verfügbarkeit von Trinkwasser anzeigen und ein Stück weit vorhersagen – das soll seit diesem Jahr das Ampelsystem der Oberhessische Versorgungsbetriebe AG (Ovag) in Friedberg. Diese ist zuständig für die Fernwasserversorgung, bezieht über Verbundleitungen aber auch Wasser über den Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke (ZMW), etwa aus dem Burgwald. Die jeweilige Farbe der „Wasserampel“ – rot, gelb oder grün – auf der Ovag-Webseite soll den Kunden, also vor allem den Kommunen, den erwartbaren Stand der Pegel und Wasserversorgung anzeigen und trifft Voraussagen für drei Monate.

Das Ampelsystem kritisieren die Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ und die Schutzgemeinschaft Vogelsberg (SVG) in einer gemeinsamen Presseerklärung und sehen darin eine Verharmlosung eines wachsenden Wassermangels. Eine auf Grün gestellte „Verfügbarkeitsampel“ suggeriere den Abnehmern eine Sicherheit, „die es nicht gibt – das ist ein völlig falsches Signal“, betont auf Nachfrage Dr. Anne Archinal, erste Vorsitzende der AG Rettet den Burgwald. Eben diese Ampelfarbe werde im Allgemeinen als positiv wahrgenommen, im Sinne von „freie Fahrt“.

Grünes Licht zu geben, könne bei Verbrauchern – etwa in Frankfurt/Main, die Wasser aus dem Vogelsberg und dem Burgwald erhalten – falsche Signale setzen, quasi dazu auffordern, bedenkenlos Wasser zu verbrauchen. „Das ist gefährlich, der Naturraum ist schon am Limit – beim Wasser kann man keine Ampel auf Grün stellen“, so Archinal. Zudem könne niemand voraussagen, „ob und wann sich die abgesunkenen Grundwasservorräte wieder auffüllen oder wann sie erneut sinken werden“, sagt Cécile Hahn, Vorsitzende der SGV. Dabei auf Regen oder Schnee zu hoffen sei angesichts des Klimawandels „schlicht naiv“. Beide Vereine fordern die Rücknahme des Ampelsystems, sehen dies als Aufruf zur Wasserverschwendung.

Darüber hinaus dürfte die Ovag als Fernwasser-Dienstleistungsunternehmen, das mit dem Wasserhandel Geld verdient, nicht bestimmen, ob eine ausreichende Grundwasserverfügbarkeit gegeben ist. Das sei eine hoheitliche Aufgabe der Behörden, die auch über notwendige Beschränkungen der Fördermengen der Ovag zu befinden hätten. Eine betriebseigene Wasserampel sei „auf keinen Fall ein Maßstab für den Verbrauch von Grundwasser“, so Hahn.

Ovag: Ampel als Prävention

Die Ovag verweist dagegen auf die wasserrechtlichen Erlaubnisse und Auflagen des Landes, welche die Grenzen der Grundwasserstände regeln und damit auch die Wasserlieferung begrenzen: Nach den Vorgaben des Landes müssten so die Liefermengen je nach Verfügbarkeit angepasst oder auch reduziert werden, sagt Ovag-Vorstandsvorsitzender Joachim Arnold auf Nachfrage. Die Wasserampel solle das den Kunden verdeutlichen, sei eine „präventive Maßnahme, eine Vorausschau“. Das beinhalte keinen Aufruf zur Wasserverschwendung, „eher ist das Gegenteil der Fall“; es solle frühzeitig signalisiert werden, ob innerhalb der nächsten Monate genügend Wasser zur Verfügung steht.

Das sei auch dazu gedacht, zu einer verantwortungsvollen Nutzung von Trinkwasser anzuregen, betont Arnold. Derzeit und in der Vorausschau auf die nächsten Monate steht die Ampel auf „Gelb“, die Lieferungen seien bereits reduziert, bei „Rot“ würde sich die Menge weiter verringern. Schutzgemeinschaft und Aktionsgemeinschaft fürchten, dass durch das Ampelsystem eine falsche Sicherheit vermittelt, das eigentliche Problem knapper werdender Wasserreserven verschleiert werde, „auch wenn es anders gemeint ist – man kann nicht einfach auf Grün stellen“, sagt Archinal. Stattdessen müsse weit weniger Wasser aus dem Burgwald exportiert werden, eine grüne Ampel könne stattdessen „einen Vorwand“ für das Gegenteil liefern. Es brauche so viel Grundwasservorrat wie möglich im Boden, außerdem neue Strukturen in der Wasserversorgung, „weil mit den aktuellen Versorgungssystemen das notwendige Einsparen von Trinkwasser nicht funktioniert“, betont Hahn.

Von Ina Tannert

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