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Nordkreis Bei Schoeller ist Ende Januar Schluss
Landkreis Nordkreis Bei Schoeller ist Ende Januar Schluss
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21:20 27.10.2020
Mittels einer beleuchteten Lupe wird in der Endkontrolle eine Platine untersucht. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Wetter

Somit sei der Leiterplatten-Hersteller mit Sitz in Wetter trotz einer gezielten und aktiven Suche nach Investoren nicht zu retten gewesen, teilte Insolvenzverwalter Dr. Michael Lojowsky von Schultze & Braun gestern mit. „Auch der letzte verbliebene Interessent hat uns nun mitgeteilt, dass er sich aus dem Bieterprozess zurückzieht“, so Lojowsky.

Der Insolvenzverwalter sei daher in Abstimmung mit dem Gläubigerausschuss gezwungen, den Geschäftsbetrieb einzustellen. Nach derzeitigen Planungen endet der Produktionsprozess spätestens zum 31. Januar kommenden Jahres.

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Die rund 180 Mitarbeiter hat Lojowsky demnach von den anstehenden Kündigungen bereits in Kenntnis gesetzt. Mit dem Betriebsrat verhandelt der Insolvenzverwalter derzeit einen Interessenausgleich und Sozialplan.

„Wir haben bis zuletzt gehofft und dafür gekämpft, dass die vorhandenen Investoren Schoeller Electronics Systems übernehmen“, sagt Lojowsky. „Es hat dafür sehr viel Unterstützung aus dem Kunden- und Lieferantenkreis, dem Gläubigerausschuss sowie der örtlichen Politik gegeben. Leider konnte der Interessent aber trotz diverser Zugeständnisse nicht davon überzeugt werden, Schoeller fortzuführen.“

Schoeller Electronics Systems ist einer der führenden Leiterplattenhersteller in Europa. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Sondertechnik-Schaltungen wie Flex- und Starrflex-Schaltungen, Platinen mit Laser-Mikrolöchern, Metallkernen oder besonderen Basismaterialien, etwa für Hochfrequenzschaltungen. Gefertigt wird vom Entwicklungsmuster bis zur Serie. Zu den Kunden gehören die großen europäischen Elektronikkonzerne.

Das Amtsgericht Marburg hatte Anfang Mai das vorläufige Insolvenzverfahren und Dr. Lojowsky zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Die Gesellschaft war zu diesem Zeitpunkt führungslos, da der Geschäftsführer in Großbritannien weilte und Corona-bedingt nicht ausreisen konnte. Daher wurde Lojowsky als sogenannter starker vorläufiger Insolvenzverwalter eingesetzt (die OP berichtete).

Zusammen mit dem Interimsgeschäftsführer Felix Hick gelang es ihm, den Geschäftsbetrieb fortzuführen. Im Gespräch mit der OP zeigte sich Lojowsky damals zuversichtlich: Das Unternehmen hatte die Produktion wieder aufgenommen. Und Lojowsky sagte seinerzeit: „Die Auftragsbücher sind voll.“ Denn: Da Schoeller auch für die Medizingeräte-Branche Platinen fertigt und diese Branche durch die Corona-Krise und benötigte Diagnostik im Aufwind sei, profitiere Schoeller davon, begründete der Insolvenzverwalter die guten Aussichten. „Das Unternehmen hat in diesem Sektor ein Alleinstellungsmerkmal“, sagte Lojowsky damals – das käme dem Unternehmen zugute.

Er war überzeugt davon, dass man eine solche Schlüsseltechnologie nicht aus den Händen geben dürfe.

Ursache der Schwierigkeiten in dem Unternehmen war damals eine unzureichende Ausstattung mit Liquidität und daraus resultierenden Engpässen bei der Versorgung mit Produktionsmaterial sowie Lieferverzögerungen bei den Kunden.

„Bei meinem Eintreffen im Unternehmen stand die Produktion bereits nahezu still. Daher war es die erste Aufgabe, das Unternehmen wieder hochzufahren und Mitarbeiter und Kunden bei der Stange zu halten. Das ist gut gelungen, insbesondere weil die Belegschaft sich sehr engagiert hat“, lobt Lojowsky nun.

Doch sei von Anfang an klar gewesen, „dass es ohne einen strategischen Partner für Schoeller Electronics mittel- und langfristig nicht weitergehen kann“. Daher habe er schon kurz nach Beginn des Verfahrens die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte mit einer weltweiten Suche nach Investoren beauftragt und in den vergangenen Wochen mit mehreren Interessenten verhandelt. „Letztendlich stiegen diese Interessenten aber nach und nach aus den Gesprächen aus. Nachdem sich nun auch der letzte potenzielle Investor zurückgezogen hat, bleibt uns keine andere Wahl als die Entscheidung, den Geschäftsbetrieb einzustellen“, so Lojowsky.

Von Andreas Schmidt