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Nordkreis Bauern ächzen unter Vorschriften-Wust
Landkreis Nordkreis Bauern ächzen unter Vorschriften-Wust
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09:57 18.08.2020
Die Mitglieder des Kreisbauernverbands Marburg-Biedenkopf diskutierten in Bracht mit Grünen-Landespolitiker Hans-Jürgen Müller über aktuelle Probleme der Landwirtschaft. Foto: Björn Wisker
Die Mitglieder des Kreisbauernverbands Marburg-Biedenkopf diskutierten in Bracht mit Grünen-Landespolitiker Hans-Jürgen Müller über aktuelle Probleme der Landwirtschaft. Quelle: Björn Wisker
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Bracht

Düngeverordnung, Glyphosat, schwindendes Einkommen und Existenzängste, Rufschädigung durch Klima-Aktivisten (die OP berichtete) – die Landwirte im Landkreis Marburg-Biedenkopf haben bei einer Diskussionsveranstaltung in Bracht ihren Ärger über Politik und Behörden geäußert.

„Wir arbeiten sauber in und mit der Natur und sollten nicht die Buhmänner der Nation sein", sagte Ingo Henkel aus Erksdorf. Die Düngeverordnung ist dabei das Symbol für das Grundsatzproblem der heimischen Bauern:

Viele Regeln seien zu pauschal, missachteten regionale Gegebenheiten. „Vorschriften werden stumpf über das ganze Land ausgekippt, statt nach dem Verursacher-Prinzip auf einzelne Gebiete, Gemeinden, Höfe zu schauen", sagt Stefan Mann bei der Debatte zwischen Kreisbauernverbands-Mitgliedern und Grünen-Landtagsabgeordneten Hans-Jürgen Müller, selbst jahrzehntelang Öko-Bauer in Nordhessen.

Was Damm meint: Für die Nitratbelastung des Grundwassers oder andere Umweltschäden seien nicht Landwirte in Mittelhessen, die zusammen unter 50.000 Hektar Land bewirtschaften, verantwortlich, sondern eher Großbetriebe etwa in Norddeutschland.

Müller: „Dem Handel nicht auf den Leim gehen“

Trotzdem müssten auch bäuerliche Kleinbetriebe – 280 im Haupterwerb gibt es im Landkreis – immer höhere Auflagen, eben etwa über Düngeverordnung, Pflug-Einschränkungen und Abstandsregeln zu Gewässern erfüllen und würden so „immer weiter in Richtung Betriebsaufgabe gedrängt.

Für den ganzen Arbeitsaufwand bleibt zu wenig, es lohnt sich kaum mehr“, wie Herbert Weiershäuser sagt. Stimmt, sagt Karin Lölkes, Bauernverbands-Vorsitzende mit Verweis auf die von der jüngsten Düngeverordnung beeinflusste Getreideernte: „Es wurde nicht mehr die Qualität geerntet, die man kannte.

Hans-Jürgen Müller, Grünen-Landespolitiker. Quelle: Björn Wisker

Grünen-Politiker Müller hielt dagegen, dass die Bauern „dem Handel auf den Leim gehen“ und etwa bei Weizen „illusorischen Qualitätsvorgaben hinterherrennen, die es nicht braucht, die aber die Preise drücken“.

Es müsse gelingen, verstärkt regional zu vermarkten. Skeptische Blicke bei den Bauern: „Das Schicksal der Marburger Traditionsmolkerei ist das beste Beispiel dafür, wie es um Regionalität bestellt ist“, sagt Damm.

Über die Molkerei, die im Frühsommer schloss, habe nicht der Handel – der das Produkt überall verkauft habe – sondern der Verbraucher entschieden. „Es ging und geht um billige Preise. Der Bezug zu Lebensmitteln ist verloren gegangen“, sagt Landwirt Christian Damm.

Grünen-Politiker Müller, der Nitrat-Probleme auch nicht auf hessische Kleinbetriebe zurückführt und für eine „differenzierte Betrachtung der Bauern-Tätigkeiten“ wirbt, unterstützt die Landwirte in ihrer Ablehnung des Mercosur-Handelsabkommens und will Reformen der deutschen und der EU-Agrarpolitik.

Finanzierungssäule gegen Anpassungsdruck

Zentraler Punkt des Landtagsabgeordneten: Eine Änderung der bisherigen Direktfinanzierungs-Praxis, also dass Landwirte und Flächen-Verpächter Pauschalbeträge je nach Größe des Ackerlands bekommen. „Es darf kein Landbesitz subventioniert werden, das Geld brauchen die, die Flächen bewirtschaften.“ Daher müsse es staatliche Programme und Prämien eben für jene Agrarbetriebe geben, die vorbildlich-nachhaltig arbeiteten und eben keine Umweltschäden in Kauf nehmen.

Für Landwirt Heinz-Hermann Nau-Bingel wie auch andere ist eine „starke Finanzierungssäule“ durch Steuergelder wichtig, da das „den Anpassungsdruck etwas rausnimmt“. Denn mit der Billigproduktion auf dem Weltmarkt könne man nicht konkurrieren, schon gar nicht bei immer schlechter werdenden Wirtschaftsbedingungen – wozu auch Vorgaben, die die Produktion erschweren, zählen; von Düngeverordnung bis Glyphosat-Debatte. „Der ohnehin ungleiche Wettbewerb wird uns immer mehr erschwert“, sagt Lölkes.

Von Björn Wisker

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