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Nordkreis 20 Jahre Kampf und Wut
Landkreis Nordkreis 20 Jahre Kampf und Wut
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15:00 31.12.2019
Im Sommer 2011 kam es auf dem Gelände der Marburger Rohstoffverwertung Johannes Völker GmbH bei Sarnau zu einem größeren Brand. Das war der Ausgangspunkt umfangreicher Beprobungen im Umfeld der Anlage. Quelle: Michael Hoffsteter
Lahntal

Was wäre heute, wenn es 2011 nicht auf dem Grundstück der Firma Marburger Rohstoffverwertung Johannes Völker GmbH gebrannt hätte? Eine Frage, die sich bei der BI Windrose lieber keiner stellen will. Denn dieser Brand markierte einen Wendepunkt in ihrem Kampf um einen ordnungsgemäß laufenden Schredderbetrieb.

Seither erfolgen Futtermittelbeprobungen im Umfeld der Anlage. Diese zeigten und zeigen noch immer deutliche Futtermittel-Grenzwertüberschreitungen von Giftstoffenauf, sodass das Futtermittel nicht verfüttert werden darf. Helmut Rakow von der BI erläutert, warum sich der Brand im Nachgang für ihr Anliegen zum Glücksfall entwickelte.

„Der Brand ging über 24 Stunden. Der Wind kam während dieser Zeit aus Nord-Nordost und Ost. Keinesfalls aus dem Westen. So kann Richtung Göttingen kein Qualm gezogen sein.“ Später bei der Beprobung stellte sich heraus, dass östlich des Geländes der Firma „ein extrem hoher Schadstoffanteil vorhanden war“, so Rakow. Dioxine, Furane und Schwermetalle – sie waren nicht durch den Brand dort hingelangt, sondern aus anderen Gründen.

Günter Knarr sagt: „Das Regierungspräsidium Gießen (RP) musste anerkennen, dass dafür der laufende Betrieb verantwortlich war.“ Im März 2013 war der Beweis erbracht, dass die Giftstoffe im Umfeld der Anlage aus der Schredderanlage stammen müssen.

Die Zusammenarbeit mit den Experten beim RP Gießen, das möchte die BI unbedingt betonnen, sei sehr gut gewesen, sodass im Dezember die Anordnungsverfügung, die Anlage entsprechend umzugestalten vorlag. Damit war viel geschafft, aber offensichtlich noch keine Einsicht beim Betreiber, der den juristischen Weg wählte.

Hintergrund

Die BI-Windrose wurde 1999 als gemeinnütziger Verein gegen die Verbrennung von ­Auto-Reststoffen gegründet. Es ging darum zu verhindern, dass auf dem Gelände der Marburger Rohstoffverwertung Johannes Völker GmbH bei Sarnau eine Verbrennungsanlage für nicht verwertbare Auto-Reststoffe – die sogenannte Schredderleichtfraktion – errichtet wird.

Die Firma wollte seinerzeit mit einer neuartigen Verbrennungsanlage unter dem Namen „Lisa 21“ deutschlandweit als Vorreiter an den Start gehen. Die BI sagt dazu: „Lisa 21“ hätte bedeutet, dass in der Gemeinde Lahntal weltweit erstmalig ein hochtoxisches Gemisch der unterschiedlichsten Materialien verbrannt worden wäre.“ Danach kämpfte die BI darum, dass das Schreddergebäude, aus dem nachweislich Schadstoffe drangen, umfassend saniert wird.

Es folgte gar eine Mediation, um sich den Gang vor Gericht zu ersparen, doch letztendlich ging es nicht vorwärts. „Ich denke, die wollten bloß Zeit gewinnen“, bewertet Knarr die Zeit im Nachhinein. Dann wechselte 2018 abermals der Besitzer. Die neue Firma zeigte großes Interesses daran, den Streit beizulegen. Und so kam es im Frühjahr dieses Jahres zu einer Konferenz beim Regierungspräsidium Gießen.

„Es kam zu einer 180-Grad-Wende und es wurden Vorschläge zur Grundsanierung vorgelegt“, sagt Günther Knarr. Diese wurden dann weiterentwickelt und zur Genehmigung vorgelegt. „Die Umsetzung wird wohl frühestens Mitte 2020 beginnen“, so Knarr. Die BI ist großer Hoffnung, dass damit ihre „Mission“, mehrerer Orte der Gemeinde Lahntal vor Giftstoffen zu bewahren endlich erreicht worden ist.

„Unsere Rolle wird nun sein, das zu überwachsen, was versprochen wurde und das Ganze auch zeitlich zu begleiten“, so Knarr. Dr. Wilfried Fiedler, ebenfalls Vorstandsmitglied der BI ist guten Mutes. Es werde nicht nur die Schredderanlage ins Auge gefasst, man habe sich auch für Änderungen in der Lagerung ausgesprochen.

Um Transparenz und Vertrauen zu schaffen, wurde gar schon von den neuen Betreibern eine Einladung an die BI zu einer Betriebsbesichtigung im Sommer ausgesprochen. Die neue Firmenleitung habe mitgeteilt, dass sie alles unternehmen wolle, dass die Schadstoffe, die das Firmengelände verlassen, so gering wie nur möglich gehalten werden.

Und so setzt die BI, die um die 60 Mitglieder hat, von denen sechs bis sieben immer aktiv sind, darauf, dass sich jetzt alles zum Guten wendet. Man habe viele Unterstützer gehabt, auch Geldgeber, allein die Gemeinde Lahntal habe die BI nie wirklich unterstützt, sagten Rakow und Knarr, die das sehr bedauern.     

von Götz Schaub