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Nordkreis „Das war alles eine große Provokation“
Landkreis Nordkreis „Das war alles eine große Provokation“
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11:58 13.10.2020
Ein junger Mann hebt seine geballte Faust. Quelle: dpa
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Marburg

Wer ging auf wen los, wer wurde handgreiflich und wer trägt Schuld an einer Auseinandersetzung zwischen einem Autofahrer und einem Fußgänger in Niederwetter? Die beiden Männer trafen vor gut drei Jahren in der Heidestraße aufeinander und gerieten in Streit. Angeklagt vor dem Marburger Amtsgericht war dabei der Autofahrer, der im Oktober 2017 auf dem Feldweg unterwegs war.

Nach Meinung eines Fußgängers, der dort gerade mit drei Hunden spazieren ging, deutlich zu schnell. Mit Handzeichen machte er den anderen darauf aufmerksam, schlug dann noch gegen den vorbeifahrenden Transporter. Der Fahrer hielt an, stieg aus und ging auf den anderen Mann los, schlug ihm ins Gesicht, so die Anklage. Sodann sei er von dem Autofahrer in den Schwitzkasten genommen worden, „er hat kein Wort gesagt und einfach zugedrückt“, gab der Geschädigte an. Er habe durch die Rangelei Hämatome und Abschürfungen erlitten. Erst als Nachbarn auf die Auseinandersetzung aufmerksam wurden und herüber riefen, ließ der andere Mann von ihm ab und fuhr davon. Er holte seinen eigenen Wagen, fuhr hinterher, notierte sich das Kennzeichen und zeigte ihn wegen Körperverletzung an.

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Hundeleine als Waffe?

Vor Gericht stellte der Angeklagte die Situation völlig anders dar. Seiner Version nach habe vielmehr der Hundehalter ihn aus heiterem Himmel angegriffen, nachdem er seinen Wagen nach dem Schlag auf Schäden kontrollieren wollte. Der andere Mann habe ihm dann plötzlich eine Hundeleine um den Hals gelegt, „er strangulierte mich“. Geschlagen habe er sein Gegenüber nicht, nannte ihn nur eine „fiese Möpp“ und nahm ihn in den Schwitzkasten, um sich selber zu schützen. „Ich habe darauf geachtet, ihn nicht zu verletzen“, betonte der 55-Jährige. Während er später davonfuhr, sei ihm der andere gefolgt, extra dicht aufgefahren und habe immer wieder die Lichthupe betätigt. Der Angeklagte war sich absolut sicher: „Das war alles eine große Provokation“, erklärte er mehrfach. Warum, wisse er nicht, beide Männer seien sich nie zuvor begegnet. Seine Argumentation versuchte er mit diversen Fotos vom Ort der Auseinandersetzung zu belegen, die mehr Details vom Geschehen zeigen würden als jene der Polizei.

Mehrmals stellte er eigene Mutmaßungen an: So erklärte er die Kratzer des Geschädigten damit, dass dieser sich selber am Stachelhalsband seiner Hunde verletzt habe. Dass die Hunde der Rasse Havaneser solche höchst umstrittenen Halsbänder trugen, sei nicht bewiesen, das hielt auch die Staatsanwaltschaft für „völlig abwegig“, alleine schon aufgrund der kleinen Rasse. Die drei Hunde hatten sich indes nicht in die Auseinandersetzung eingemischt. Dennoch habe der Beschuldigte nach einem der Tiere getreten, berichtete der Geschädigte, der deswegen Wiedergutmachung verlangte.

Weitere Anklage wegen Unfallflucht

Der Angeklagte blieb bei seiner Theorie, selber Gewalt ausgeübt habe er nicht, konnte das wegen einer langfristigen Verletzung an der Schulter auch nicht, erklärte der Angeklagte. Dazu legte er ein Attest aus 2018 vor, also aus dem Jahr nach dem Vorfall. Für das Verfahren mit wenig Relevanz, so die Richterin. Mehrfach stellte er seine Perspektive als unantastbar dar, sodass Strafrichterin Angelika Bamberger ihn schließlich ermahnte: „Es ist nicht Ihre Aufgabe, eine Beweiswürdigung vorzunehmen“, stellte sie klar. Von seinen Argumenten wich der Mann dennoch nicht ab, auch was eine zweite angeklagte Tat wegen Unfallflucht angeht. Ihm wird vorgeworfen, in Marburg beim Rückwärtsfahren gegen ein anderes Auto gestoßen und dennoch weitergefahren zu sein. Seiner Meinung nach entstand dabei kein Schaden, der andere Wagen sei sowieso schon „völlig demoliert und rostig“ gewesen, „das kann nicht von mir gekommen sein“.

Klarheit konnte in beiden Fällen weder durch die Vernehmung der Beteiligten noch durch Zeugen erreicht werden. Das Gericht entschied, weiter Zeugen zu laden. Der Prozess wird am 26. Oktober fortgesetzt.

Von Ina Tannert

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