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Nordkreis Aus Nötigung wird Hausfriedensbruch
Landkreis Nordkreis Aus Nötigung wird Hausfriedensbruch
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12:59 02.02.2020
Wegen einer Schlägerei unter Schülern gerieten die ehemalige Schulleiterin und die Eltern eines ehemaligen Schülers an der Wollenbergschule Wetter aneinander. Die Sache landete vor dem Marburger Amtsgericht. Quelle: Tobias Kunz/Archiv
Marburg

Im September 2018 geraten Mutter und Vater eines ehemaligen Schülers nach einer Auseinandersetzung zwischen ihrem Sohn und einem Mitschüler mit der damaligen Schulleiterin aneinander.

Die aufgebrachten Eltern sollen die Schulleiterin in ihr Büro gestoßen haben, was zu einem Prozess wegen Nötigung führt (die OP berichtete).

Nachdem trotz vieler Zeugenaussagen weiter Unklarheit vor Gericht herrscht, wird eine weitere Zeugin geladen, die am zweiten Verhandlungstag jedoch nicht auftaucht.

„Ich brauche die Zeugin nicht“

Der Prozess geht daher in eine ganz andere Richtung. Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier, die ihre Kollegin Lena ­Löwer vertritt, ergreift das Wort: „Ich brauche die Zeugin nicht.“ Und sie stellt klar: „Wer jetzt geschubst hat, da kann nach aktuellem Stand jeder seine Meinung zu haben, aber man kommt um den Hausfriedensbruch nicht herum.“ Diesen Straftatbestand sehe sie als erfüllt an.

Verteidiger Sascha Marks hält die Vorwürfe dagegen für „sehr dünn“, drängt auf Freispruch und verweist auf die ­unsichere Lage des Vaters: „Mein Mandant, der sich im offenen Strafvollzug befand, hat wegen dieser Sache seit Mai gesessen. Wenn eine Geldstrafe kommt, dann bleibt das auch so.“

Außerdem: „Für die Kinder ist das hier absolut katastrophal. Sie sind in psychologischer Behandlung, ihr Vater ist deswegen im Gefängnis und das Verfahren dauert zwei Jahre“, kritisiert der Anwalt. Es könne einfach nicht sein, dass ein Justizapparat nicht in der Lage sei, das zeitnah zu verhandeln. 

Lebhafte Diskussion nach Urteil

Der mehrfach vorbestrafte Angeklagte, der sich bislang nicht geäußert hat, wirft aufgebracht ein: „Ich habe alles verloren, meine Arbeit, meine ­Kinder sind in Behandlung und ich ­habe fast meine Ehe verloren.“ Eine Verständigung kann jedoch nicht erzielt werden.

Für Brinkmeier hat der Fall vor allem eine Signalwirkung: „Wir verhandeln hier eigentlich keine große Sache. Aber in der Öffentlichkeit ist seit Jahren ein Thema Dauerbrenner – nämlich der Verlust von Respekt vor Lehrern. Wie sollen sich denn Schüler zu verhalten wissen, wenn die Eltern so etwas vormachen?“, fragt sie. Deshalb sehe sie hierbei auch ein besonderes öffentliches Interesse. Sie beantragt eine Geldstrafe, Marks und sein Kollege Stefan Adler beantragen jeweils Freispruch für die Eltern.

Richter Christoph Schimrosczyk sieht den Hausfriedensbruch als erwiesen an, spricht die beiden Angeklagten letztendlich schuldig und verurteilt den Vater zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je fünf Euro, seine Frau zu zehn Tagessätzen zu je zehn Euro. Die Verteidigung verkündet nach lebhafter Diskussion Rechtsmittelverzicht, die Staatsanwaltschaft schließt sich an. Damit ist das Urteil rechtskräftig.

von Beatrix Achinger