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Nordkreis Aufgegebenes Bruthaus ist abgerissen
Landkreis Nordkreis Aufgegebenes Bruthaus ist abgerissen
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10:58 27.02.2021
Vor wenigen Tagen wurde das 1878 errichtete Bruthaus an den Fischteichen am Talhäuser Weg im Auftrag des Grundstücksbesitzers Hessen Forst abgerissen.
Vor wenigen Tagen wurde das 1878 errichtete Bruthaus an den Fischteichen am Talhäuser Weg im Auftrag des Grundstücksbesitzers Hessen Forst abgerissen. Quelle: Privatfoto
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Münchhausen

„Das Tor zum Burgwald nennt man den Talhäuser Weg vom Sportplatz Münchhausen durch den Wald hinauf zum Christenberg“, sagt Münchhausens Ortsvorsteher Dominique Rüger. Nach wenigen hundert Metern tauchte rechterhand bisher die erste „Sehenswürdigkeit“ unterhalb des Weges auf: Das Bruthaus der Forellenzucht Döge, später dann Heck mit seinen Teichanlagen. Das Bruthaus wurde immerhin 1878 erbaut. Jetzt ist es verschwunden, komplett abgerissen. Der Boden ist eingeebnet, nichts erinnert mehr an das Haus.

Fassungslos, wütend und absolut enttäuscht

Ein Schock für Rüger. „Ohne es an die große Glocke zu hängen, ließ das Forstamt Burgwald das Gebäude durch eine ortsansässige Firma dem Erdboden gleich machen“, sagt Rüger und fügt an, dass viele Münchhäuser „fassungslos, wütend und absolut enttäuscht“ seien. Dann sagt der Ortsvorsteher: „Der Ortsbeirat Münchhausen wusste jedenfalls von nichts, auch der Heimat- und Geschichtsverein wusste von nichts.

Hessen Forst beziehungsweise das Forstamt Burgwald hätte doch wenigstens mal fragen können, ob es für dieses Haus noch eine Idee gibt, bevor man es einfach abreißt. Wir stehen gerade in den Startlöchern zur Planung und Umsetzung einer neuen Dorfentwicklung bis zum Jahr 2027. Gerne hätten wir den 143-jährigen Bestandteil so hergerichtet, dass nachfolgende Generationen hätten lesen und sehen können, wofür es einst genutzt wurde.“

Seit Sommer 2019 ein Denkmal

Im Sommer 2019 habe ein Verein aus Münchhausen, der „Sirenenstammtisch“, gut mit dem Forstamt zusammengearbeitet und aus der alten Pflanzhütte ein Denkmal gemacht. „Bei der Einweihungsfeier der Pflanzhütte wies der Forstamtsleiter noch explizit darauf hin, wie wichtig es sei, alte Gebäude und Denkmäler zu schützen, um dies für die nächsten Generationen zu bewahren.“

Das betreffende Gelände mit den Teichen und dem Bruthaus ist nach der Pachtaufgabe wieder an Hessen Forst zurückgefallen. Die Fläche soll in ein Naturschutzprojekt übergehen. „Der Abriss ist Teil unserer Bemühungen, dieses Waldtälchen ökologisch aufzuwerten. Parallel wird ein gewässerökologisches Gutachten erstellt, anhand dessen die Gesamtanlage wieder in einen möglichst naturnahen Zustand versetzt werden soll“, sagt Eberhardt Leicht, Leiter des Forstamtes Burgwald auf Anfrage dieser Zeitung.

Baurecht sprach gegen die Erhaltung

Des Weiteren informiert er darüber, dass für diesen Abriss kein Antrag und keine behördliche Genehmigung erforderlich war. Gleichwohl habe er sich bei der Denkmalpflege in Marburg rückversichert, dass das Gebäude frei von irgendwelchen Vorgaben ist. Die Gemeinde Münchhausen, das bestätigt Bürgermeister Peter Funk, hatte nur eine Mitteilung zur Kenntnisnahme erhalten, dass Hessen Forst beabsichtigt, das Gebäude, das schon immer Eigentum der Forstverwaltung war, relativ kurzfristig abzureißen.

Warum so schnell? Leicht dazu: „Wichtig für uns war allein die Durchführung im Winterhalbjahr. Damit konnte ausgeschlossen werden, dass durch die Arbeiten die Tierwelt gestört wurde, man denke nur an die Brut- und Setzzeiten.“ Und hätte es Sinn gemacht, über Alternativen zu reden wie es Rüger gerne gehabt hätte?

„Einer Erhaltung des Gebäudes, wie es jetzt ins Gespräch gebracht wurde, hätte unabhängig von der Eigentümerentscheidung das Baurecht entgegengestanden. Mit der Aufgabe der fischereiwirtschaftlichen Nutzung ist die baurechtliche Privilegierung für Bauten im Außenbereich entfallen, da sie nur für Gebäude der Forst- und Landwirtschaft einschließlich Berufsimkerei und Erwerbsfischzucht gilt. Es ist also so, dass für einen beabsichtigten Fortbestand des Gebäudes mit einem anderen Nutzungszweck die zuständige Baubehörde hätte beteiligt werden müssen“, so Leicht und fügt an, dass so ein Vorhaben keine Aussicht auf Genehmigung habe.

Entsiegelung auf der Agenda

Eine Information der Öffentlichkeit über das geplante Naturschutzprojekt ist für den Zeitpunkt der Fertigstellung der gewässerökologischen Expertise vorgesehen. „Dann kann anhand einer ausgearbeiteten Vorlage die vorgesehene Entwicklung des Gebietes vorgestellt werden“, so Leicht.

Zudem sagt er, dass die meisten Naturschutzprogramme der Bundesländer mittlerweile die Rückentwicklung, also die Entsiegelung nicht mehr benötigter Verkehrswege oder Gebäudeflächen auf ihrer Agenda haben. Das mag für Rüger ernüchternd sein, aber ganz sicher hätte er es sich gewünscht, wenn man ihm als Ortsvorsteher beziehungsweise dem Ortsbeirat die Dinge so auseinandergesetzt hätte. Dass nichts mehr an das Bruthaus erinnert, findet er schade. Und er weiß, dass er damit nicht alleine in Münchhausen ist.

Immerhin ist die Historie festgehalten und jederzeit öffentlich „zugänglich“, nämlich virtuell im Internet unter www.forellenzucht-muenchhausen.de/damals

Von Götz Schaub

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