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Nordkreis Gab es eine Tötungsabsicht, ja oder nein?
Landkreis Nordkreis Gab es eine Tötungsabsicht, ja oder nein?
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00:17 02.06.2019
Amtsgericht und Landgericht in Marburg liegen nebeneinander. Im großen Gebäude rechts, also im Landgericht, wird derzeit ein Prozess wegen versuchten Totschlags geführt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Verteidiger Sascha Marks und Staatsanwalt Timo Ide waren sich hinsichtlich des Tatgeschehens weitgehend einig. So sorgten die vom Angeklagten verübten Körperverletzungen zum Nachteil seiner einstigen Ehefrau, gleichzeitig Nebenklägerin, kaum für Meinungsverschiedenheiten. Uneinigkeit bestand allerdings über die Intentionen des Beschuldigten. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft ging von einer Tötungsabsicht aus.

Im Fokus stand bei den Schlussvorträgen daher auch das Würgen der Ehefrau am 10. Juni vergangenen Jahres. „Der Angeklagte hatte seiner Frau bereits mehrmals gedroht, sie umzubringen. Und nachdem er die gemeinsame Wohnung verlassen, sich in Marburg betrunken und Amphetamine zu sich genommen hatte, ist er mit einem Taxi zurück nach Caldern gefahren, um seine Frau zu töten“, sagte Ide.

Dabei zog er auch die Aussage des Taxifahrers heran, dem der Beschuldigte auf der Fahrt seinen Plan darlegte. Zur Tatzeit wies der Beschuldigte ­einen Alkoholwert von etwa 2,5 Promille auf. Ide war sich sicher, dass der Beschuldigte, nachdem dieser in der Wohnung seiner damaligen Ehefrau angekommen, diese im Treppenhaus angetroffen hatte, seine Ehefrau mit beidhändigem Würgegriff töten wollte.

Nebenklägerin hatte Verletzungen am Zungenbein

Dabei ließ der Beschuldigte zweimal für einen Augenblick von der Frau ab, um kurz darauf wieder zuzudrücken. Laut Ide sei die Geschädigte wohl nur davongekommen, da ein Nachbar auf den Flur des Mehrfamilienhauses trat, um nach dem Rechten zu sehen. „Nur durch diese Ablenkung konnte sich die Nebenklägerin von dem Angeklagten befreien“, unterstrich Ide.

Marks kam zu einem anderen Ergebnis. Der Verteidiger legte­ dem Schwurgericht um Vorsitzenden Dr. Frank Oehm eine vierjährige Freiheitsstrafe für seinen Mandanten nahe. Denn er sah keine Tötungsabsicht. „Die Staatsanwaltschaft spricht von einem „Nachfassen“ meines Mandanten, um die Frau besser in den Griff zu bekommen. Mein Mandant ist kräftig. Hätte­ er sie erwürgen wollen, hätte er einfach weiter zugedrückt. Dann wäre sie heute tot“, meinte Marks. Er sah die Würgeattacke als gefährliche Körperverletzung. Die Nebenklägerin trug Verletzungen am Zungenbein davon.

Der Vertreter der Anklage plädierte für den versuchten Totschlag, Körperverletzung und Freiheitsberaubung – der Beschuldigte soll die Nebenklägerin am 9. sowie am 10. Juni mehrmals geschlagen und sie in ihrer Wohnung eingesperrt haben – letztlich für eine Freiheitsstrafe von acht Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Denn der Angeklagte hatte die Tat nur ein Jahr nach seiner letzten Gefängnisstrafe verübt, war bereits wegen sehr ähnlicher Misshandlung einer anderen Frau verurteilt worden und stand zur Tatzeit unter Bewährung. „Der Angeklagte hat definitiv einen Hang zu solchen Taten“, sagte Ide.

Rauschzustand zur Tatzeit

Er stützte sich dabei auf die Ausführungen des psychiatrischen Gutachtens. Aufgrund des Konsums von Alkohol und der Amphetamine sprach der Sachverständige von einem „Rauschzustand“ zur Tatzeit, konnte aber keine Anzeichen für völlige Schuldunfähigkeit erkennen – höchstens für verminderte Schuldfähigkeit. Und die sei definitiv nur auf den Drogenmissbrauch, nicht auf die Persönlichkeit des Beklagten, zurückzuführen.

Auf die Nachfrage, ob die erkrankte Psyche des 48-Jährigen mit Medikamenten behandelt werden könne, fiel ein lautes und deutliches „Nein!“ Bisher seien alle therapeutischen Bemühungen beim Angeklagten gescheitert. Zumal der Gutachter dem Beschuldigten aufgrund dessen impulsiven Charakters einen „Hang“ zu Körperverletzungen attestierte. In Zukunft könne von weiteren Taten solcher Natur ausgegangen werden.

Der Angeklagte leide an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung, bei der gewalttätiges und impulsives Verhalten häufig auftreten. Zum Thema Sicherungsverwahrung hielt sich Marks kurz und zog das Hoffnungsprinzip als Referenz heran. „Auch nach einem schweren Verbrechen hat ein Mensch das Recht, irgendwann wieder eine Aussicht auf ein Leben in Freiheit zu haben“, erklärte er.

von Benjamin Kaiser