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Nordkreis Hunde jagen Postbotin
Landkreis Nordkreis Hunde jagen Postbotin
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07:58 12.02.2020
Klingelt der Postbote an der Tür, führt das in Haushalten mit Hunden häufig zu Aufregung – in einer Wohnung im Nordkreis eskalierte die Situation, die Hunde (nicht der Hund auf dem Bild) der Bewohnerin griffen die Paketzustellerin an. Quelle: Ina Tannert/Themenfoto
Marburg

Es ist vielleicht das Klischee schlechthin, dennoch steckt viel Wahrheit darin und die wurde für eine Postbotin vor rund eineinhalb Jahren zur bitteren Realität.

Als die Paketzustellerin einer Seniorin aus dem Nordkreis ein Päckchen überbringen wollte, fielen sie deren beiden nicht angeleinten Hunde an. Die 79 Jahre alte Halterin musste sich wegen fahrlässiger Körperverletzung vor dem Marburger Amtsgericht 
 verantworten.

Das Verfahren vor dem Strafgericht gestaltete sich kurios: Schon beim Aufruf, dass alle Beteiligten den Sitzungssaal betreten sollten, erschien lediglich die Geschädigte, ein weiterer Zeuge und die Angeklagte aber vorerst nicht. Die Richterin stellte fest, dass es keinerlei bekannte Gründe für ein Fernbleiben gebe.

„Ich habe nichts mitbekommen“

Erst nach einer Unterbrechung des Verfahrens tauchte dann die Angeklagte mit Rollator im Saal auf. Nach dem Verlesen der Anklageschrift des Staatsanwaltes und der Frage der Richterin, ob die Seniorin den Vorwurf gegen sie verstanden habe, saß diese teilnahmslos auf dem Stuhl der Anklagebank und reagierte nicht.

Erst nach erneuter Ansprache durch die Richterin teilte sie mit, sie könne sich an nichts erinnern, wisse nicht mehr, ob ihre Hunde die Geschädigte angegriffen hätten: „Ich habe nichts mitbekommen.“ Einen rechtlichen Beistand hatte sie nicht während des Prozesses.

Nach kurzer Besprechung zwischen Staatsanwaltschaft und Richterin entschieden die Beteiligten dennoch, die Verhandlung ohne Verteidiger für die Angeklagte weiterzuführen.

Diese wiederholte während ihrer Vernehmung mehrfach, dass sie sich an nichts erinnern könne. Bewusst wurde ihr die Sache erst, als der Strafbefehl und der darin stehende Vorwurf der Staatsanwaltschaft sie erreichte.

Auf der Flucht nochmal gebissen worden

Auf Nachfrage, wie viele Hunde sich in dem Haushalt befinden, konnte die Angeklagte ebenfalls keine detaillierte Aussage treffen. Die geschädigte Postbotin hatte lediglich vor, der Angeklagten ein Paket zu überreichen. Dann kam es zu den Angriffen der Hunde. Diese sollen sie erst an der linken Wade gekratzt haben und im Anschluss in die rechte Wade gebissen haben.

Als sie versuchte zu fliehen kam es zum erneuten Biss, allerdings in die rechte Wade. Die Hunde jagten die Postzustellerin laut deren Aussage mehr als 100 Meter in Richtung des parkenden Postautos. Die Frau erlitt zwei Bissverletzungen und Häma­tome.

Sie habe dadurch massive Schmerzen verspürt, gab die Zeugin vor Gericht an. Dennoch verzichte sie auf eventuelle Ansprüche auf Schmerzensgeld, solange sich die Angeklagte bei ihr entschuldigen würde.

Angeklagte will mit Richterin feilschen

Auf Nachfrage, ob die Rentnerin sich bei ihr entschuldigen möchte, sagte diese, das „könne man ja machen“. Nach einer weiteren Unterbrechung beantragte die Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen eine Zahlung von 200 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung einzustellen.

Die Angeklagte versuchte, die monatlichen Beträge zu senken, sah dann aber ein, dass sie die Auflage binnen sechs Monaten zu zahlen habe, so lange ruhe das Verfahren, erläuterte die Richterin.

Die Seniorin stimmte schlussendlich den Bedingungen zu. Solange sie die Zahlungsfrist einhält, ist das Verfahren dann beendet. Sie habe die richtige Entscheidung getroffen, eine Verurteilung hätte sie wohl mehr gekostet, meinte der Staatsanwalt abschließend.

von Jörn George