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Nordkreis Letzte Zweifel führen zu Freispruch
Landkreis Nordkreis Letzte Zweifel führen zu Freispruch
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11:00 08.05.2021
Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen.
Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen. Quelle: Maurizio Gambarini
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Marburg

Schläge, Stöße, Übergriffe im Rausch – zwischen einem ehemaligen Paar sollen Streitereien regelmäßig eskaliert sein. Vor dem Amtsgericht Marburg ließen sich letzte Zweifel, ob der Ex tatsächlich gegen seine Partnerin gewalttätig wurde, nicht ausräumen.

Wegen dreifacher Körperverletzung samt Nötigung durch Drohung angeklagt war ein 50-Jähriger, der im August und September vergangenen Jahres mehrmals seine damalige Lebensgefährtin angegriffen haben soll. Laut Anklage schlug er der Frau bei verschiedenen Auseinandersetzungen in ihrer Wohnung im Nordkreis mehrmals ins Gesicht oder gegen den Oberkörper, stieß sie gegen eine Wand oder trat ihr gegen den Oberschenkel. Zudem soll er sie einmal mit dem Tode bedroht haben.

Prellungen, Hämatome und blau geschlagene Augen versteckte die Frau, äußerte gegenüber Bekannten oder ihrem Hausarzt lediglich, sie sei nur gestürzt oder Ähnliches. Dass sie sichtbare Blessuren davontrug, das steht fest. Das beweisen unter anderem Aufnahmen der Polizei, die an einem Abend von Nachbarn zu einem lautstarken Streit des Paares gerufen wurde.

Wie aber die Verletzungen entstanden, das konnte vor Gericht nicht eindeutig geklärt werden. Wie häufig bei Verfahren zu häuslicher Gewalt stand Aussage gegen Aussage. Die Angaben des Angeklagten und der mutmaßlich Geschädigten konnten unterschiedlicher nicht sein, bis auf eine Grundlage: Übermäßiger Alkoholkonsum war stets im Spiel und Auslöser für immer neue Streitigkeiten, je nach Perspektive lag die Schuld beim jeweils anderen.

Der 50-Jährige beteuerte mehrfach, dass er seiner Ex gegenüber nie gewalttätig geworden war, ihr im Gegenteil helfen wollte, wenn sie im Rausch regelmäßig stürzte, sich an Gegenständen stieß und Prellungen davontrug. „Ja, wir haben uns gestritten, aber ich habe sie weder geboxt noch getreten“, betonte der Mann.

Er berichtete von diversen Situationen, in denen sich seine damalige Freundin durch eigenes Verschulden verletzt habe, „das ist oft passiert, sie hat viel getrunken“. Zudem leidet die Frau aufgrund einer Vorerkrankung an Gleichgewichtsstörungen, nimmt Medikamente, die sich bei Alkoholkonsum noch verstärkt auf das Gleichgewicht auswirken könnten.

Ein vollkommen anderes Bild zu den angeklagten Taten zeichnete die Zeugin, die aufgelöst von regelmäßigen gewalttätigen Übergriffen durch den damals häufig betrunkenen Ex berichtete. Während der mehrstündigen Verhandlung sprach sie immer neue Vorfälle an, die nicht Teil der Anklage waren. Mal habe er sie brutal gestoßen, mal auf offener Straße geschlagen.

Daran erinnern konnte er sich wieder nüchtern am nächsten Tag nicht mehr, schätzte die Frau. Nach einem Übergriff am Abend, habe er sie morgens häufig gefragt: „Wie siehst du denn aus?“ Dem folgten Erklärungen, dass sie wieder einmal hingefallen sei oder sich gestoßen habe.

Lange habe sie sich nicht getraut, über die vermeintliche Gewalt in der Beziehung zu sprechen, dachte sich Ausreden aus, „ich hatte irgendwie Angst und wollte ihm ja auch nichts Böses“. Die Aufnahmen der Polizei zeigen unter anderem Hämatome an den Oberarmen, die durch starken Druck entstehen können: Man erkenne deutlich die Abdrücke von Fingern, „Bilder sagen mehr als Worte“, befand Oberamtsanwältin Tina Grün bei der Durchsicht der Fotos. Dass dieses Verletzungsbild durch einen Sturz entstanden sein soll, wie es der Angeklagte erklärte, könne sie sich nicht vorstellen.

Für den Mann stand einiges auf dem Spiel, er ist vorbelastet, hat 15 Vorstrafen aus den vergangenen 30 Jahren, teils einschlägige, wie Körperverletzung oder Bedrohung.

Problem bei dieser Beweisaufnahme: Die Zeugen, darunter mehrere Polizisten, konnten zum eigentlichen Ablauf der vorgeworfenen Gewalttaten wenig beisteuern. Auch die Angaben der Frau zu den drei angeklagten Taten deckten sich vom Zeitraum oder Ablauf nicht immer mit der Aktenlage.

Eine Verwechslung aufgrund der „Vielzahl an Taten“ sei hier jedoch verständlich, befand die Vertreterin der Staatsanwaltschaft: Grün sah die Aussagen der Frau als glaubhaft an, es sei deutlich geworden, dass diese dem Ex „keine reinwürgen“ wolle, sondern die Wahrheit sagte. Sie forderte eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung sowie eine Geldzahlung von 2 500 Euro für das Marburger Frauenhaus.

Verteidiger Jörg Otterbach widersprach der Darstellung der Zeugin und bemängelte darin „eklatante Abweichungen“. Der Rechtsanwalt forderte Freispruch für seinen Mandanten, da die Vorwürfe „nicht mit der notwendigen Sicherheit“ nachgewiesen werden konnten.

Das sah auch das Gericht so: Strafrichterin Svenja Lauber-Nöll sprach den Mann frei. Sie habe zwar ebenfalls „erhebliche Zweifel“ an der Aussage des Angeklagten, dennoch reichten die teils undifferenzierten Erklärungen der Frau ebenso wenig für eine Verurteilung aus. Demnach müsse in diesem Fall der Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ gelten.

Von Ina Tannert

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