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Nordkreis Alle für einen – in Caldern galt das schon 1820
Landkreis Nordkreis Alle für einen – in Caldern galt das schon 1820
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11:00 16.01.2022
Ein Blick vom Rimbergturm auf den heutigen Lahntaler Ortsteil Caldern. 1820 lebte genau ein Mann jüdischen Glaubens in diesem Ort.
Ein Blick vom Rimbergturm auf den heutigen Lahntaler Ortsteil Caldern. 1820 lebte genau ein Mann jüdischen Glaubens in diesem Ort. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Caldern

Der heutige Lahntaler Ortsteil Caldern ist eines jener Dörfer, dessen Geschichte sehr weitgehend aufgearbeitet und verschriftlicht wurde. Die Chronik zum Dorfjubiläum und das Buch „Ora et labora“ zum ehemaligen Zisterzienser-Kloster sind die Produkte fleißiger Menschen, die in der Lokalgeschichte geforscht haben.

Auch im „Klosterboten“ des Heimat- und Geschichtsvereins Lahntal wurden einige Geschichten und Vorkommnisse aufgeschrieben. Und doch gibt es immer mal wieder Geschichten aus der Geschichte des Dorfes, die noch nicht niedergeschrieben und neu bewertet wurden.

Volker Heine, der lange Jahre Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins war, hat da noch eine Begebenheit ausgegraben, die er für bemerkenswert hält und „die ganz sicher auch noch eine Botschaft an alle heute lebenden Menschen hat“.

Die Rede ist von Gerson Isenberg, der 1820 in Caldern lebte. Der zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alte Viehhändler wird als einziger im Dorf ansässiger Israelit bezeichnet. Und er muss hohes Ansehen genossen haben, denn es existiert ein Bittbrief Calderner Bürger an die Kurfürstliche Regierung.

„Nur ein unüberlegter

Knabenstreich“

Darin zeigen per Unterschrift zahlreiche Gemeindemitglieder, der Schultheis, der Präceptor und schließlich auch der Pfarrer an, das Gerson Isenberg ein aufrichtiger Mann sei, der als Viehhändler außerordentlich wichtig für den Ort sei.

Im Ganzen erbitten sie von „seiner königlichen Hoheit die allergnädigste Erlaubnis“, dass dieser Mann in Caldern wohnen bleiben darf. Die Kurfürstliche Regierung solle sich entsprechend „bey Sr. Königlichen Hoheit“ für Isenberg einsetzen.

Denn diese Erlaubnis wurde ihm bis dato nicht gewährt, obgleich er seit 1809 dort wohnte. Es wird im Bittschreiben nicht ausgeführt, was dem Mann vorgeworfen wurde, dass man ihm die Aufnahme „als Unterthan in die Gemeinde Caldern“ verweigern wollte, doch schienen die unterzeichnenden Personen im Bilde zu sein.

Sie argumentierten, dass der Vorfall sich zugetragen habe, als der Mann noch gar nicht in Caldern wohnte und kaum mehr als 15 Jahre alt gewesen sein konnte. Sein Handeln könne also als „ein bloser unüberlegter Knabenstreich anzusehen sein“.

Seither habe er sich „stets musterhaft aufgeführt“. „So ein Vorgang hat es bestimmt nicht alle Tage zu dieser Zeit gegeben“, ist sich Volker Heine sicher. Dass es sich dann auch noch um einen Israeliten, also um einen Mann jüdischen Glaubens handelte, sei um so wichtiger herauszustellen.

Um 1820 hatten Juden in Europa einen schweren Stand. Zarin Katharina II ließ Juden massiv aus ihrem Land vertreiben und unter diesem Eindruck begann auch Preußen eine stetige Vertreibung jüdischer Mitbürger.

Gerade um 1820 lebten im damaligen deutschsprachigen Raum kaum mehr als 220 000 Juden. Viele davon in den Städten und nicht wenige von diesen in ärmlichen Verhältnissen.

So darf die Aktion der Calderner Bürger sicher als besonderes positives Vorkommnis gewertet werden. Der damalige Pfarrer A. Busch beließ es überdies nicht nur bei seiner Unterschrift, er schrieb noch Folgendes dazu: „Daß der Israelit Gerson Isenberg sich, solange ich hier als Pfarrer angestellt bin, brav und rechtschaffen betragen hat und überhaupt ein stilles Leben führt, wird ihm hiermit auf Verlangen und der Wahrheit gemäß bezeugt.“

Der Bittbrief hatte

offensichtlich Erfolg

Die Calderner wussten den Menschen Gerson Isenberg zu schätzen. „So sollte es doch auch heute sein, dass sich Menschen schätzen und respektieren“, sagt Heine. Er gibt gerne zu, ein bisschen stolz auf die Calderner von damals zu sein. Diese wussten wohl noch Weiteres über Gerson, was uns wiederum über Schriftquellen und einen Grabstein seiner Tochter überliefert wurde: 1819, also ein Jahr vor dem Bittbrief, war seine Tochter Betti oder Betty auf die Welt gekommen. Ehefrau und Mutter des Kindes war Hedwig, eine geborene Löb. Es galt also damals auch, eine junge Familie zu schützen. Der Grabstein seiner Tochter steht übrigens auf dem jüdischen Friedhof in Lollar.

Das Paar hatte offensichtlich noch weitere Kinder. Lea (1825) und Joseph (1831) wurden auch beide in Caldern geboren. So darf man also auch davon ausgehen, dass der Bittbrief der Calderner Bürger Erfolg gehabt hat. Über Gerson Isenberg ist noch bekannt, dass er 1864 starb.

Noch eine Bemerkung am Rande: Von den 36 Bürgern inklusive Schulheiß, Präceptor und Pfarrer, die mit ihrer Unterschrift für Gerson Isenberg einstanden, hießen nicht weniger als 20 mit Vornamen Johannes.

Von Götz Schaub

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