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Nordkreis Zwischen Glitzerwelt und Landidylle
Landkreis Nordkreis Zwischen Glitzerwelt und Landidylle
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14:02 03.03.2020
Alina und Brix Schaumburg mit Hündin Wilma Quelle: Ina Tannert
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Wittelsberg

Ein gemütliches Wohnzimmer unter dem Dach, weiße Wände, dunkles Laminat, durch das Fenster fällt der Blick aufs ländliche Dorf-Idyll. Auf dem großen Sofa döst Chihuahua-Hündin Wilma vor sich hin, ein beschauliches Bild. Der Besucher könnte meinen, hier lebt ein ganz normales junges Paar auf dem Land. Bis sich die Tür zum verspiegelten Proberaum öffnet und ein ganzes Arsenal an schreiend bunten Kostümen, knalligen Perücken und den gut gefüllten Maskenbereich preisgibt, der wohl jede Stylistin vor Neid erblassen lässt. Dann wird klar: Dies ist das neue Heim des bühnenerfahrenen Künstlerpaares Alina und Brix Schaumburg. Vor kurzem sind die Sängerin und der Schauspieler von Hamburg aus hergezogen, in den Geburtsort von Alina, geborene Bier.

Es wird ihre Oase der Ruhe im beschaulichen Wittelsberg, fernab vom Trubel, vom Jetlag und dem Bühnenleben. „Es ist unser Rückzugsort und der erste Winter, auf dem wir nicht auf Tournee sind“, erzählt die Sängerin im OP-Gespräch begeistert. Sie freut sich sichtlich, wieder in heimischen Gefilden zu sein.

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Dass er seiner großen Liebe mal ins geruhsame Landleben folgen würde, hätte Brix Schaumburg auch nicht gedacht. Mit Ruhe und Frieden hat es der stets lachende Großstadt-Fan eigentlich so gar nicht, „eigentlich bin ich immer weg, ich bin kein sesshafter Typ“, sagt er lachend. „Er ist die Rampensau, ich bin eher die Koordinatorin“, ergänzt seine Frau. Das Paar lacht viel, fühlt sich sichtlich wohl im neuen Zuhause, selbst er als Jetsetter. Brix ist ein echter Lebemann, der früher mal eine Frau war. Der Musicaldarsteller gilt als Deutschlands erster offiziell geouteter Transgender-Schauspieler.

Das Geschlecht spielt keine Rolle

Er steht mal als Mann, mal als „Miss Cherry La Boom“ im Rampenlicht, dreht mittlerweile eigene Filme. Seine Drag-Queen-Figur ist eine echte Lady, hat Humor, Sinn für Ästhetik, Schuhe und geile Fummel. Auch privat bringt Brix am liebsten Leute zum lachen, mag Kappen und bunte Sonnebrillen. Aber auch ohne die betrachtet er das Leben als farbenfrohe Gelegenheit, liebt die Herausforderung in der Filmszene, egal in welcher Rolle. „Ich habs nicht mit Geschlechterrollen, warum können Männer nicht genauso pink und glitzernd sein?“

Er ist das beste Beispiel, war immer schon „flippig, bunt und wild“. Geboren im Ruhrpott, riss er mit 16 aus, verbrachte einige Jahre in Neuseeland, in der Schweiz, England, ist eigentlich bis heute immer auf Achse, auf zur nächsten Show. Er trat unter anderem bei der Europatournee von „Das Dschungelbuch“ oder bei „Tanz auf dem Vulkan“ auf.

Mit 22 Jahren entschied er als Mann zu leben, hat sich umoperieren lassen. Sein Bühnenstudium an der Stage School Hamburg begann er aber noch als Frau und lernte da auch Alina kennen. Gemeinsam entwickelten sich beide in verschiedene Richtungen, zogen durch die Musicalszene in die Welt. Seit gut acht Jahren steht Alina als Sängerin auf der Bühn. „Without music, life would be a mistake“ – ohne Musik wäre das Leben ein Fehler – prangt auf Homepage der 25-Jährigen. Das Motto passt, sang sie doch schon im zarten Alter von neun Jahren im Schulchor. Das war der erste Schritt auf ihrem Weg zur diplomierten Musicaldarstellerin. Noch während der Ausbildung startete sie als Mogli im Dschungelbuch gleich mit einer Hauptrolle ins Berufsleben. Auch in der Region hat die heute 29-Jährige Spuren hinterlassen, 2014 gründete sie das Close Harmony Trio „The Sugar Sisters“, das mittlerweile auch im heimischen Landkreis auftritt.

Am Landleben Geschmack gefunden

Alina und Brix verloren sich zwischenzeitlich aus den Augen, trafen sich 2016 zufällig im Fitnessstudio wieder, da war Brix schon ein Mann, und verliebten sich ineinander. „Wir wussten nach zwei Wochen, dass wir heiraten werden“, erzählt sie lächelnd. Das holten sie dann 2018 nach und nun sind beide im Landleben angekommen. Dass er einmal eine Frau war, war nie ein Problem, bei Alina sowieso nicht und auch ihre Familie nahm ihn liebevoll auf, erzählt Brix. Probleme als Transgender hatte er in dem kleinen Dorf nicht. Vielmehr wisse er die Nähe zu Nachbarn und Familien zu schätzen, „alle Omas und Opas sind nah dran, das ist toll, ich wollte immer schon eine große Familie“, schwärmt der 30-Jährige. Und selbst der aktive Weltenbummler gibt zu: „Ein richtiges Zuhause hat mir gefehlt, hier können wir uns zurückziehen.“

Beide sind beruflich weiterhin viel unterwegs, doch ihr Leben lang will zumindest Alina nicht auf der Bühne stehen, „es ist ein toller Job, aber mit dem will ich nicht in Rente gehen.“ Ihr „Steckenpferd“ bleibt der Gesang. Darin unterrichtet sie mittlerweile mit großer Begeisterung, „das gibt mir erstaunlich viel, und ganz ohne Bühne.“ Der Lehre verfolgen mittlerweile beide, die Gesangspädagogin lehrt an der Live Music School in Marburg. Ihr Mann ist seit 2018 offizieller National Director fürs deutsche Team von World Championships of Performing Arts, reist regelmäßig monatelang in die USA und kümmert sich um junge Talente. Gemeinsam entwickelt das Paar nun auch Konzepte für Präventions-Theaterstücke für Schulklassen, um Themen wie Ernährung, Sucht oder Kinderrechte aufzugreifen. „Das möchten wir künftig noch ausweiten und etwas mit Sinn und Verstand machen.“

Weitere Informationen unter www.brixschaumburg.de und http://alinabier.de.

Von Ina Tannert