Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Nordkreis Marita und ihr Leben mit den Drogen
Landkreis Nordkreis Marita und ihr Leben mit den Drogen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 25.10.2019
Marita Blang blickt in dem Film auf ihr Leben mit Drogen zurück. Quelle: Privatfoto
Schönstadt

„Lebensmüde gerettet“ steht als Überschrift auf dem kleinen Schnipsel. Am 4. Juni 1986 hatte die Bild-Zeitung über den Suizid-Versuch von Marita Blang, damals Schütz, berichtet. Die 16-Jährige wollte sich einen Tag vorher aus dem 26. Stock eines Frankfurter Hochhauses stürzen.

„Da nahm ich schon drei Jahre Drogen, hing ein Jahr an der Heroin-Nadel“, erzählt die heute­ 49-Jährige. Mit 15 Jahren ließ sie sich von einem Bekannten den ersten Schuss setzen. Sie erinnert sich noch genau an das Gefühl, als der Stoff in ihre Ader floss: „Noch bevor die Spritze leer war, wurde mir ganz warm. Ein Gefühl der Gelassenheit machte sich breit, ich war voller Liebe, alle Probleme waren auf einmal weg, ich schwebte wie auf Wolken.“

Und sie hatte damals große Probleme. Der mehrjährige sexuelle Missbrauch durch ihren Stiefvater hatte ihrer Kinderseele zugesetzt, dass ihre Mutter sie als Lügnerin abgestempelt hat, war eine weitere Enttäuschung. Den zweiten Druck am Nachmittag setzt sie sich schon selbst.

"Preungesheim war mein Zuhause"

Sie betäubt sich jahrelang mit Heroin, Kokain und Rohypnol, einem Beruhigungsmittel, das etwa zehn Mal so stark ist wie Valium. Marita prügelt sich, klaut in Läden, zieht Leute ab, die sie vorher mit K.-o.-Tropfen kurzzeitig betäubt hat.
Es folgen Aufenthalte in Entzugskliniken, Haftbefehle, Verurteilungen. „Preungesheim war mein Zuhause“, sagt sie.

Insgesamt verbringt sie sieben Jahre und neun Monate in der Justizvollzugsanstalt. Zum Schluss half nur noch der Maßregelvollzug. Sie wird substituiert, kommt weg von den Drogen, bekommt ihren ersten Sohn und findet 2000 eine Unterkunft in ­einer Gießener Übergangseinrichtung. Von dort zieht sie an den Teichwiesenweg in Marburg und beginnt ein ganz normales Leben. Ein Jahr später kommt ihr zweiter Sohn Jerôme zur Welt.

Sie macht eine Ausbildung, findet einen Job, klettert die Karriereleiter hoch. Nach 13 Jahren, am 18. Juni,­ findet sie eine halbe Tablette LSD und schluckt diese. Marita­ Blang: „Ich wollte nur einmal kurz abtauchen, nur einmal kurz weg sein.“ Die Tablette wirkt sofort. Nur eine Stunde später sitzt sie im Zug nach Frankfurt und besorgt sich neuen Stoff. Nach vier Monaten dann der totale Zusammenbruch. Ihr Sohn lebt da schon bei einer Übergangspflegemutter.

Lebensgeschichte mit viel Leid und Schmerz

Ein Nachbar beobachtet, wie sie auf dem Balkon zusammenbricht und ruft den Notarzt. Zwei Tage kämpfen die Ärzte um ihr Leben. Eine Freundin bringt sie nach dem Klinikaufenthalt nach Schönstadt. Auf Hof Fleckenbühl beginnt Maritas zweites neues Leben. Darüber hat die Filmstudentin Alina Gallardo Leon einen halbstündigen Film gedreht. Marita erzählt ihre Geschichte und das sehr persönlich.

Die Regisseurin hat die Emotionen während der Gespräche und während ihres Alltags eingefangen. Sie gibt einen Einblick in ein Leben, das kontrastreicher nicht sein könnte. Eine Lebensgeschichte mit viel Leid und Schmerz, aber vielmehr noch mit zurückgewonnener Energie, Herzlichkeit und Vertrauen.

Zu sehen ist der halbstündige Film morgen um 9 Uhr im Cineplex und am Samstag um 16 Uhr im Rahmen des offenen Hofes auf Hof Fleckenbühl in Schönstadt. Im Anschluss gibt es an beiden Tagen einen offenen Austausch mit der Regisseurin Alina Gallardo Leon und der Protagonistin Marita Blang. Der Eintritt ist frei.

von Katja Peters