Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Nordkreis 15 Minuten banges Warten
Landkreis Nordkreis 15 Minuten banges Warten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:42 22.12.2020
Wer rein will, muss sich testen lassen. Claudia Erkel nimmt einen Abstrich für einen Corona-Antigentest. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Wetter

Langsam nähert sich der sterile lange Tupfer dem Gesicht, Kopf gerade halten, nicht wegzucken, und rein in die Nase. Wie weit es von dort bis zur Rachenwand noch ist, davon wird man bei einem ersten Corona-Schnelltest durchaus überrascht, und die Prozedur ist nicht gerade angenehm. „Es tut nicht weh, es kribbelt nur ein bisschen“, sagt Gerhardt Inerle schulterzuckend und lacht. Auch er hat den Abstrich gerade hinter sich gebracht.

Den braucht er, um an Heiligabend seine Frau im Pflegeheim der Altenhilfe des St. Elisabeth-Vereins in Wetter besuchen zu dürfen. Der 81-Jährige steht am Dienstag nicht alleine vor dem Gebäude: Den ganzen Nachmittag über nehmen mehr als ein Dutzend Angehörige die vereinbarten Test-Termine wahr, für heute sind noch weit mehr angemeldet.

Anzeige

Nach dem Abstrich wandert jeder Tupfer in eine Lösung und die in ein Test-Gerät. 15 Minuten müssen die Angehörigen auf das Ergebnis warten. Sie alle wollen so viel Sicherheit wie möglich, nehmen das Prozedere – Einverständniserklärung ausfüllen, Abstrich und Wartezeit im Freien – gerne auf sich. „Man muss bei den alten Leuten vorsichtig sein, nicht dass da noch etwas passiert“, sagt Werner Knoth. Er möchte gleich seine 98 Jahre alte Tante besuchen.

Das geht pro Bewohner einmal in der Woche, mit Abstand und Maske, so sieht es das Hygienekonzept des St. Elisabeth-Vereins vor. Das zieht klare Grenzen, etwa wie viele Besucher sich im Haus aufhalten dürfen – einer pro Etage –, und habe sich während des Pandemie-Jahres als erfolgreich erwiesen: Bislang gab es innerhalb der vier Einrichtungen des Vereins nicht einen registrierten Corona-Ausbruch, berichtet Oliver Pappert, Geschäftsbereichsleiter Stationäre Altenhilfe.

Mitarbeiter werden schon lange regelmäßig getestet, mittlerweile zwei Mal pro Woche, seit Dezember kommen die Schnelltests zum Einsatz. 3 500 Stück hat der Verein zuletzt gekauft. Einmal pro Woche werden auch jene Bewohner getestet, für die dazu eine Einverständniserklärung vorliegt, entweder von den Senioren selbst unterschrieben oder bei den meisten durch Angehörige als bevollmächtigte Betreuer. Zum Test gezwungen werde niemand, von den insgesamt 54 Bewohnern in Wetter nutzen das 23. „Wir haben jetzt schon weit über 200 Tests in Wetter durchgeführt, alle werden erfasst und dokumentiert“, berichtet Pflegedienstleiterin Judith Rüffer.

Seit Dezember werden auch Angehörige getestet, kurz vor Weihnachten nehmen das besonders viele in Anspruch. „Ich finde das wichtig, ich will meinen Mann besuchen und ja niemanden anstecken“, sagt eine ebenfalls wartende Frau. Die Testungen in einem dafür eingerichteten Raum mit Fenster-Zugang nach außen übernehmen sechs Mitarbeiter der Einrichtung, die zuvor vom Betriebsarzt an den Test-Kits angelernt wurden.

Altenheime ächzen unter Mehrarbeit

Fällt das Ergebnis negativ aus, haben die Angehörigen 48 Stunden Zeit, um einmal zu Besuch zu kommen. Natürlich könnten sie bis dahin wieder andere, potenziell kranke Menschen treffen, „das ist immer ein Restrisiko, personell können wir aber nicht mehr leisten, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie“, sagt Pappert.

Es sei immer ein Spagat zwischen Infektionsschutz und der Möglichkeit, Besuche anbieten zu können. „Die Politik stellt sich das zu einfach vor, es ist ein Riesenaufwand, alleine um das Geld für die Tests zurückzubekommen, und die ganze Organisation – wir haben ausreichend Pflegepersonal, das eine tolle Arbeit macht, aber die Tests binden einfach Kapazitäten.“

Und das dürfte vorerst so weitergehen, auch nach dem bundesweiten Impf-Start am Sonntag. Für das Wetteraner Altenheim habe sich das mobile Impf-Team des Kreises dann für Dienstag angekündigt. Auch hierbei gilt die Einverständniserklärung-Regel – geimpft werde nur, wer will und wem der Arzt zudem die Impftauglichkeit bestätigt hat.

Aber auch mit Impfung dürfe man sich nicht „in falscher Sicherheit“ wiegen, warnt Pappert. Die klare Besucher-Regelung gelte vorerst weiter, ein Besuch pro Bewohner in der Woche. Sollte die Inzidenz auf über 200 steigen und mehrere Tage bleiben, könne auch das wegfallen, zumindest wenn die Zahlen mehrere Tage so hoch bleiben.

Ein Besuch an Heiligabend ist für die Wartenden wohl schon einmal gesichert. Das freut die auf dem Hof verteilten Angehörigen – auf sie wartet am Ende auch eine gute Nachricht: „Der Test ist negativ, und das ist ja positiv“, freut sich nicht nur Besucher Knoth über die kleine, wichtige Notiz auf seinem Zettel.

Von Ina Tannert