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Landratswahl 2019 Unerschrocken gegen die Großen
Landkreis Landratswahl 2019 Unerschrocken gegen die Großen
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00:15 04.07.2019
Landratskandidat Thomas Riedel (rechts) und FDP-Kreisvorsitzender Werner Böhm freuen sich über das eindeutige Votum der Mitglieder. Quelle: Dominic Heitz
Marburg

Noch einen Wahlkampf nach der Europawahl? Das wollten die Freien Demokraten ihrer Basis eigentlich nicht zumuten.

Weil die FDP derzeit aber auch ein bisschen gegen das Vergessen kämpft, nehmen die Partei und ihr Kandidat die Ochsentour bis zum 8. September auf sich.

In der Marburger Gaststätte­ „Sellhof“ stimmten die Liberalen darüber ab, ob der Michelbacher Thomas Riedel sich für die Partei um den Chefsessel im Landratsamt bewerben soll. Das Ergebnis: Bis auf eine Enthaltung waren alle Stimmberechtigten einverstanden.

FDP im Landtag kleine Fraktion

Vor der Abstimmung hatte Riedel in groben Zügen skizziert, wie er sich seine Rolle als Landrat vorstellt. Er wolle für parteiübergreifende Lösungen einstehen, sagte er. Was bleibt ihm übrig, wird man angesichts der Tatsache fragen, dass er als FDP-Landrat im Kreistag lediglich ­eine kleine Oppositionsfraktion im Rücken hätte und die übermächtig erscheinende Koalition von seinen Ideen überzeugen müsste. In der Vergangenheit war diese große Koalition aber nicht gerade dadurch aufgefallen, dass sie sich gegenüber den kleineren Fraktionen kompromissbereit zeigte.

Dass sich der 54-Jährige zutraut, sich mit den bestehenden Mehrheitsverhältnissen im Kreistag zu arrangieren und ­gegebenenfalls Widerstände zu überwinden, verwundert nicht, wenn man sich seinen Lebenslauf anschaut. Thomas Riedel hat sich schon viele Ziele gesetzt in seinem Leben und viele davon auch erreicht.

Erweckungserlebnis kam 2013

Über eine kaufmännische Ausbildung, eine Ausbildung zum Regierungsassistenten beim Bundesinnenministerium und ein Studium der Wirtschaftsinformatik landete er schließlich in der Pharmabranche, wo er lange Jahre auf der ganzen Welt in leitenden Positionen ­arbeitete. Mittlerweile verdient der Vater zweier erwachsener Töchter sein Geld als selbstständiger Personalberater.

Die Politik hat ihn erst später gepackt, sagte er während der Sitzung. Dabei habe er immer schon mit liberalen Grundsätzen sympathisiert. Die Freiheit des Einzelnen und die Reduzierung der Obrigkeit auf ein nötiges Minimum seien ihm am wichtigsten. Gewissermaßen sein Erweckungserlebnis als ­Liberaler ist die Bundestagswahl 2013 gewesen, als die FDP erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik den Einzug ins Parlament verpasste.

Kandidat verspricht keine Wahlgeschenke

Da habe sich der Entschluss verfestigt, für die Partei etwas tun zu wollen, erinnert sich der Michelbacher. 2017 dann trat Riedel der Partei bei und übernahm gleich auch Verantwortung. Mittlerweile ist er Beisitzer im Kreisvorstand und im Ortsverband Marburg.

Der 54-Jährige skizzierte während der Kreismitgliederversammlung seine Positionen für den Wahlkampf. Auch Riedel kommt nicht um das Thema Kreisumlage herum. Denn die stellt die entscheidende Stellschraube im Verteilungskampf um finanzielle Mittel zwischen Städten und Gemeinden auf der einen und dem Landkreis auf der anderen Seite dar. Riedel sagte, dass er die Kreisumlage überprüfen wolle und verkniff sich Wahlgeschenke zu versprechen, indem er das Senken der Umlage in Aussicht stellte.

Typische FDP-Themen, und ein Untypisches

Andere Themen sind für ihn der Abbau der Bürokratie („Will keine Verwaltung, die sich selbst verwaltet“), der Kampf gegen den Landarztmangel, die Beschleunigung der Digitalisierung („30 Megabit Bandbreite sind nicht viel“) sowie Ausbau und Instandhaltung von Kreisstraßen und Schulen.

Das sind im Großen und Ganzen FDP-typische Themen. Weniger typisch mutet hingegen Riedels Vorstoß in Richtung Öffentlicher Personennahverkehr an. Hier wünscht er sich einen Ausbau des Angebotes.

Windkraftanlagen nur dort, wo es sinnvoll ist

Thomas Riedel hatte sich in den vergangenen Jahren als Vorsitzender der „Bürgerinitiative­ Windkraft Görzhausen“ einen Namen gemacht. So durfte das Thema Windkraft natürlich in seiner Bewerbungsrede nicht fehlen. „Ich bin kein Windkraftgegner“, sagte er. Aber Windräder wolle er nur dort, wo es Sinn ergibt. Allerdings wisse er, dass die Möglichkeiten des Kreises in dieser Frage begrenzt seien.

Abschließend warb er als ­„Novize im Wahlkampf“ um die ­Unterstützung seiner Parteifreunde. Die dürfte ihm aber gewiss sein. Im „Sellhof“ war deutlich zu spüren, dass die Liberalen froh sind, dass sich jemand in den Wahlkampf gegen die amtierende Landrätin wagt.

von Dominic Heitz