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Landratswahl 2019 Aus dem Garten ins höchste Amt
Landkreis Landratswahl 2019 Aus dem Garten ins höchste Amt
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20:00 27.08.2019
Sollte sie im September gewinnen, kann sich Kirsten Fründt sogar vorstellen, in sechs Jahren ein weiteres Mal zur Wahl anzutreten – dann für eine dritte Amtszeit. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

An den Anruf erinnert sie sich noch gut: Bei einem Familienbesuch in Oldenburg klingelte vor etwa sechs Jahren das Telefon. Egon Vaupel war dran, Sozialdemokrat und ehemaliger Marburger Oberbürgermeister. Der SPD war gerade mitten im Landratswahlkampf der Kandidat abhanden gekommen. Ob sie sich nicht vorstellen könnte, sich für das Amt der Landrätin zu bewerben, wollte Vaupel von Kirsten Fründt wissen. Eine Frage wie ein Schlag vor den Kopf.

Fründt sagt, sie habe damals keine Vorstellung davon gehabt, was eine Landrätin denn für Aufgaben habe, was sie tun müsste, womit rechnen. Sie leitete zu dieser Zeit das Sportamt der Stadt Marburg, hatte also schon Verantwortung. Aber das Kreisamt?

Nach kurzer Überlegung sagte Fründt zu, der Rest ist Geschichte. „Das war eine der mutigsten Entscheidungen, die ich in meinem Leben gefällt habe“, sagt sie und man glaubt es ihr. Schließlich deutete zunächst nichts in ihrer Vita darauf hin, dass sie einmal die größte Behörde des Landkreises leiten würde – in der Wirtschaft würde man analog von einem Großunternehmen sprechen.

Ihre Karriere verläuft zunächst eher ruhig

Fründt macht eine Ausbildung als Gärtnerin und arbeitet drei Jahre lang im botanischen Garten in Marburg. 1991 nimmt sie in Gießen ein Studium der Agrarwissenschaften auf und arbeitet anschließend im Institut für Landschaftsökologie und -planung. 2000 wechselt sie in die Verwaltung der Stadt Marburg, wo sie am 1. Januar 2013 Sportamtsleiterin wird – eine Stelle, die sie nur ­relativ kurz innehat, denn einige Monate später zieht sie in den Wahlkampf um das Landratsamt.

Streng genommen begann ihr politischer Werdegang drei Jahre zuvor. 2010 trat Fründt in die SPD ein. „Jeder Mensch ist politisch“, sagt sie. Sie habe immer schon mitreden und gestalten wollen. Gestalten – das ist auch heute noch eine ihrer Maximen. Allerdings sind Fründts Gestaltungsdrang Grenzen gesetzt. „Wir haben viele Pflichtaufgaben“, sagt sie über das Landratsamt. Für eine mögliche zweite Amtszeit hat sie dennoch verschiedene inhaltliche Schwerpunkte ausgemacht.

Da wäre zum Beispiel der Dauerbrenner Digitalisierung. Die digitale Infrastruktur will Fründt gemeinsam mit den Unternehmen im Kreis entwickeln. „Mit der Breitband GmbH haben wir hier ein wichtiges Signal gesendet“, sagt Fründt.

Der Verkehr als politisches Ziel

Für Unternehmen wohl ähnlich wichtig: der Verkehr. Sei es für die eigene Logistik, sei es für die Menschen, die zur Arbeit fahren. Um die Bahn attraktiver zu machen, könnten mehr Bedarfshaltestellen installiert werden, sagt Fründt. Auch eine Wiederbelebung der Salzbödebahn habe Potenzial.

Und nicht zuletzt spiele das Fahrrad für viele Menschen eine immer wichtigere Rolle, und zwar nicht nur in der Freizeit, sondern auch, um zur Arbeit zu fahren. Hier sei ihr Ziel, das Radwegenetz auszubauen. Zwar ­habe der Kreis nur wenige eigene Flächen, die sich hierfür anbieten. Die Rolle des Landkreises sieht Fründt deshalb auch eher als Koordinator und Impulsgeber. „Wir müssen mit den Kommunen ein durchgängiges Konzept abstimmen. Die Pläne hierfür lägen mittlerweile vor, sagt sie.

Ein weiteres wichtiges Problem sieht Kirsten Fründt in der medizinischen Versorgung ländlicher Regionen. Versorgungszentren könnten eine Lösung bieten, da stimmt sie anderen politischen Parteien zu. Allerdings nicht kommunal getragen, sagt Fründt. Vielmehr könnten sich Ärzte genossenschaftlich organisieren.

Für Fründt spielt darüber ­hinaus die Qualifikation von Medizinern und Hilfspersonal eine wesentliche Rolle. Junge Ärzte müssten auch in Landarztpraxen die Möglichkeit haben, sich weiterzubilden, sagt sie. Arzthelfer hingegen könnten grundsätzlich tiefer qualifiziert werden, um die Ärzte stärker zu entlasten.

Verwaltungen droht Personalmangel

Neben diesen gestalterischen Ansätzen sieht Fründt einen Schwerpunkt ihrer Arbeit darin, auch künftig das Kreisamt als Dienstleister leistungsfähig zu halten. „Ich brauche Personal, um versorgen zu können“, sagt sie. Qualifiziertes Personal zu bekommen, werde aber immer schwieriger. „Die Süddeutsche Zeitung schreibt, dass der Fachkräftemangel in den Verwaltungen bald größer sein wird, als in der Pflege“, sagt Fründt. Das Kreisamt habe beispielsweise eine Stelle für einen Architekten schon dreimal ausgeschrieben. Besetzt ist sie noch nicht.

Dass sie als SPD-Mitglied mit den Mehrheitsverhältnissen im Kreistag leichteres Spiel hat, als dies bei Amtsträgern anderer Parteien der Fall wäre, weiß Fründt natürlich. Dennoch hält sie die Sitzverteilung für zweitrangig. Auf der kommunalpolitischen Ebene komme es darauf an, die Sachprobleme in den Vordergrund zu stellen, sagt sie. „Politische Farbenspiele müssen hier in den Hintergrund ­treten.“

von Dominic Heitz