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Landratswahl 2019 Wider die Konkurrenz von Stadt und Land
Landkreis Landratswahl 2019 Wider die Konkurrenz von Stadt und Land
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12:09 21.08.2019
Thomas Riedel, Landratskandidat der FDP, im OP-Interview: Der Öffentliche Personennahverkehr muss ausgebaut werden. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Vor zwei Jahren noch, als Thomas Riedel gegen die SPD-Bewerberin Kirsten Dinnebier antrat, um als Stadtrat gewählt zu werden, sagte er: „Ich möchte ein unabhängiger, parteiloser Kandidat für alle sein, die mehr Bürgerbeteiligung und frischen Wind in der Stadtpolitik unterstützen.“

Inzwischen ist Riedel Mitglied der FDP, aber „mehr Bürgerbeteiligung“ und „frischer Wind“ gehört noch immer zu seinen Lieblingsvokabeln, wenn er über seine politischen Ziele für den Landkreis spricht.

Seit 1998 lebt Riedel mit seiner Familie in Michelbach, 1999 zogen sie in ein Einfamilienhaus. In seinem Haus setzt er auf ­Solarkraft, Riedel erzählt dieses Beispiel, um dem Eindruck entgegenzutreten, er sei gegen erneuerbare Energien. „Ich bin absolut nicht gegen grüne Energien, und dort, wo ich als Privatmann etwas dafür tun kann, mache ich das.“

Zusammenarbeit Marburg-Landkreis im Blick

Riedel hat 2017 die „Bürgerinitiative Windkraft Görzhausen“ mitgegründet und ist deren Vorsitzender. Ihm haben die Windkraftgegner an verschiedenen Stellen des Kreises zu verdanken, dass die örtlichen Initiativen vernetzter arbeiten als vorher.

„Ich bin nicht gegen Windkraft, aber man soll sie da einsetzen, wo sie Sinn macht und nicht in Waldgebieten“, sagt er und fügt hinzu: „Und man darf sie nicht über die Köpfe der ­Bürgerinnen und Bürger hinweg durchsetzen.“

Für den Freidemokraten hat die Wiederaufforstung von Wald ohnehin Vorrang vor dem Bau weiterer Windkraftanlagen: „Wiederaufforstungen sind der beste Klimaschutz.“ Aber Riedel will sich nicht überwiegend mit dem Thema Windkraft bekannt machen, sondern setzt auch auf andere Sachthemen. Eines davon ist die Zusammenarbeit zwischen der Universitätsstadt Marburg und dem Landkreis, die „besser sein könnte“, sagt Riedel.

Die legendären ­Rivalitäten zwischen Marburger Oberbürgermeistern und den jeweiligen Landräten sind auch ihm nicht verborgen geblieben, und seinen Eindruck vom Verhältnis zwischen dem aktuellen Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies und der aktuellen Landrätin Kirsten Fründt fasst er so zusammen: „Sie ­bemühen sich, Einigkeit zu demonstrieren.“ Mehr nicht.

Dabei gebe es eine Reihe von Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Eine davon ist für Riedel die Verkehrspolitik. „Die Lösung der Verkehrsprobleme zum Standort Behringwerke kann nicht allein von der Stadt Marburg kommen“, sagt Riedel. Die Stadt Marburg dürfe keine Planungen machen, die die umliegenden Gemeinden – etwa­ Lahntal oder Weimar – mitbetreffen. „Hier müssen Stadt und Kreis eng zusammenarbeiten“, sagt er.

Riedel ist selbstständiger Personalberater freiberuflich für die Pharma- und Biotechnologiebranche tätig. 25 Jahre hat Thomas Riedel zuvor in Führungspositionen in der Pharmaindustrie gearbeitet. Er flog durch die Welt, hat Vertriebsstrukturen aufgebaut, hat die Übernahme des Marburger Standortes durch 
GSK maßgeblich geleitet.

Trete nicht an, um zu verlieren

Es ist vielleicht dieser berufliche Hintergrund, der ihn fordern lässt, auch im Landkreis Prozesse und Arbeitsabläufe zu analysieren und zu optimieren. Im Landratsamt müssten interne Prozesse von Zeit zu Zeit auf den Prüfstand – „da ist noch Luft nach oben.“

Ein inhaltlicher Schwerpunkt ist für den Michelbacher die Mobilität auf dem Land. Ihm schwebt vor, Verkehrsmittel sinnvoll miteinander zu kombinieren, konkret: in den einzelnen Dörfern Carsharing-Angebote zu schaffen – ausschließlich für einen Pendelverkehr zum nächsten Bahnhalt.

„Das wäre vermutlich sehr effektiv“, sagt Riedel, der deswegen möchte, dass der Kreis die ­Federführung für die Entwicklung eines solchen Konzeptes übernimmt. Auch der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs sei eine dringende Aufgabe des Kreises.

Kurzporträt

Mehr über Thomas Riedel lesen Sie hier.

„Natürlich trete ich nicht an, um zu verlieren“, sagt Riedel selbstbewusst: „Ich will Landrat werden.“ Seine Rechnung geht so:

Sollte Kirsten Fründt (SPD) nicht im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit holen und er selbst die Stichwahl erreichen, „werden die Karten neu gemischt.“

Dann sieht er eine Chance, sich noch einmal bekannter zu machen und für seine Vorstellungen zu werben.

„Man muss reden und Kompromisse finden“

Wenn diese Rechnung aufgeht, wäre Riedel auf die SPD/CDU-Mehrheit im Kreistag angewiesen, um seine Vorstellungen umzusetzen. „Da geht es mir so wie den vielen parteilosen Bürgermeistern in den Gemeinden des Kreises: Man muss reden und Kompromisse finden.“

Wenn diese Rechnung aber nicht aufgeht und der Michelbacher wird kein Landrat? „Das würde ich dann nach der Wahl in Ruhe überlegen“, sagt er. Natürlich hänge das auch vom Ergebnis der Landratswahl ab – bei einem guten Ergebnis kann es gut sein, dass Riedel in der Kommunalpolitik bleibt. In welcher Funktion genau? „Da gibt es verschiedene Möglichkeiten – vielleicht trete ich als Oberbürgermeisterkandidat in Marburg gegen Thomas Spies an.“

von Till Conrad