Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Landratswahl 2019 Kandidaten sprechen über Infrastruktur
Landkreis Landratswahl 2019 Kandidaten sprechen über Infrastruktur
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:58 06.09.2019
Die fünf Kandidaten für die Landratswahl äußern sich zum Thema Infrastruktur. Das betrifft unter anderem Straßen- und Wohnungsbau. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Thema Infrastruktur: In den meisten Kommunen sind die Einwohnerzahlen rückläufig. Es fehlt vielerorts an Baugebieten. Der Kampf um junge Familien tritt immer klarer zutage.


Wie wollen Sie dafür sorgen, dass Kommunen, wenn sie schon nicht wachsen können, doch wenigstens eine 
 gesunde Generationenstruktur haben, die mithilft, die Infrastruktur (Kindergarten, Grundschule, Feuerwehr, Sportvereine) aufrechtzuerhalten?

Hans-Werner Seitz (58), Bündnis 90 / Die Grünen

Privatfoto

Zunächst möchte ich, dass Gemeinden ausreichend Geld haben, um diese Aufgaben selbst bewältigen zu können. Ein sorgsamer Umgang mit der Kreisumlage ist dabei das eine. Zusätzlich hat der Kreis vielfältige Möglichkeiten, die Lebensbedingungen in solchen Gemeinden mit zu sichern.

Vernetzung und Austausch zeigen oft neue Wege auf. Ich bin sicher, dass Bürgermeister*innen kooperativer sind, als ihnen gern unterstellt wird.

Zunächst will ich mich gegenüber dem Kultusministerium dafür einsetzen, dass kleine Schulstandorte erhalten bleiben. Angepasste Lösungen wie Schulverbünde oder Verbundschulen mit erprobten pädagogischen Konzepten bieten dafür gute Möglichkeiten.

Wichtig ist auch die Erreichbarkeit der weiterführenden und beruflichen Schulen, aber ebenso der größeren Betriebe. Hierzu muss der öffentliche Personennahverkehr deutlich besser werden. Dazu würde ich gerne die Auseinandersetzung mit dem RMV suchen.

Nicht jede Gemeinde im Landkreis kann eine ausreichende Zahl an Kinderbetreuungsplätzen anbieten. Das muss sich ändern. Häufig hapert es an ausreichenden Betreuungszeiten, die das Miteinander von Familie und Beruf ermöglichen. Nicht immer muss dazu neu gebaut werden. Waldgruppen z. B. bieten nicht nur attraktive neue pädagogische Ansätze, sie sind auch deutlich kostengünstiger. Die Fachaufsicht des Kreises soll die Kommunen dabei unterstützen.

Es muss nicht immer das neue Baugebiet sein. Ich möchte die Gemeinden unterstützen, die Programme zur Reaktivierung der Dorfkerne zu nutzen. Das belebt das Dorf, erspart teure Erschließungen und reduziert die Bodenversiegelung.     

Anna Hofmann (37), Die Linke

Privatfoto

Zunächst muss in der Fläche eine vernünftige Infrastruktur geschaffen werden. Einige Dörfer haben fast keine Treffpunkte mehr und bieten immer weniger für junge Familien an.

Markt-Treff-Angebote sollten vom Landkreis gefördert werden und Räumlichkeiten für Bürgerprojekte müssen zur Verfügung stehen. Daneben müsste eine soziale Wohnungsbau-Agentur des Kreises geschaffen werden, die kostengünstige / barrierefreie Wohnungen für Familien und Menschen mit Behinderungen anbietet.

Nicht jeder möchte auf dem Land bauen und sich für 30 Jahre festlegen. Außerdem müsste ein Leerstandskataster erfassen, wie viele Häuser derzeit unbewohnt sind und wie man Hürden nehmen kann, dass Familien, anstelle neu zu bauen, in bereits existierende Häuser investieren. Aber auch das Umfeld muss stimmen. Der öffentliche Personennahverkehr sollte so ausgestaltet sein, dass Kinder und Jugendliche zum Sportverein, Schule und Ausbildungsort kommen können.

Ebenso muss es eine ärztliche Versorgungsstruktur vor Ort geben. Kommunale medizinische Versorgungszentren, sanierte und technisch gut ausgestattete Schulen und wohnortnahe Kinderbetreuung, die auch Randzeiten abdeckt, sowie eine Regiotram nach Kasseler Vorbild sind dringend notwendige Maßnahmen, um die Entwicklung umzukehren.

Daneben muss der Landkreis dringend das Problem der Mobilfunknetz-Löcher lösen und in einer zweiten Stufe in der Breitbandstrategie Glasfaser verlegen, um innovative Unternehmen in der Internet- oder erneuerbaren Energiebranche auf den Landkreis aufmerksam zu machen und in die Region zu bringen.     

Kirsten Fründt (52), SPD

Foto: Georg Kronenberg

Zunächst möchte ich feststellen, dass der Landkreis Marburg-Biedenkopf entgegen früherer Prognosen keine Einwohnerinnen und Einwohner verliert, sondern einen Bevölkerungszuwachs verzeichnet. Das ist positiv.

Ich verstehe auch den Wunsch, sich ein Eigenheim zu bauen, damit Familien so leben können, wie sie möchten. Nur können wir nicht unbegrenzt Äcker und Wälder für Wohnbebauung nutzen. Da gibt es einen Konflikt, der nicht einfach zu lösen ist.

Daher müssen wir vor allem schauen, wie wir in den Ortskernen Wohnraum schaffen und Wohnkonzepte entwickeln, die dem Denkmalschutz gerecht werden, und individuelle Wohnkonzepte, z. B. für Familien, ermöglichen.

Wir werden hier dem Land gegenüber klarmachen müssen, dass nicht jeder Dreiseithof und nicht jede Scheune vollständig erhalten bleiben kann, sondern dass wir hier gute Kompromisse finden. Darüber hinaus sind wir dabei zu entwickeln, wie wir im neuen „Bündnis für Wohnen“ und durch Wohnungsbau auch auf Flächen des Landkreises Wohnraum schaffen, ohne immer mehr Fläche zu verbrauchen.

In meiner Amtszeit wurden die Plätze in der Mittagsbetreuung verdoppelt. Ich möchte weitere Plätze einrichten und die Betreuungszeiten verlängern. Und versuchen, alle Schulstandorte zu erhalten.

Ehrenamtliche unterstützt der Landkreis vielfältig: durch Beratung, Qualifizierung und Austausch untereinander, aber auch finanziell durch die Ehrenamtspauschale. Ausbau und Verstetigung der Pflegestützpunkte, Altenhilfekonzepte für die Kreiskommunen, Einrichtung von Kreisseniorenrat und Förderung der Bürgerbusse: Ich 
achte auf Generationengerechtigkeit!     

Uwe Pöppler (51), CDU

Foto: Laackman

Wir brauchen gleichwertige Lebensverhältnisse auch und gerade in unseren Dörfern. Es ist ein Irrweg zu glauben, man könne durch fortwährende Nachverdichtung in den Städten mit überteuertem Wohnraum gute Lebensbedingungen für Familien schaffen.

Um unsere Dörfer zu beleben, gilt es weitere Anreize zu schaffen. Für Familien muss eine gute Infrastruktur, zum Aufwachsen, zum Arbeiten und zum Altwerden vorhanden sein.

Der Ausbau von Einkaufsmöglichkeiten, der ÖPNV, Kindertagesstätten, Betreuungsangebote für Schulkinder, sanierte Schulen, eine gute ärztliche Versorgung, sanierte Straßen, ein flächendeckendes Glasfasernetz in jedem Haushalt und ein Mobilfunknetz, das den Namen auch verdient, sind einige wichtige Aspekte.

Ohne eine gute Infrastruktur wird nur der Abstieg verwaltet, das darf nicht die Aufgabe sein. Wir müssen Wachstum generieren. Wir brauchen einen dynamischen Wirtschaftsraum für soziale Sicherheit und Wohlstand. Wirtschaft bedeutet nicht nur Gewerbesteuer für Kommunen, sondern auch soziale Sicherheit und Wohlstand für die Menschen und Kaufkraft für den Handel.

Damit es in Zukunft wieder aufwärts geht, müssen die wachstumsträchtigen Standortfaktoren gestärkt, die Infrastruktur ausgebaut, Bildung und Lehre unterstützt werden. Wir müssen Grundschulen erhalten und nicht deren Schließung planen. Kinderbetreuung in Kita und Grundschule muss verbessert und der Elternbeitrag abgeschafft werden.

Wir müssen Bankfilialen in den Orten erhalten. Gemeinden müssen wieder in die Lage versetzt werden, selbst zu investieren. Investitionen in die Infrastruktur sind längst überfällig.     

Thomas Riedel (54), FDP

Foto: Melanie Weiershäuser

Grundsätzlich lässt sich dieser Gordische Knoten nur mit einem Gesamtkonzept auflösen. Viele Faktoren müssen zusammenspielen, aber es ist möglich. Die Firmen im Kreis sind konkurrenzfähig, und um das für die Zukunft sicherzustellen, brauchen sie qualifizierte Arbeitskräfte.

Sind Arbeitsplätze da und ist das Betreuungsangebot für Kinder flexibel, sodass die Eltern es nutzen können und wollen, steigt die Attraktivität. „State of the Art“-Infrastruktur in Stadt und Land – Schulen modern, ÖPNV attraktiv, Kultur- und Freizeitangebot hoch, bezahlbarer Wohnraum, Homeoffice mit Breitband / Mobilfunk) –, diese sind nur ein paar weitere Schlagworte, die es auch zu beachten gilt.

Ist das vorhanden, werden Firmen expandieren wollen, oder neue kommen aus dem Rhein-Main-Raum zu uns. Dort gibt es keinen Platz mehr, oder es ist zu teuer.

Wenn dann die weitere Zweigstelle der THM in Kirchhain eröffnet hat und gemeinsam mit Biedenkopf und der Uni Marburg vermehrt MINT-Absolventen auf den Markt bringt, 2014 die A 49 fertig ist, die Herrenwaldkaserne gefüllt ist und der Einzelhandel boomt, verringert sich der Leerstand in den Kommunen oder verschwindet ganz. Es wird den Menschen im Kreis gut gehen. Dann müssen die Kommunen wieder Baugebiete ausweisen, damit junge Familien auch bezahlbares Bauland erhalten.

Hessen ist das waldreichste Bundesland. Daher sollte man mit der Uni gemeinsam versuchen, auch Zukunftsindustrien nach Hessen zu holen.
Das klingt einigen vielleicht zu schön, aber die Schritte dahin sind machbar, und man braucht ein Ziel, auf das man hinarbeitet.
Machen SIE am Sonntag den ersten Schritt …