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Landratswahl 2019 Ein Macher mit Mut zum Geldausgeben
Landkreis Landratswahl 2019 Ein Macher mit Mut zum Geldausgeben
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07:00 26.08.2019
Hans-Werner Seitz von Bündnis 90 / Die Grünen wirft seinen Hut in den Wahlkampf-Ring. Und das mit einer breiten Themenpalette, vom Klima bis zur Bürgerbeteiligung.
Marburg

Ziele auf Kreisebene in die Tat umsetzen statt nur zu verwalten, mit ihm als „Macher“ an der Spitze und dem Kreis als „Dienstleistungsagentur“ der Kommunen. Das ist nur eine Vision von vielen von Hans-Werner Seitz. Mit 57 Jahren tritt der langjährige Stadtverordnete und Kreisverbandsvorsitzende der Grünen in den Wahlkampf. „Endlich handeln“ lautet sein Slogan. Und das sieht er nicht als bloße Phrase. „Ich übernehme gerne Verantwortung und mache“, sagt Seitz über sich selber. Konkreter Planen, schneller umsetzen. So würde er als Landrat arbeiten wollen. Überraschend: Der Mann der Grünen beginnt direkt mit sozialen Themen, bei der Sozialpolitik: „Uns Grünen wird ja immer nachgesagt, wir machen nur in Umwelt und Atom, vielleicht noch Verkehr“.

Das sei „Quark“, sagt der Diplom-Politologe. Mit Kritik an der Sozialpolitik im Kreis spart er nicht, die sei ihm zu einseitig, die öffentliche Hand solle „mehr die Sicht der Betroffenen in den Blick nehmen, es wird sehr stark das System gepflegt“. Für ihn hapert es an konkreten Umsetzungen, mangelt es an Teilhabe aller. Beispiel: Die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes. Damit schießt er auch gegen den CDU-Konkurrenten Uwe Pöppler, Jugend- und Sozialamtsleiter des Kreises. Zu wenige Stellen, zu wenig Netzwerkarbeit mit Beratungsstellen und freien Trägern, für Seitz wird „zu viel parallel gearbeitet“. Er würde Kompetenzen stärker bündeln, Gelder gezielt verteilen, Projekte durchziehen.

Etwas zu Ende bringen, das liege durchaus in seiner Natur. Schon beruflich sei er als Geschäftsführer der Freien Schule Marburg „gezwungen, Dinge zu Ende zu bringen – alles, was liegen bleibt, bleibt einem im Kopf“. Nicht nur schönreden, er will Ziele erreichen. Das würde er sich auch auf Kreisebene wünschen. So manche Stelle diene da „nur zur Darstellung, für Veranstaltung und PR“. „Nicht nur planen, auch mal machen.“ Das begleitete den gebürtigen Sauerländer schon im Beruf. Seitz wurde in Plettenberg geboren, lebte später in Bad Berleburg.

Von Sozialwissenschaften zur Geschäftsführung

Nach Marburg kam er mit 21 Jahren zum Studium, Politik, Soziologie, Philosophie und neuere Deutsche Literatur. Doch er entschied sich für die Unternehmensberatung, betriebswirtschaftliches Wissen eignete er sich kurzerhand selber an, landete mit dem antrainierten Wissen an der freien Schule.

Er lebt gemeinsam mit Lebensgefährtin und Ortsvorsteherin Antje Tietz im Südviertel, in „wilder Ehe“, sagt er scherzhaft. Sein Sohn, 28 Jahre alt, geht eigene Wege. Im grünen Idyll der Stadtgärten bei Bio-Brause und Obst vom Wochenmarkt kommen dann auch grüne Themen auf den Tisch. Nicht nur beim Klima- und Artenschutz sieht er auf Kreisebene „Stillstand“. Nach dem von ihm mitinitiierten Klimanotstand der Stadt Marburg habe der Kreis „viel zu verhalten“ reagiert. „Natürlich hat das was Symbolisches, aber Politik hat auch was Symbolisches“, sagt er. Also ein Klimanotstand auf Kreisebene? „Nicht, wenn man genügend gute Beschlüsse hat“. Die gebe es seiner Ansicht nach nicht. Beim Klima denkt er global, bei Projekten sieht er auch das Kleinteilige. Etwa in den Kommunen: „Der Kreis müsste viel mehr eine Art Dienstleister sein und nicht darauf warten, dass man ihn ruft.“ Aktiv Vorschläge machen, Möglichkeiten und zugleich deren Finanzierung aufzeigen. Etwa bei Naturschutzprojekten.

Beim Klima, bei Renaturierung der Braunkohleflächen, dem Kohleausstieg – da wird auch der ausgeglichene 57-Jährige lauter, bestimmter. Das ärgert ihn. Auch die Windkraft bleibe auf seiner Agenda, sein „Alleinstellungsmerkmal“ im Wahlkampf. „Ohne den Ausbau der Windkraft sind die Klimaziele nicht zu erreichen.“ Die Klimafolgen sehe er ständig, etwa beim Wandern, seit Jahren ein Hobby. „Ich war immer schon gerne draußen“, erzählt er. Und nicht nur in der Natur, auch für seine Überzeugungen auf der Straße, selbst während einer politischen „Pause“. Denn er stammt eigentlich aus einer „sozialdemokratischen Dynastie“, der Opa war Bürgermeister und stellvertretender Landrat im Sauerland. Bis 1982 war Seitz selber Juso. „Irgendwann stellte ich fest: Ne, das war nicht mein Weg“. Den Grünen trat er dennoch erst 1996 bei. Warum? „Weil die Grünen seit vielen Jahren die Zukunftsfragen unserer Gesellschaft am intensivsten und klarsten verfolgen“, findet Seitz. Und das regional und global. In beiden Bereichen seien seine Ziele verankert.

Nicht nur mitreden, sondern mitentscheiden

Bei allen Plänen ist für ihn eine stärkere Bürgerbeteiligung Usus. Doch wolle er die „nicht als großes Wünsch-dir-was, sondern anlassbezogen – das macht nur Sinn, wenn das Ergebnis vorher noch nicht feststeht“. In dem Zusammenhang spricht er den kürzlich veröffentlichten Ratgeber über kommunale Bürgerbeteiligung von Landrätin Kirsten Fründt und Ralf Laumer an: Das Schlagwort im Titel ist „Mitreden“. Und das ist für Seitz „sehr bezeichnend: Es geht nicht ums Mitreden, es geht ums Mitentscheiden.“ Bürger, die aktiv und früh mit im Boot sitzen, das würde er sich wünschen. Ebenso auf das Know-how von Fachverbänden zurückgreifen, diese stärker in die Planung einbinden, vom Umwelt- bis zum Verkehrsverband.
Beim Stichwort Mobilität und Radwegenetz muss Seitz lachen. Planungen für Radwege im Landkreis gebe es seit Jahren, „aber nicht ein einziger Radweg wurde gebaut“. Auch da würde er auf verstärktes Netzwerken der Kommunen setzen, mit dem Kreis als Moderator.
Er hat viele Ideen und bereits Pläne, wie diese finanziell zu stemmen wären. Allein, es fehle das „Sich-trauen“. „Wir haben doch Geld, das wird nur nicht ausgegeben“, meint Seitz und spricht von einem „Liquiditätsberg“. An der Spitze des Kreisamtes würde er den nicht weiterschieben, sondern nutzen: „Die Liquidität ist doch da – nur der Mut, es auszugeben, der fehlt. Ich hätte diesen Mut.“

von Ina Tannert