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Hinterland Zwölf Jahre Haft für Mordversuch
Landkreis Hinterland Zwölf Jahre Haft für Mordversuch
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20:58 17.05.2021
An der Bundesstraße 453 im Dautphetaler Ortsteil Wolfgruben-Wilhelmshütte gab es nach Überzeugung des Marburger Landgerichts im Mai 2020 einen Mordversuch. Deshalb verurteilte das Gericht einen 66-Jährigen zu 12 Jahren Haft, weil er mit einem VW Multivan einen 40-Jährigen auf dem Bürgersteig anfuhr.
An der Bundesstraße 453 im Dautphetaler Ortsteil Wolfgruben-Wilhelmshütte gab es nach Überzeugung des Marburger Landgerichts im Mai 2020 einen Mordversuch. Deshalb verurteilte das Gericht einen 66-Jährigen zu 12 Jahren Haft, weil er mit einem VW Multivan einen 40-Jährigen auf dem Bürgersteig anfuhr. Quelle: Gianfranco Fain
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Marburg

Auf zwölf Jahre Haft und den Entzug des Führerscheins, der erst fünf Jahre nach dem Verbüßen der Haft wiedererlangt werden darf, lautet das Urteil der 6. Strafkammer des Marburger Landgerichts für einen 66-Jährigen. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Angeklagte Anfang Mai des vergangenen Jahres im Dautphetaler Ortsteil Wolfgruben-Wilhelmshütte mit seinem VW Multivan absichtlich einen 40-Jährigen auf dem Bürgersteig anfuhr und dabei schwer verletzte.

Laut des Vorsitzenden Richters Dr. Frank Oehm erkennt das Gericht ein „über weite Strecken unstreitiges Tatgeschehen“. Demnach trübte sich das ursprünglich normale Verhältnis zwischen den beiden Beteiligten ein, als der 66-Jährige vor Jahren vom Jüngeren ein Gerüst lieh, dieses aber trotz mehrmaliger Aufforderung nicht wieder zurückgab. Es kam zu lautstarken Konfrontationen mit Beleidigungen, bis die Kontrahenten am 9. Mai am Wohnort des 40-Jährigen aufeinandertrafen.

Dort holte der Angeklagte mit seinem VW Bulli samt Anhänger in der Nachbarschaft eine Sitzgarnitur ab, während der 40-Jährige den Rasen eines Nachbarn mähte und den Bürgersteig kehrte. Als dieser den 66-Jährigen mit „Ehrloser“ und wohl auch anderen Begriffen beleidigte, fuhr dieser davon, wendete in einer Einmündung, um in die Richtung seines Wohnortes zu fahren, und sah den 40-Jährigen, der auf dem linken Bürgersteig in dieselbe Richtung auf sein Wohnhaus zuging. Der 66-Jährige zog sein Fahrzeug nach links und fuhr sein Opfer mit 30 bis 35 Stundenkilometern von hinten an, sodass dieses über mehrere Meter durch die Luft schleuderte.

Opfer erlitt mehrere ­Knochenbrüche

Dabei nahm der Angeklagte den Tod seines Opfers billigend in Kauf, sagte Oehm, da er als langjähriger Kraftfahrer die möglichen Folgen wisse. Der 40-Jährige erlitt unter anderem einen Bruch des rechten Fußes und mehrere Rippen, zog sich eine Platzwunde am Kopf, eine Gehirnerschütterung und mehrere Prellungen sowie Schürfwunden zu. Er verbrachte rund zwei Wochen im Krankenhaus sowie weitere in einer Reha-Einrichtung und beginnt erst jetzt wieder eine Eingliederung an seinem Arbeitsplatz, wobei unklar ist, ob er seine Familie wird ernähren können.

Der Sachverhalt stehe fest, ein Zeuge habe den Ort sowie die Art und Weise des Anstoßes belegt, sodass die Aussage der jungen Tochter des Opfers nicht erforderlich sei, ging Oehm auf einen Einwand eines Verteidigers ein. Auch hätten Gutachter und Sachverständige den Ablauf objektiv bestätigt.   

Mit dem Urteil folgte das Gericht fast gänzlich der Einschätzung und der Forderung von Staatsanwalt Timo Ide. Dieser sprach sich am Ende seines fast einstündigen Plädoyers für eine Haftstrafe von 12 Jahren und 6 Monaten aus sowie für einen 5 Jahre währenden Entzug des Führerscheins.

Für Ide ist nach sieben Verhandlungstagen, mehreren Zeugenanhörungen sowie den Einschätzungen einiger Gutachter erwiesen, dass der Angeklagte einen Mordversuch unternahm, eine gefährliche Körperverletzung beging und einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr.

In seiner Einschätzung war er sich mit den beiden Verteidigern nur darin einig, was zugunsten des 66-jährigen Angeklagten zu werten sei, nämlich, dass das spätere Opfer den Angeklagten provozierte, es eine spontane Tat war, der 66-Jährige unter einer leichten Depression litt und ein Jahr unter Corona-Bedingungen in Untersuchungshaft war.

Erschwerend wirkten sich jedoch die „rohe Tatbegehung“, die massiven Verletzungen und psychischen Folgen sowie die Vorstrafen zu Körperverletzungen und Verstößen im Straßenverkehr aus.

Rechtsanwalt Victor Berger zielte auf eine Haftstrafe von nicht mehr als drei Jahren ab. Er argumentierte, dass die Aussagen der Tochter des Opfers aufgrund der Sprachbarriere missdeutet würden. Zudem hätte die einzige Augenzeugin in Zeitabständen unterschiedliche Beschreibungen des Geschehens gemacht, sei womöglich von Äußerungen Erwachsener beeinflusst worden. Das führe zu einer Fehleinschätzung des Geschehens, weshalb ihren Angaben nicht sicher zu folgen sei.

Auch das Mordmerkmal der Heimtücke wollte Berger nicht gelten lassen, schließlich führte das Opfer ein Pfefferspray und ein Teppichmesser mit sich, weil es schon eine Konfrontation zwischen den beiden gab, das Opfer also mit einem Angriff rechnete, auch weil er wusste, wie der Angeklagte auf Beleidigungen reagiere. Und einen versuchten Totschlag wollte der Verteidiger auch nicht annehmen, da keine reale, sondern nur eine „potenzielle Lebensgefahr“ bestanden habe.

Auch Pflichtverteidiger Thomas Strecker wies darauf hin, dass das Opfer zwar wehr- aber nicht arglos war, weil der vom VW-Transporter auf den Bürgersteig gezogene Anhänger „einen Mordslärm macht“, das Opfer also gewarnt sein musste, zumal er sich auch in Richtung des herannahenden Fahrzeugs drehte – was aus den Verletzungen zu schließen sei. Strecker plädierte ebenfalls für drei Jahre Haft und einen ebenso langen Entzug des Führerscheins.

Zu Beginn der Verhandlung lehnte das Gericht einen Vorschlag der Verteidiger auf einen Ortstermin ab. Bei einem solchen könne der Angeklagte den Ablauf besser beschreiben und würde sich dort auch zum Geschehen äußern. Ide sprach zuvor gegen das Ansinnen, weil es kein Beweisantrag im Sinne des Gesetzes sei. Der Angeklagte gab bis zum Ende der Verhandlung keinen Ton von sich.

Der psychologische Gutachter attestierte dem Angeklagten weder eine Beeinträchtigung der Schuld- noch Steuerungsfähigkeit noch der Einsicht. Auf Nachfrage des Verteidigers Berger erklärte der Sachverständige, dass aggressive Handlungen gegen andere bei depressiven Menschen eher untypisch seien, ebenso wie die Suche von Schuld bei anderen, die der Angeklagte in zwei Briefen äußerte.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Von Gianfranco Fain

15.05.2021
15.05.2021