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Hinterland Gericht gibt Teenager "letzte Chance"
Landkreis Hinterland Gericht gibt Teenager "letzte Chance"
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14:00 28.11.2019
Die Urteile gegen sechs junge Hinterländer, die sich wegen einer Vielzahl von Gewaltdelikten vor Gericht verantworten mussten, sind noch nicht rechtskräftig. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

In wechselnden ­Besetzungen sollen die Angeklagten laut Anklage zwischen Herbst 2017 und Sommer 2018 zum Teil mit weiteren Beteiligten mehrfach straffällig geworden sein. Das warf ihnen die Anklage vor. Am letzten Verhandlungstag und nach der Vernehmung einer Vielzahl an Zeugen wurden einige Vorwürfe nicht mehr aufrechterhalten.

Weil sie sich nur wenig zu Schulden kommen gelassen haben, wurden die Verfahren gegen einen 17-Jährigen und einen 19-Jährigen, dem nur ein leichter Tritt in das Gesäß eines der Opfer nachgewiesen wurde, nach ­Jugendrecht eingestellt. Gänzlich freigesprochen wurde ein 17-Jähriger, der zwar öfter dabei war, dem Zeugen aber bescheinigten, wenn, schlichtend eingegriffen zu haben.

Obwohl er deutlich stärker­ belastet worden war, wurde auch das Verfahren gegen einen­ 20-Jährigen eingestellt. Dieser­ war in einem anderen Prozess vom Amtsgericht unter anderem wegen Raubes ­bereits zu ­einer 15-monatigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden.

Die darauf eingelegte Berufung zog der junge Mann jetzt zurück, sodass nach Auffassung von Staatsanwaltschaft und Gericht unter diesem ­Gesichtspunkt insgesamt keine wesentlich höhere Strafe ­herausgekommen wäre.

Kurzfristige Notwehrlage

Zwei der Angeklagten wurden­ aber verurteilt. Überzeugt waren alle Beteiligten, dass ein 19-Jähriger bei einer Feier ­einem Kontrahenten so ins Gesicht geschlagen hat, dass dieser einen Teil eines Zahnes einbüßte. ­Einer feiernden Gruppe hat er unter Androhung von Gewalt einen Bierkasten weggenommen. 

Auf dem Kirschenmarkt in Gladenbach sollen der Angeklagte und ein bereits verurteilter Mittäter bei anderer Gelegenheit einem Jungen seine Pommes Frites aus der Hand geschlagen haben. Als zwei seiner Freunde dann einschritten, einer der Zeugen gab zu, dann zuerst gewalttätig geworden zu sein, wertete das Gericht als ­eine kurzfristige Notwehrlage.

Nicht aber, dass die flüchtenden Männer dann verfolgt und getreten wurden. Zu einem weiteren Zeitpunkt hat der 19-Jährige laut Urteil ­einen weiteren Mann geschlagen und bestohlen, ein Handy unberechtigt in seinen Besitz gebracht und zuletzt in der Untersuchungshaft einen Mithäftling mit der Faust malträtiert.

Staatsanwalt Dennis Bodenbenner forderte unter anderem wegen Raubes, Diebstahls und gefährlicher Körperverletzungen eine Jugendstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten. Eine Aussetzung zur Bewährung sei ausgeschlossen: Zwei verbüßte Jugendstrafen hätten nichts bewirkt, die Rückfallgeschwindigkeit sei enorm.

19-Jähriger muss sofort eine Therapie antreten

Das Gericht unter Vorsitz von Richterin Maja Schlenzig folgte dagegen der Argumentation von Verteidiger Peter Thiel, der seinen Mandanten wegen dessen eindeutiger Alkoholproblematik, die Grund für die Gewalttaten seien, in ­einer Therapieeinrichtung besser aufgehoben sah. Bewährung gab es für die ausgeurteilten 18 Monate zwar nicht, aber durch eine Besonderheit des Jugendstrafrechts kann darüber später entschieden werden.

Als Auflage für die sechsmonatige „Vorbewährung“ muss der 19-Jährige sofort seine Therapie antreten und sich in der Einrichtung an alle Regeln halten. „Das ist wirklich ihre letzte Chance, die sie nutzen sollten“, mahnte Schlenzig.

Mit zwei Freizeitarresten am Wochenende blieb das Gericht bei einem weiteren 19-Jährigen ebenfalls unter ­Bodenbenners Antrag von drei Wochen Dauerarrest. „Wir wollen die Ausbildung, die er gerade begonnen hat, nicht gefährden“, begründete Schlenzig. Darüber hinaus muss der junge Mann ­eine Geldauflage in Höhe von 600 Euro zahlen.

Ihm war nach Überzeugung der Richter nachgewiesen worden, dass er an einem räuberischen Diebstahl beteiligt war, als einem Jugendlichen sein Portemonnaie nach einer Schlägerei weggenommen wurde. Zudem soll er seinem Großvater das Mobiltelefon entwendet und anschließend weiterverkauft haben. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

von Heiko Krause