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Hinterland Wie leben wir im Jahr 2030?
Landkreis Hinterland Wie leben wir im Jahr 2030?
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14:00 30.11.2021
In ungewohnter Umgebung halten der Vorstand der VR Bank Lahn-Dill – Klaus Königs (Zweiter von rechts), Steffen Simmer (rechts) und Ralph-Uwe Orth (Zweiter von links) – mit Moderatorin Catharina Hoyer und Referent und Zukunftsforscher Nils Müller von Trendone ihre Vorträge. Denn in diesem Jahr läuft alles digital.
In ungewohnter Umgebung halten der Vorstand der VR Bank Lahn-Dill – Klaus Königs (Zweiter von rechts), Steffen Simmer (rechts) und Ralph-Uwe Orth (Zweiter von links) – mit Moderatorin Catharina Hoyer und Referent und Zukunftsforscher Nils Müller von Trendone ihre Vorträge. Denn in diesem Jahr läuft alles digital. Quelle: Timo Heck
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Biedenkopf

Legen Sie sich diesen Artikel am besten beiseite, heben Sie ihn neun Jahre auf und überprüfen Sie dann, ob alle Voraussagen eingetreten sind. Denn genau darum geht es hier: um die Zukunftsvisionen, die der Zukunftsforscher Nils Müller in der Mitgliederversammlung der VR Bank Lahn-Dill für den 18. November 2030 entworfen hat.

Völlig anders als gewohnt war schon der Charakter der Mitgliederversammlung. Der Corona-Pandemie geschuldet, fand sie nicht in einem der Bürger- und Dorfgemeinschaftshäuser der Region statt. Die Mitglieder der Bank konnten die Live-Übertragung stattdessen an Computer, Tablet oder Handy verfolgen. Doch nicht nur das: Redner, Moderatorin und Vorstand waren nicht in einer realen Umgebung zu sehen, sondern vor virtueller Kulisse.

Mitglieder treffen sich vor dem Computer

Vertraut dagegen waren die Ausführungen der Vorstände Klaus Königs, Ralph-Peter Orth und Steffen Simmer zur Situation der Bank. Es ging um die Geschäftsentwicklung des Vorjahres, die wesentlichen Zahlen der Bilanz und das Engagement für die Region. 176 000 Euro flossen beispielsweise an gemeinnützige Organisationen. Der Vorstand war jedoch auch an dieser Stelle darauf bedacht, die VR Bank als ein modernes Unternehmen darzustellen.

Die Bank befinde sich in einem „Transformationsprozess hin zu einer modernen Digitalbank“, sagte Steffen Simmer. Auf vielen Ebenen sei die Genossenschaftsbank dabei, intelligente Informationstechnik zu nutzen, um Prozesse zu optimieren und individuelle, kundenfreundliche Lösungen anzubieten. Wohin die Reise in den nächsten neun Jahren gehen wird, entfaltete sodann Nils Müller, Inhaber der Firma Trendone, die sich sei 19 Jahren mit Zukunftstrends beschäftigt. Fünf solcher Trends stellte der studierte Wirtschafts- und Medieninformatiker vor.

Erstens: Die künstliche Intelligenz wird im Alltag wichtiger werden. Müller verwies auf Shanghai, wo Kameras mit Gesichtserkennung heute schon zum Alltag gehören, um Straßen zu überwachen und Verbrechen zu bekämpfen. Europa werde sich darauf einstellen, aber seinen eigenen Weg finden müssen. „Denn wir sind anders als Chinesen und Amerikaner.“ Doch auch andere Anwendungen sind denkbar.

So bietet das Unternehmen Pudu Technology bewegliche Roboter mit Gesichtserkennung an, die in Lokalen Arbeiten im Gastro-Service übernehmen sollen.

Große Umwälzungen sieht Nils Müller – zweiter Trend – in der Arbeitswelt. Die Zeit, in der Menschen vor einem zweidimensionalen Bildschirm sitzen, neigt sich in seinen Augen dem Ende entgegen, die reale und die virtuelle Welt werden sich verbinden. Ein Anwendungsfall: Mittels „Augmented Reality“ können Geschäftspartner mit ihren Avataren weltweit virtuell an Meetings teilnehmen – und dabei sogar in einer anderen Sprache kommunizieren.

Humanoide Roboter und Avatare werden überall von großer Bedeutung sein. Eine Bedrohung für den Menschen und seinen Arbeitsplatz sieht der Zukunftsforscher darin nicht. Die Stärke der intelligenten Maschinen liege darin, wiederkehrende Aufgaben zu erfüllen. Das aber verschaffe dem Menschen mehr Zeit für die wichtigen und schwierigen Fragen, die er mit menschlichem Einfallsreichtum angehen kann.

Der Handel der Zukunft wird sich ebenfalls wandeln. Auch hier spielt die „Virtual Reality“ eine große Rolle. Sich anschauen, wie sich die Möbel im Möbelhaus im eigenen Wohnzimmer machen würden? Mit einer 3D-Brille kein Problem. Prüfen, ob Jacke und Hose im Internetshop am eigenen Leib gut ausschauen? Ebenfalls schnell geklärt, denn: „Ich kann mir die Kleider auf den Leib raufrendern.“ Doch auch für Produktion und Handel sieht Müller Anwendungsmöglichkeiten.

Ein persönlicher Schuh wie vom Schuster

Adidas sei schon dabei, mit einem speziellen 3D-Druck und organischem Material Sohlen und Schuhe herzustellen. „Hyperpersonalisiert“ laute das Stichwort. Rewe und Vodafone wiederum hätten in Düsseldorf ein Snack-Mobil im Einsatz, das autonom unterwegs ist.

Die Mitglieder der VR Bank, die dem Vortrag bis zum Ende folgten, lernten zudem: Es gibt nicht nur Robots, sondern auch Cobots. Der Unterschied: Cobots sind darauf angelegt, mit dem Menschen zusammenzuarbeiten. Wobei wieder die Gesichtserkennung eine große Rolle spielt.

Was Fernsehzuschauer bisher nur aus TV-Serien kennen, sieht Nils Müller bald kommen. „Irgendwann werden wir das als Weihnachtsgeschenk unseren Kindern schenken.“ Der Clou an dieser Stelle sei – sein Trend Nummer 4 – die „Hypervernetzung“. Schon jetzt seien Unternehmen dabei, Milliarden von Daten zu erheben. Aktuell sind es laut Müller 50 Zetabytes. In der Zukunft werde viel darauf ankommen, diese Daten intelligent zu verarbeiten und zu nutzen. Müller prognostizierte für 2025 eine Vervierzigfachung der Datenmenge auf 2 142 Zetabytes. „Wir sind in einer Datenexplosion.“

„Neue Geschäftsmodelle und Klimawandel“ lautete der letzte Trend. „Die Kunden verlangen nach nachhaltigen Investments“, lautete sein Rat. Das bedeute aber auch, dass nicht mehr der Kunde im Mittelpunkt des Interesses stehen wolle, der denke nämlich „planetenzentriert“. Müller: „Die Kunden der Zukunft sind nur glücklich, wenn der Planet glücklich ist.“

Mit einigen Ratschlägen an Geschäftsleute und Unternehmer rundete Müller seinen Vortrag ab. Einer lautete, mehr Diversität zu wagen. Bedeutet: mehr Frauen und junge Leute in die Teams. „Solche Gruppen treffen bessere Entscheidungen“, ist Müller überzeugt. Er rief auch dazu auf, Innovation als ein Miteinander von Versuch und Irrtum zu begreifen. Will sagen: Fehler machen gehört dazu.

Und schließlich: Think big, wage große Visionen – so wie es Nils Müller in der virtuellen Realität der Mitgliederversammlung getan hat.

Von Hartmut Bünger