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Hinterland Züchter finden Fohlen in Blutlache
Landkreis Hinterland Züchter finden Fohlen in Blutlache
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10:48 15.04.2021
Regina Hillesheim ein Bild ihres toten Fohlens, das offenbar von einem Raubtier angefressen wurde.
Regina Hillesheim streichelt Hatta, die Mutter des toten Fohlens, das offenbar von einem Raubtier angefressen wurde. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Wiesenbach

Diesen Anblick werden sie wohl nie wieder vergessen. Auf ihrer Pferdekoppel liegt in einer Blutlache ein totes Fohlen. Der Bauch des neugeborenen Isländers ist offensichtlich weggefressen worden. „Ein Horror war das“, erinnert sich Peter Hillesheim. Der 65-Jährige züchtet seit 50 Jahren Isländer. Klar habe es auch schon mal Totgeburten gegeben, aber so etwas habe er noch nie erlebt. „Es muss irgendein Raubtier gewesen sein“, ist er sich sicher. Auch seine Frau kann die schrecklichen Bilder nicht vergessen. „Alle Organe waren weggefressen. Auch die Nachgeburt nicht mehr da. Der Darm zog sich meterweit über die Weide“, sagt sie und streichelt Hatta, die Mutter des Fohlens.

Regina und Peter Hillesheim informieren die Jagdpächter, die das Ganze in Augenschein nehmen. Noch am selben Tag – es ist der Ostersamstag – schickt das verständigte Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) eine ehrenamtliche Wolfsberaterin nach Wiesenbach, die das Fohlen begutachtet und eine genetische Probe nimmt. Das bestätigt die Hessische Wolfsbeauftragte Susanne Jokisch auf Anfrage der OP.
Anschließend habe die Wolfsberaterin das Fohlen mitgenommen, um es im Landesbetrieb hessische Landeslabore in Gießen (LHL) pathologisch untersuchen zu lassen. Ziel dieser Untersuchung solle sein, zu überprüfen, ob das Fohlen lebensfähig war oder bereits tot geboren wurde. „Da weitgehend innere Organe fehlten, ist unklar, ob diese Frage beantwortet werden kann“, gibt Jokisch zu bedenken. Auch dass die Hillesheims den Kadaver des Fohlens vor der Begutachtung in eine Plastiktüte gelegt und vom „Tatort“ entfernt hätten, begünstige die Spurenlage nicht gerade, heißt es seitens der Behörde. „Was hätten wir machen sollen, das Tier lag in Sichtweite des Nachbargrundstückes. Wir wollten nicht, dass die Kinder das mit ansehen müssen“, wehrt sich Regina Hillesheim.

Die genetische Analyse des Abstrichs, den die Wolfsberaterin an den Bissverletzungen des Fohlens genommen hat, laufe aktuell noch, sagt die Hessische Wolfsbeauftragte. Mit einem Ergebnis der Analyse werde Mitte oder Ende der kommenden Woche gerechnet.

Eine private Initiative, die sich „Wolf-Monitor Hessen“ nennt, ist sich indes bereits sicher, dass ein Wolf für den Tod des Fohlens verantwortlich ist. Sie verbreiten den vermeintlichen Wolfsriss bereits über soziale Kanäle, ohne auf die wissenschaftliche Analyse zu warten.

Regina und Peter Hillesheim erwarten das Ergebnis, wer oder was für den Tod ihres  Fohlens verantwortlich ist, mit Spannung. Über den Schmerz hinweghelfen kann es aber nicht. „Natürlich haben wir viele Pferde, aber die Entstehung eines Fohlens ist ein langer Prozess“, sagt Peter Hillesheim. Als Züchter mache er sich viele Gedanken, etwa: Welcher Hengst passt zu welcher Stute? Mit der Mutter des Fohlens seien sie zum Decken extra in die Eifel gefahren. 1 000 Euro habe die Decktaxe gekostet, 300 Euro das Weidegeld plus die tierärztlichen Kosten, zählt Hillesheim den finanziellen Verlust auf.

Seine Frau hat indes jeden Morgen Angst, wenn sie auf die Stutenweide geht. Sie liegt genau zwischen Häusern und Waldrand. Sieben Fohlen erwarten die Züchter noch in diesem Frühjahr. „Jetzt habe ich ein ungutes Gefühl, wenn die Stuten nachts hier oben ihre Fohlen auf die Welt bringen.“ Nahe der Ortsmitte von Wiesenbach haben Hillesheims vor kurzem noch ein Rundzelt gebaut. Sie hoffen nun, dass sie die Stuten zum Abfohlen dort unterstellen können. Damit sie in Sicherheit ihre Nachkommen auf die Welt bringen können.

Von Nadine Weigel

Wölfe im Landkreis Marburg-Biedenkopf

Aktuelle Wolfsnachweise aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf liegen dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) nicht vor, heißt es auf Anfrage der OP.

Verdachtsfälle schon: Am 5. Januar wurde dem HLNUG ein toter Fuchs bei Bottenhorn gemeldet. Eine Artbestimmung war nicht möglich, heißt es von der Behörde. Fünf Tage später wurde bei Hartenrod ein totes Reh gemeldet. Die Analyse ergab, dass sich die DNA eines Hundes auf dem Kadaver befand. Das HLNUG betont allerdings, dass bei dem Analyse-Ergebnis Hund oder Fuchs diese Arten nicht zwangsläufig die „Rissverursacher“ seien, die Probe könne auch mit „Nachnutzer-DNA“ kontaminiert sein.

Im Winter 2018 gingen bei der Wolfshotline mehrere Anrufe ein, die Wolfssichtungen rund um Marburg meldeten. Sowohl in Cappel, am Frauenberg, bei Anzefahr als auch am Erlensee in Kirchhain sollte damals ein Wolf gesichtet worden sein. Die letzten bestätigten Fälle von Wölfen im Landkreis liegen etwas länger zurück. Am 27. Februar 2019 wurde ein gerissenes Reh aufgefunden. Die DNA-Analyse ergab als Verursacherin eine Wölfin. Diese wurde einen Tag später auf der A 45 bei Herborn überfahren.

Am 6. Mai 2016 wurde bei Bauerbach ein Wolf überfahren. Ein Gentest ergab, dass es sich bei dem Rüden um einen Wolf aus der Lausitz in Brandenburg handelte.
2019 wurden vermehrt Angriffe auf und Risse von hessischen Weidetieren festgestellt. Neben Wildtieren wie Reh und Rotwild waren laut HLNUG-Liste 2019 vor allem Schafe von Wolfsattacken betroffen (sechs Rissereignisse) sowie ein nachweislicher Riss eines Kuhkalbs.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Wölfe in Deutschland massiv bejagt und schließlich ausgerottet, nun erobern sie ihre Gebiete langsam zurück. Die meisten Wolfsterritorien liegen in Brandenburg, gefolgt von Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Durch Hessen streiften laut HLNUG bisher nur einzelne Tiere, ohne sich niederzulassen. Doch seit dem Frühjahr 2020 sind zwei Wölfe in Hessen territorial, also sesshaft – das heißt, sie wurden über einen Zeitraum von sechs Monaten durch genetische Untersuchungen wiederholt in einer Region nachgewiesen: zunächst eine Wölfin im Vogelsberg, dann eine weitere in Nordhessen.

Mittlerweile leben vier Tiere in Hessen: Zwei weitere Wölfinnen haben ihre Territorien im Kreis Hersfeld-Rotenburg und im Rheingau-Taunus-Kreis. Für den Artenschutz ist die Rückkehr der Wölfe eine gute Nachricht. Durch die Vorgaben der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie gehört der Wolf zu den durch das Bundesnaturschutzgesetz streng geschützten Tierarten in Deutschland. Die Chance, einen Wolf zu Gesicht zu bekommen, ist für Menschen äußerst gering, betont das Landesamt.