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Hinterland Zeugen von Brutalität entsetzt
Landkreis Hinterland Zeugen von Brutalität entsetzt
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19:47 25.09.2019
Die beiden Angeklagten verbargen zum Prozessbeginn im Gerichtssaal ihre Gesichter hinter Aktenmappen.  Quelle: Mark Adel
Marburg

Die Zeugen verzogen das Gesicht oder atmeten noch einmal kurz durch, bevor sie zur Beschreibung ansetzten. Tenor: Das Geräusch, als das Opfer mit dem Kopf auf den Boden aufprallte, war ein abscheuliches.

Der heute 24-jährige Nebenkläger wurde am 23. Juli 2017 auf dem Gladenbacher Kirschenmarkt durch einen Faustschlag zu Boden gestreckt. Das Geräusch – im Krankenhaus wurde damals ein Schädelbruch diagnostiziert – hat sich in die Gedächtnisse eingebrannt. Eine Zeugin erschauderte bei der Erinnerung an das Geräusch, das sie als „lauten Knall“ beschrieb.

Eine andere Frau sprach von „ekeligen, knirschenden Ton“ und ein weiterer zog den Vergleich, wie „eine knackende Nuss“. Das Opfer musste mehrmals operiert werden und saß zeitweise im Rollstuhl.

Der Vorsitzende Richter Dr. Marco Herzog, Staatsanwaltschaft sowie die Vertreter des Nebenklägers und der beiden 22-jährigen Beschuldigten mussten den Zeugen ansonsten mehrmals mit Zitaten aus deren polizeilichen Vernehmungen oder der Erstverhandlung vor dem Landgericht im Jahr 2018 auf die Sprünge helfen.

Die Zeugen waren zur Tatzeit tief in der Nacht zwischen knapp 10 und 30 Metern vom Geschehen entfernt. Am nächsten war eine Industriekauffrau dran. „Es entwickelte sich ein Streit. Ich habe Beleidigungen gehört. Dann war es eigentlich vorbei, bis es einige Minuten später wieder losging“, sagte sie, berichtete aber auch, bei weitem nicht alles mit eigenen Augen gesehen zu haben.

„Nach so langer Zeit ist es schwierig zu unterscheiden, was man selbst gesehen oder gehört hat oder was einem von anderen berichtet wurde“, meinte die Frau. Zumal alle Zeugen angaben, dass ihnen phasenweise die Sicht auf das Geschehen versperrt gewesen sei. Eine Bankkauffrau sagte aus: „Ich konnte von meiner Position aus nicht sehen, wie das Ganze angefangen hat, aber es wurde sehr laut. Da habe ich dann hinübergeschaut.“

Massiv Gewalt ausgeübt

Mehrere Zeugen identifizierten die beiden Beschuldigten als diejenigen, die auf den Nebenkläger losgegangen sein sollen. Einig waren sich die Zeugen auch, dass die Angeklagten während der Tat massive Gewalt ausübten. „Das war schon ein sehr brutales Vorgehen. Auf einer Skala von eins bis zehn mit Sicherheit eine Neun“, bewertete ein 20-jähriger Student, der knapp 30 Meter von dem Geschehen entfernt war: „Die Schlägerei hat sich vom Bürgersteig auf die Straße bewegt. Ich habe Schläge und einen Tritt gesehen.“

Den besten Blick auf den Tathergang schien allerdings einer der Sicherheitskräfte des Kirschenmarktes zu haben. Der massige 24-jährige Mann war mit Kollegen auf Patrouille und beobachtete allerdings nur das Ende der Auseinandersetzung aus einer Distanz von 15 Metern. „Einer der Angeklagten hat den Geschädigten von hinten geschlagen.

Der hat sich daraufhin kurz umgedreht und ist dann einfach umgekippt“, berichtete der Zeuge. Beide Angeklagten seien in unterschiedliche Richtungen geflüchtet, nachdem der Mann aus Bischoffen niedergestreckt worden war.

"Das ist im Fußball eben so"

„Ich habe dann die Verfolgung aufgenommen und den Mann, der geschlagen hat, kurz darauf festnehmen können“, sagte der Kirschenmarktmitarbeiter. Der Fliehende habe in schnellem Tempo ohne Torkeln oder sonstige Besonderheiten Fersengeld gegeben. Einen gezielten Tritt seitens der beiden Angeklagten gegen denn bewegungslosen Körper des Nebenklägers schloss er aus.

Der Streit soll entbrannt sein, weil der Nebenkläger, ein Fan des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, die beiden Angeklagten als Fans eines anderen Fußballklubs erkannt haben soll. Zumal sich die Prozessbeteiligten ein von einem Handy aufgenommenes Video des Geschehens anguckten, das aufgrund der Dauer von zwei Sekunden allerdings wenig Neuigkeitswert hatte.

Die Aufzeichnung hatte der Nebenkläger unter dem Hashtag „Jeder Schalker ist ein Hurensohn“ ins Internet gestellt. Verteidiger Thomas Wings versuchte den Nebenkläger aus der Reserve zu locken, als er meinte, dass das ja nicht sonderlich friedlich klinge. „Das ist im Fußball eben so. Da passiert so etwas“, hielt der Nebenkläger entgegen.

  • Der Prozess wird am Freitag ab 9 Uhr fortgesetzt.

       
von Benjamin Kaiser