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Hinterland Geflohen, gefangen, freigekauft
Landkreis Hinterland Geflohen, gefangen, freigekauft
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10:00 07.06.2021
Heute ist das frühere Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen ein Museum. Dort werden unter anderem Handschellen und Häftlingskleidung gezeigt.
Heute ist das frühere Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen ein Museum. Dort werden unter anderem Handschellen und Häftlingskleidung gezeigt. Quelle: Kay Nietfeld/dpa
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Gladenbach

Seine Lebensgeschichte beeindruckt, schockiert und berührt. Gespannt hören die Jugendlichen zu, wenn Michael „Mischa“ Naue unverblümt von seinem Drang nach Freiheit, seinen gescheiterten Fluchtversuchen aus dem Stasi-Staat und der rohen Brutalität in DDR-Gefängnissen berichtet. In der Gladenbacher Europaschule lässt der 58-Jährige deutsche Geschichte lebendig werden.

„Von Zeitzeugen lernen“ steht für 125 Jugendliche aus den Jahrgangsstufen 9 und 10 an diesem Vormittag auf dem Unterrichtsplan. Mit zwei Videokonferenzen. Aus Berlin zugeschaltet ist Mischa Naue. Der Autor des 2015 erschienenen Buches „Gefangen mit Buddha – Meine Rebellion im Stasi-Staat“ erzählt Episoden aus seinem Leben und beantwortet bereitwillig alle Fragen der Schüler und Lehrer.

Zwei Jahre nach dem Mauerbau erblickt Naue in Ost-Berlin das Licht der Welt. Schon als Jugendlicher will er sich nicht dem sozialistischen System der DDR anpassen. Mit 14 Jahren fliegt er von der Schule und beginnt notgedrungen eine Lehre als Gleisbauer. Er weiß: „Ich will raus aus diesem Land.“

Ohne große Umschweife nennt er nun seinen jungen Zuhörern die Gründe für seine geplante Flucht: „Ich habe gesehen, wie die Menschen angelogen und ihre Meinungen unterdrückt wurden. Jeder hatte Angst, die Wahrheit zu sagen. Der Geheimdienst überwachte die Menschen, und die SED gab vor, was in diesem Land richtig und was falsch ist. Die Partei wollte sie zu treuen Anhängern der DDR manipulieren.“ Das kommt für den Berliner nicht in Frage.

Mit 17 packt ihn die Faszination für den Zen-Buddhismus. Naues Freiheitsdrang bringt ihn jedoch hinter Gitter. Ende 1983 scheitern seine beiden Fluchtversuche aus der DDR – zunächst an der Grenze von Ungarn nach Jugoslawien, dann an der innerstädtischen Grenze nach West-Berlin. Der Staatssicherheitsdienst verhaftet ihn.

Naue kommt ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen im heutigen Berliner Bezirk Lichtenberg. Vier Monate sitzt er dort in Einzelhaft. Er verliert jedes Zeitgefühl. „Ich wusste nicht mehr, welcher Wochentag war – und meine Eltern wussten von meiner Haft gar nichts“, erzählt er den Schülern. Dann seine Verurteilung: zwei Jahre Haft wegen Republikflucht. Er wird in die Strafvollzugseinrichtung Naumburg in Sachsen-Anhalt gebracht. „Dort hatten die kriminellen Gefangenen die Aufgabe, die politischen Häftlinge zu erziehen. Da gab es einfach mal was auf die Fresse. Und auch die Wärter waren primitiv, die schlugen die ganze Zeit. Das war das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe“, berichtet Naue.

Einfach und direkt gewährt der Zeitzeuge Einblicke in sein damaliges Gefühlsleben. Er spricht über Folter, über „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und über Hoffnung. „Es gab Momente, da habe ich gedacht: Hier kommst du nie wieder raus – das waren ganz schwarze Tage“, erzählt Naue. Neuen Mut und Kraft geben ihm sein Glaube und zwei Ziele: Er will unbedingt ein Kloster in Japan besuchen und seine geliebte Oma Hedwig wiedersehen.

Die Schüler sind beeindruckt. „Mich persönlich bewegt seine ganze Lebensgeschichte. Ich finde es schrecklich, was Mischa alles schon durchgemacht hat. Respekt, dass er es durch diese schwere Zeit geschafft hat“, sagt Aileen Wagner aus der 10R1.

Nach acht Monaten Haft in Naumburg kommt Naue frei – durch einen Häftlingsfreikauf der Bundesrepublik. „Für Waren im Wert von 25 000 Mark“, erzählt der 58-Jährige. Er will zurück „auf die Insel“, nach West-Berlin. So kann er in der Nähe seiner Großmutter sein, die im Osten der Stadt lebt.

Naue versucht, sein Leben zu organisieren. Er arbeitet als Koch und spart fleißig. Dann erfüllt er sich seinen großen Traum: Er reist nach Japan und lernt im Kloster den Zen-Buddhismus. „Dort bin ich wieder zur Ruhe gekommen“, gesteht der Berliner. Die Zeit im Kloster ist eine Art Therapie für ihn.

Das Leben von Naue hat viele Facetten. Die Gefängniszeit habe seinen Sinn für Freiheit und Schönheit gestärkt, erzählt er. Zurück in Berlin arbeitet er unter anderem als Fotograf, er baut einen ­Wohnwagen zu einem Food-Truck um und verkauft Grill-Sandwiches. 2015 schreibt er ein Buch. Als Imker ist er seit drei Jahren aktiv – dazu mietet er sich ein Gartengrundgrundstück nahe Magdeburg.

Außerdem bekommt er das Angebot, in der heutigen Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen als Referent für politische Bildung zu arbeiten.

Im ehemaligen Stasi-Knast bietet er nun Führungen für Schulklassen an. „Ich will den Jugendlichen deutlich machen, warum es so wichtig ist, dass sie sich für Politik interessieren, dass sie später wählen gehen und dass sie die Gemeinschaft zusammenhalten“, sagt Naue.

Lob und Anerkennung bekommt er dafür auch von den Lehrern der Europaschule. „Für uns war es mal wieder beeindruckend, wie gut es Mischa Naue gelingt, die Schülerinnen und Schüler zu fesseln und mitzunehmen“, sagt Stefan Düppers, der mit seiner Kollegin Nicole Placzek-Ouaissa die Gesprächsrunde organisiert. So etwas könnten in dieser Intensität wohl nur Zeitzeugen. „Sie besitzen die Glaubwürdigkeit und die Authentizität, die im schulischen Geschichts- und Politikunterricht manchmal nur schwer herzustellen ist“, so Düppers.

Dieser nicht alltägliche Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte findet bei den jungen Zuhörern großen Anklang. „Mischa Naue kam sehr sympathisch rüber und hat viele Schüler mit seiner Lebensgeschichte emotional berührt und Gänsehaut bereitet“, erzählt Seline Walter aus der 10R1.

Dies bestätigt ihre Klassenkameradin Helena Schüler: „Viele von uns waren nach den Ausführungen von Mischa Naue ziemlich nachdenklich und still. Wir konnten es nicht fassen, was dieser Mensch erleiden musste. In der heutigen Zeit unvorstellbar für Jugendliche, die unter mehr oder weniger sorgenfreien Bedingungen groß geworden sind und solche Ereignisse – zum Glück – niemals erleben mussten.“

Besonders beeindruckt hat die 17-Jährige, dass der Autor sein Leben riskiert und immer wieder neue Kraft zum Weitermachen geschöpft hat. „Ich habe mir vorgenommen, zukünftig nicht jede Kleinigkeit als Weltuntergang anzusehen“, erzählt Helena.

Von Michael Tietz

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