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Hinterland Wird aus Schnapsidee Plan mit Zukunft?
Landkreis Hinterland Wird aus Schnapsidee Plan mit Zukunft?
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09:58 31.10.2019
Ein Blick auf die alten Schienen der Salzbödebahn bei Niederwalgern. Marian Zachow berichtet in Gladenbach über den Stand der Reaktivierungspläne. Quelle: Thorsten Richter, Stephan Schienbein
Gladenbach

Im Vorfeld der Sitzung des Wirtschaftsausschusses hat Marian Zachow im OP-Interview über Reaktivierung der Salzbödebahn gesprochen.

OP: Als Sie die Idee der Reaktivierung der Salzbödebahn öffentlich gemacht haben, gab es viele kritische Stimmen. Konnten Sie zum damaligen Zeitpunkt die Ablehnung nachvollziehen?

Marian Zachow: Na klar, das konnte ich gut verstehen. Es ist ja schon etwas ungewöhnlich, dass kaum mehr als 20 Jahre, nachdem der Kreistag die Stilllegung beschlossen hatte, der selbe Landkreis die Reaktivierung vorantreibt. Selbst ich hatte ja am Anfang erhebliche Zweifel: Nicht, weil ich das Potenzial der Strecke unterschätzt hatte, sondern weil ich, wie viele andere auch, davon ausging, dass die Strecke weitgehend überbaut sei.

Ich hatte zwar vor ein paar Jahren in einer öffentlichen Sitzung zum Nahverkehrsplan ausdrücklich gesagt, wie sehr uns die Strecke für die Verkehrsentwicklung und -planung fehlt, war aber davon ausgegangen, dass eine Reaktivierung allein baulich kaum noch möglich ist.
Erst eine Streckenbegehung durch Christoph Mehler, seinerzeit Werkstudent bei der Kurhessenbahn, hat uns die Augen geöffnet und aufgezeigt, dass diese Einschätzung nur für den Abschnitt Herborn-Hartenrod zutreffend ist – 
die Trasse zwischen ­Hartenrod und Niederwalgern jedoch noch nicht unwiederbringlich verloren ist.

Von daher kann ich gut nachvollziehen, dass ­viele die Idee am Anfang für eine Schnapsidee gehalten haben. Ich habe mir dann noch mal etwas genauer die Fahrgastzahlen angeschaut und auch die Potenziale zur Vernetzung mit anderen Buslinien im Hinterland. Mir wurde klar, dass wir die vielleicht letzte Chance zur Reaktivierung jetzt nutzen müssen, bevor die Grundstücke auf der alten Streckenführung anderweitige Nutzung erfahren.

OP: Wie haben Sie Kritiker für Ihre Idee gewinnen können?

Zachow: Noch sind nicht alle Kritiker überzeugt – und müssen es ja auch nicht sein. Das wohl wirkungsvollste ­Argument war die Tatsache, dass die Buslinie 383 eine der wohl hessenweit am stärksten frequentierten Strecken im ländlichen Raum ist. Natürlich war auch ein wichtiger Faktor, dass sich die verkehrspolitischen Rahmenbedingungen seit 1995 um 180 Grad gedreht haben. Damals waren die Bedingungen für die Schiene – nicht nur in Hessen – eher ungünstig. Die damals hohen Kosten für den Bahnbetrieb sind am Landkreis hängen geblieben. Dagegen gibt es heute ganz andere Finanzierungs- und Fördermöglichkeit von Bund und Ländern.

Auch die angedachte sinnvolle Einbettung in ein Gesamtverkehrskonzept mit Bus und Schiene war ein wichtiger Faktor. Viele kommunale Vertreter hat zudem überzeugt, dass mittlerweile wissenschaftlich belegt ist, dass ein Schienenanschluss sehr viele positive Folgen, zum Beispiel für die Entwicklung von Grundstückswerten, nach sich zieht und Orte durch eine Bahnanbindung erheblich an Attraktivität gewinnen. Die vorliegende Untersuchung hat viele dieser Argumente untermauert. Selbst eine sehr vorsichtige Berechnung ergibt ein Fahrgastpotenzial von mindestens 2 200 Kunden werktäglich. Das ist fast dreimal so viel wie etwa auf der, mittlerweile als Erfolgsmodell geltenden, reaktivierten Strecke Korbach-Frankenberg.

OP: Hat sich das Stimmungsbild mittlerweile verändert?

Zachow: Ich glaube schon, dass eine mögliche Reaktivierung nun niemand mehr für eine Schnapsidee hält. Die Debatte wird inzwischen sehr ernsthaft und sachlich geführt. Das ist ja auch gut so, denn in diesem Jahr treffen die zuständigen Gremien ja auch noch keine Entscheidung über die Reaktivierung. Die vorliegende „kleine Machbarkeitsstudie“ kommt – deutlicher als erwartet – zu dem Ergebnis, dass die Strecke erhebliches Potenzial hat.

Als nächster Schritt wird nun die Durchführung einer ingenieurs- und eisenbahnwissenschaftlichen Untersuchung vorgeschlagen. Der Kreistag wird daher in seiner Sitzung am 14. November über meinen Vorschlag beraten, eine große Machbarkeitsstudie durchzu­führen, an der auch RMV und die an der Strecke liegenden Kommunen beteiligt sein werden. Diese soll am Ende fachkundig und abschließend Auskunft darüber erteilen, ob eine Reaktivierung technisch machbar und volkswirtschaftlich sinnvoll ist.

Nach Abschluss der Studie, in etwa 16 bis 24 Monaten, liegen alle Fakten auf dem Tisch und dann muss letztlich eine politische Entscheidung getroffen werden: Reaktivierung ja oder nein. Diese Entscheidung treffen aber nicht nur der Landkreis und die Kommunen 
 alleine, sondern dass Land Hessen und der RMV sind ebenfalls 
am Entscheidungsprozess beteiligt. Letztlich hängt es aber auch nicht ganz unwesentlich davon ab, welche Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten für 
 eine Streckenreaktivierung zur Verfügung stehen.

OP: Wie bewerten Sie die Chancen, dass in Zukunft die Eisenbahn wieder eine größere Rolle spielt bei der Mobilität der Menschen?

Zachow: Noch vor 20 Jahren dachten viele, die Eisenbahn sei ein Verkehrsmittel von gestern. Auch und gerade im Hinblick auf die vielen Innovationen und Trends in der Mobilitätsbranche, wie das (teil-)autonome Fahren, neue Carsharing-Modelle, webgestützter E-Scooter- und Fahrrad-Verleih oder Online-Vermittlungsdienste zur Personenbeförderung (zum Beispiel Uber) zeigen, dass sich in diesem Bereich einiges bewegt. Gerade die Vernetzung der Angebote durch Smartphone-
Apps wird die Mobilität der kommenden Jahre entscheidend verändern.

Die Bahn wird in diesem Mobilitätswandel eine entscheidende Rolle spielen und ein wichtiges Verkehrsmittel von morgen und übermorgen sein. Auch wenn man zwischen Stadt und ländlichem Bereich etwas differenzieren muss, so weisen jedoch bereits heute viele wissenschaftliche Studien darauf hin, dass Auto und Führerschein bei jungen Menschen längst nicht mehr die Rolle spielen wie noch in meiner Jugend oder erst recht in den 1960er- und 1970er-
Jahren. Für viele (junge) Menschen entscheidet die ÖPNV-Anbindung über die Frage, wo sie leben oder arbeiten wollen.

Für diese brauchen wir ein ­attraktives Angebot, damit sie in unserem Landkreis bleiben oder in unsere Region ziehen. In Zukunft – da bin ich mir sicher – 
wird die Bedeutung des ÖPNV weiter ansteigen und die Frage, ob ein Wohn- oder Gewerbe­gebiet in Nähe eines Bahnhofs liegt, ein wichtiger Faktor für die Entwicklung dieser ­Gebiete sein. Insofern könnte die Reaktivierung der Salzbödebahn – verbunden mit einem vernetzten Busverkehrskonzept für die ganze Region – ein wichtiger Beitrag dafür sein, damit dass Hinterland auch in 30, 40 oder 100 Jahren ein Standort mit Zukunft ist.

von Silke Pfeifer-Sternke