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Hinterland Windrad kontra Aussichtsturm
Landkreis Hinterland Windrad kontra Aussichtsturm
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18:58 08.08.2021
Der Aussichtsturm auf der Koppe bei Erdhausen ist ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer. 300 Meter südlich des Plateaus will ein Projektierer ein Windrad bauen.
Der Aussichtsturm auf der Koppe bei Erdhausen ist ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer. 300 Meter südlich des Plateaus will ein Projektierer ein Windrad bauen. Quelle: Michael Tietz
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Erdhausen

Der Gegenwind für die geplante Windkraftanlage nahe dem Koppe-Plateau nimmt zu. Dies bekamen die Projektierer bei ihrer eigenen Informationsveranstaltung in Erdhausen deutlich zu spüren. Die meisten der rund 70 Anwesenden forderten die Gladenbacher Politiker auf, das Bauvorhaben zu verhindern und damit auf die finanziellen Vorteile für die Stadt zu verzichten.

„Wir wollen umfassend informieren, nichts fällt unter den Tisch“, versprach Ulf Schmidl (Lohra) zu Beginn der fast viereinhalbstündigen Versammlung. Der Geschäftsführer der gastgebenden Bürgerwind Gladenbach GmbH versuchte gemeinsam mit seinem Kollegen Joachim Wierlemann (Biebertal), für die Windpark-Pläne seines Unternehmens an der Gemarkungsgrenze von Gladenbach und Lohra zu werben.

Nach derzeitigem Stand könnten auf der im Teilregionalplan Energie Mittelhessen als Vorranggebiet 3 132 ausgewiesenen Fläche bis zu zehn Windräder entstehen. Für drei Anlagen – zwei in der Gemarkung Rodenhausen, eine nahe Erdhausen – läuft seit einigen Tagen das Genehmigungsverfahren beim Regierungspräsidium (RP) Gießen.

Die Bürgerwind GmbH will 300 Meter südlich des Aussichtsturms auf der Koppe ein 246 Meter hohes Windrad mit einer Nabenhöhe von 166 Meter und einer Flügellänge von 80 Meter bauen. Nach Angaben des Projektierers wäre es 1 081 Meter vom ersten Haus in Erdhausen und 2 243 Meter von der Wohnbebauung in Mornshausen entfernt.

Das Fundament für das Kraftwerk mit einer Leistung von 5,5 Megawatt würde sich auf einem städtischen Grundstück in einer Höhe von 400 Metern befinden und somit 54 Meter unterhalb des Koppe-Plateaus liegen. Die Stromkabeltrasse soll zum Umspannwerk an der Weso-Aurorahütte in Erdhausen führen.

Der Aufbau des Windrades ist mit einem Kletterkran geplant. Dieser wächst Stück für Stück mit dem Turm in die Höhe und benötigt deshalb laut Joachim Wierlemann „nur“ noch einen halben Hektar Platz. Angaben zum Umfang der erforderlichen Rodungen machten die Bürgerwind-Geschäftsführer an dem Abend nicht. Sie verwiesen darauf, dass sie im Zuge der vorgeschriebenen Aufforstung für den von ihnen errichteten Windpark Rachelshausen im vergangenen Herbst 2 000 neue Bäume gepflanzt haben.

Wenn alle Genehmigungen und Verträge vorliegen und somit der erste Lkw anrücken kann, gehen die Projektierer von einer Bauzeit von sechs bis acht Monaten aus. Der Großteil der Anlieferungen soll über die Kreisstraße durch Erdhausen laufen. Für die Zufahrt zu den drei Windrad-Standorten im Wald zwischen Erdhausen und Rodenhausen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder werden bestehende Forstwege genutzt oder der Bauherr einigt sich mit privaten Grundstücksbesitzern und baut auf deren Flächen neue Wege. In Lohra hat sich die Gemeindevertretung mehrheitlich gegen die Nutzung der kommunalen Wege ausgesprochen. Deshalb sicherten sich die Projektierer zweier Anlagen bereits einige Privatgrundstücke.

Zwei Faktoren sind entscheidend, ob auf der Koppe die Anlage entstehen kann: die Baugenehmigung des RP und das Ja der Gladenbacher Politik zu einem Pachtvertrag für die kommunale Fläche.

Bisher gibt es dazu noch keinen gültigen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung. Eine solche Entscheidung sei für den nun laufenden Genehmigungsantrag beim RP auch nicht nötig, erklärte Bürgermeister Peter Kremer (parteilos): „Das ist das Risiko des Projektierers.“

Auf Nachfrage des CDU-Stadtverordneten Marc Bastian stellte Ulf Schmidl klar, dass es für den Windrad-Standort südlich des Aussichtsturms „keine Alternative“ gibt. Lehnt die Stadt einen Nutzungsvertrag für ihr Grundstück ab, nimmt das Unternehmen Abstand von diesem Bauvorhaben. Bürgerwind will eine zweite Anlage in der Gemarkung Rodenhausen errichten. Dafür liegt noch kein Bauantrag vor.

Schmidl versuchte, die Vorteile des Bauvorhabens aufzuzeigen: „Bürgerwind steht für regionale Wertschöpfung. Die Kommune und die Bürger müssen hier gewinnen.“ Der Geschäftsführer verwies darauf, dass von dem Projekt heimische Bauunternehmen und Banken profitierten würden.

Außerdem warb er für das Modell der Bürgerbeteiligung, die über eine Genossenschaft angestrebt wird. „Wir wollen, dass sich möglichst viele Erdhäuser an der Anlage beteiligen – damit sie diese nicht nur sehen und hören, sondern auch etwas davon haben“, so Schmidl.

Auf Nachfrage von Klaus Bartnik (Stadtverordneter der Freien Wähler) skizzierte Schmidl die finanziellen Vorteile für die Stadt. Garantiert sei eine jährliche Pachteinnahme von mindestens 60 000 Euro. Bei kräftigem Wind erhöhe sich der Betrag.

„Wenn ich das gesamte Paket sehe, gehe ich von deutlich über 100 000 Euro pro Jahr aus“, sagte Schmidl. Hinzu komme die Gewerbesteuer. Außerdem gebe es als „Geschenk des Staates“ noch 0,2 Cent pro produzierter Kilowattstunde Strom – also etwa 15 000 bis 20 000 Euro.

Von diesem Argument ließen sich die Bürger der Gegenwindbewegung aus Erdhausen und anderen Gladenbacher Stadtteilen aber nicht beeindrucken. Sie kritisierten, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden. „Warum hat man nicht schon vor Jahren eine Bürgerbefragung gemacht? Warum schafft die Stadt Fakten, ohne zuvor die Bürger anzuhören?“, fragte Rudolf Runzheimer (Erdhausen). Sie müssten schließlich mit Schlagschatten und Schallbelastung leben.

Dies unterstrich Regina Becker (Erdhausen): „Viele Bürger in Erdhausen wollen definitiv den Standort hinter dem Koppe-Turm nicht haben. Ich hoffe, dass die Politiker dies wahrnehmen und auch entsprechend abstimmen. Es kann nicht sein, dass man ein derartiges Projekt gegen den Bürgerwillen durchsetzt.“ Aus Sicht des Ortsbeiratsmitglieds liegt der Fokus bei diesem Bauvorhaben zu sehr auf dem Geldverdienen.

Eine Lanze für den Windrad-Standort brach dagegen Edith Müller-Zimmermann, Aufsichtsratsvorsitzende der Bürgerenergiegenossenschaft Salzbödetal. Es sei wichtig, grünen Strom zu erzeugen und zukunftsfähige Projekte zu unterstützen. „Wir können entscheiden, welche Projektierer wir vor Ort haben wollen – multinationale Firmen oder heimische Fachleute, die uns wertschätzen und die Möglichkeit geben, uns daran zu beteiligen“, so Müller-Zimmermann.

Ins gleiche Horn stieß Bartnik: „Auch die ländliche Region muss ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten.“ Sein Vorschlag: Falls sich die Bürger zu sehr an der Nähe von Aussichtsturm und Windrad stören sollten, könnte der Turm ja versetzt werden.

Von Michael Tietz