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Hinterland Strom und Geld könnten fließen
Landkreis Hinterland Strom und Geld könnten fließen
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10:00 08.12.2021
Reihum gingen die Verträge über die Nutzung von städtischen Flächen zum Errichten von Windkraftanlagen bei Erdhausen. Es unterzeichneten (von links) für die Stadt Gladenbach Stadtrat Helmut Brück und Bürgermeister Peter Kremer sowie die Geschäftsführer der BürgerWind Lohra GbR Joachim Wierlemann und Ulf Schmidl.
Reihum gingen die Verträge über die Nutzung von städtischen Flächen zum Errichten von Windkraftanlagen bei Erdhausen. Es unterzeichneten (von links) für die Stadt Gladenbach Stadtrat Helmut Brück und Bürgermeister Peter Kremer sowie die Geschäftsführer der BürgerWind Lohra GbR Joachim Wierlemann und Ulf Schmidl. Quelle: Foto: Fain
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Gladenbach

Dreimal mussten die Gladenbacher Stadtverordneten über den Nutzungsvertrag für städtische Flächen auf der Koppe nahe des Stadtteils Erdhausen abstimmen (OP berichtete). Nun sagte Bürgermeister Peter Kremer am Freitagnachmittag: „Wir haben es dann doch noch geschafft, in diesem Jahr zur Vertragsunterzeichnung zu kommen. Ich freue mich, dass es geklappt hat, auch wenn die Entscheidung der Stadtverordneten ziemlich knapp ausgefallen ist“, sagte Kremer, der sich immer für die Windkraftnutzung auch auf städtischem Gebiet aussprach.

Neben dem aus seiner Sicht richtigen ökologischen Aspekt, freut sich Kremer als Kämmerer der Stadt auch über die Einnahmen aus dem Pachtvertrag und die erwartete Beteiligung am Ertrag aus der Stromerzeugung (siehe Infobox Die Vergütung). Dazu erklärt Ulf Schmidl, einer der beiden unterzeichnenden Geschäftsführer der BürgerWind Lohra GbR „Wir haben ein dynamisches Pachtmodell ausgearbeitet.“ Dieses sei mit seinen steigenden Vergütungen seines Wissens nach „einzigartig in Deutschland“, ergänzt Joachim Wierlemann.

Wann und wie sie ihr Projekt baulich starten können, ist aber beiden unbekannt. Er habe noch keine Baugenehmigung für ein Windrad ohne Auflagen des Regierungspräsidiums (RP) Gießen erlebt, sagt Wierlemann.

Die Projektierer reichten beim RP einen Antrag auf den Bau von drei Anlagen im Vorranggebiet 3132 des Teilregionalplans Energie Mittelhessen ein. In dem Gebiet wären zehn Windrad-Standorte möglich. Vorerst sollen zwei Anlagen bei Rodenhausen auf Lohraer Gemarkung entstehen, eine nahe des Stadtteils Erdhausen.

Auf dem Standort rund 300 Meter südlich des Aussichtsturms auf der Koppe will die BürgerWind Lohra ein Kraftwerk des Typs Enercon E 160 mit einer Nabenhöhe von 166 Metern, einer Flügellänge von 80 Metern und einer Leistung von 5,5 Megawatt errichten. Dazu nutzt die BürgerWind das gepachtete städtische Grundstück und die Wege für das Verlegen der Stromkabel zum Umspannwerk am ehemaligen Gladenbacher Bahnhof. Für ein späteres Erweitern des Windparks wollen die Projektierer Leerrohre beziehungsweise entsprechend dimensionierte Kabel in die Erde legen, um ein erneutes Aufreißen der Wege zu vermeiden.

Als Nutzungsentgelt für die kommunalen Flächen erhält die Stadt Gladenbach 6,6 Prozent der Einspeisevergütung – mindestens jedoch 60 000 Euro pro Jahr, ab dem elften Betriebsjahr sind es 70 000 Euro. Wird mehr Strom eingespeist als die erwarteten 11,5 Millionen Kilowattstunden (kWh), erhöht sich die Pacht je 100 000 kWh um 0,1 Prozent.

Für das Nutzen der Wege in Wald und Flur erhält die Stadt 1,30 Euro pro laufenden Meter Kabelstrecke. Dieser steigt auf 1,5 Euro, sobald eine vierte Anlage im Windpark Lohra/Gladenbach ans Netz geht.

Weitere Einnahmen kann die Stadt Gladenbach aus der Gewerbesteuer erwarten. Sollte diese nicht ab dem dritten Jahr gezahlt werden, erhöht sich die Mindestpacht um 20 000 und ab dem elften Betriebsjahr um 30 000 Euro.

„Alles, was wir in diesen Vertrag reingepackt haben, entspricht unserer Philosophie. Und die ist: Alle müssen von dem Projekt profitieren – die Stadt, die Bevölkerung, die Anlieger sowie die Hersteller und Betreiber“, sagte Schmidl. Demzufolge sollen die Anteilsrechte folgendermaßen aufgeteilt sein: Die Projektierer halten 26 Prozent an der Anlage, die Bürger können sich über Genossenschaften an den restlichen 74 Prozent der Anteilsrechte beteiligen. Schmidl erwartet, dass für die Anlage auf der Koppe jährlich rund 20 000 Euro ausgeschüttet werden können. Dieses Geld müsste sich Gladenbach mit Lohra teilen, profitiert aber zugleich von den beiden bei Rodenhausen geplanten Windrädern.

Die BürgerWind Lohra sichert den Kommunen außerdem einen kleinen Bonus zu, indem sie pro produzierte Kilowattstunde Strom 0,2 Cent zahlt. Diese Umlage, die sich die Anlagenbetreiber vom Netzbetreiber erstatten lassen können, ist im Erneuerbare-Energien-Gesetz festgeschrieben. Davon können Städte und Gemeinden profitieren, in deren Umkreis von 2,5 Kilometern ein Windrad steht. Das wären auf Gladenbach Seite die Stadtteile Erdhausen, in dessen Nähe drei Anlagen stehen könnten, Weidenhausen (ebenfalls drei Anlagen) und Mornshausen (eine Anlage). Von Rodenhausen stehe das Windrad etwa 1 500 Meter entfernt, sagte Schmidl.

Dabei will es die BürgerWind aber nicht belassen. Man wolle „im Rahmen unserer Möglichkeiten“ auch zum Aufwerten des Koppe-Turms beitragen, verspricht Schmidl. Das hänge natürlich davon ab, dass die Anlage steht und Strom produziert. Wierlemann geht davon aus, dass die Genehmigung im zweiten Quartal 2022 vorliegt. „Dann könnten wir theoretisch im Herbst mit den Rodungen anfangen“, so der Geschäftsführer. Die Arbeiten im Wald dürfen nur von Oktober bis Februar stattfinden. Danach könnte der erste Spatenstich für das Fundament der Anlage erfolgen, das Windrad nach einem halben Jahr Bauzeit stehen.

Dass es bis zur Vertragsunterzeichnung so lange dauerte, laut Schmidl beschäftigte sich die BürgerWind erstmals im Oktober 2015 mit dem Pachtvertrag, lag auch an Änderungswünschen der Stadtverordneten, unter denen der Vertrag zudem noch sehr umstritten war und zäh umkämpft wurde. Zudem beanstandete die Kommunalaufsicht des Kreises zweimal die mehrheitlich gefassten Beschlüsse: Einmal weil es erst einen Widerstreit der Interessen bei einem an Beratung und Abstimmung beiwohnenden Magistratsmitglied gab und eine Einladungsfrist für die Wiederholungssitzung nicht eingehalten wurde.

Von Gianfranco Fain