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Hinterland Willershäuser wollen kein Gewerbegebiet
Landkreis Hinterland Willershäuser wollen kein Gewerbegebiet
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09:00 15.02.2022
Diese Ackerfläche an der Bundesstraße 255 ist als künftiges Gewerbegebiet im Entwurf des Regionalplans vorgesehen. Hinter der Baumreihe liegt das erste Anwesen von Willershausen, ein Ort der Gemeinde Lohra.
Diese Ackerfläche an der Bundesstraße 255 ist als künftiges Gewerbegebiet im Entwurf des Regionalplans vorgesehen. Hinter der Baumreihe liegt das erste Anwesen von Willershausen, ein Ort der Gemeinde Lohra. Quelle: Gianfranco Fain
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Willershausen

Die Stimmung ist während der Ortsbeiratssitzung ist eindeutig. Fast alle der nahezu 30 Besucher der Ortsbeiratssitzung sind gegen das Entstehen eines Industrie- und Gewerbegebietes am Ortsrand von Willershausen. Dafür ist im Entwurf des Regionalplanes eine 6,7 Hektar große Fläche an der Bundesstraße 255 vorgesehen, die aus Richtung Marburg kommend links vor dem Ort liegt und bisher landwirtschaftlich genutzt wird.

Der Ortsbeirat, den nach eigenen Angaben Bürgermeister Georg Gaul Mitte November des vergangenen Jahres informierte, holte daraufhin ein Stimmungsbild unter den rund 190 Wahlberechtigten des Ortes ein. Von den 166 Befragten sind 126 gegen ein Industrie- und Gewerbegebiet am Ortsrand, dem stehen 13 positiv gegenüber und 27 sind unentschlossen. „Das ist die absolute Mehrheit“, schloss ein Anwesender aus den Zahlen. Absolut dagegen ist der Ortsbeirat, das erklärte Michael Keil, als er nach der Diskussion die Stellungnahme des dreiköpfigen Gremiums verlas.

Zuvor trugen die Bürger ihre Bedenken vor. Diese sind ein weiter zunehmender Verkehr verbunden mit „noch mehr Emissionen“, der Klimaschutz sowie die negativen Auswirkungen für die Umwelt, der Verlust wertvoller Böden durch die Flächenversiegelung sowie die Verschandelung der Natur und der Wertverlust der Immobilien. Die Besucher äußerten auch ihr Unverständnis darüber, dass stattdessen der bestehende Interkommunale Gewerbepark Salzbödetal nicht erweitert wird. „Wir leben im Dreck und schaffen Arbeitsplätze für andere Orte“, meinte ein Willershäuser, angesichts der Tatsache, dass dem Ort Flächen für Bauplätze verwehrt wurden, nun aber die elf Hektar Siedlungsfläche des Ortes um sieben Hektar Industriegebiet erweitert werden sollen, welches auch noch direkt ans Wohngebiet angrenze.

Regionalplan Mittelhessen

Das im Entwurf des neuen Regionalplans Mittelhessen vorgesehene Vorranggebiet Industrie und Gewerbe 324 liegt an der Bundesstraße 255 aus Richtung Marburg kommend vor dem Ort Nanz-Willershausen, der zur Gemeinde Lohra gehört. Die 6,7 Hektar große Fläche ist im noch gültigen Regionalplan 2010 als Vorranggebiet für Landwirtschaft gelistet. Während die Gesamtabwägung die Fläche aus raumordnerischer Sicht als geeignet ansieht, schlägt die Umweltprüfung weitere Untersuchungen und Prüfung alternativer Ausführungen vor.

Der Entwurf zum Fortschreiben des Regionalplans 2010 liegt zur Einsicht aus. Diese sogenannte Offenlage endet am 11. März. Bis dahin können Bürger, Behörden, Kommunen sowie sonstige öffentliche und private Stellen Einwände abgeben. Mit diesen beschäftigt sich die Regionalversammlung, eventuell kommt es zu einer zweiten Offenlage.

Der Entwurf des neuen Regionalplans liegt im Kreishaus aus und ist auch online unter https://rp- giessen.hessen.de/planung/regionalplanung/ regionalplan-mittelhessen aufzurufen. Stellungnahmen können auf der Internetseite des RP, per E-Mail an regional-plan @rpgi.hessen.de oder beim RP Gießen, Dezernat 31 – Regionalplanung, Bauleitplanung, Colemanstraße 5, 35394 Gießen, abgegeben werden.

Das stünde in keinem Verhältnis zueinander. Zudem besitze der Ort, in dem es noch acht Bauernhöfe gebe, keine entsprechende Infrastruktur für eine solche Erweiterung. So müsste zum Beispiel die Kläranlage, an die Nanz-Willershausen angeschlossen ist, erweitert werden. Die geklärten Abwässer würden nach Meinung des BUND in Richtung Kehna fließen, direkt an dem Naturschutzgebiet vorbei in eine renaturierte Auenfläche des Walgerbachtals. Dadurch wären geschützte Tier und Pflanzenarten wie der Neuntöter, Feldschwirl, Turteltaube und der in Hessen nur sehr punktuell und äußerst seltene Schlagschwirl gefährdet.

Kathrin Neuser, die den Gemeindevorstand vertrat, beantwortete Fragen und erklärte die Entwicklung zur jetzt favorisierten Lage. Ein Gewerbegebiet bei Nanz-Willershausen ist nämlich schon im noch gültigen Regionalplan in der Angebotsplanung. War es zuerst auf der anderen Seite der Bundesstraße, also dem Ort gegenüberliegend vorgesehen, wanderte es später in Richtung Gladenbach, wo ein Gewerbegebiet aber aus Gründen des Wasserschutzes nicht entstehen kann. Daraufhin beantragte die CDU-Fraktion der Regionalversammlung, die sieben Hektar große Fläche vor dem Ort in den Regionalplan aufzunehmen. Der Vorteil daran sei eine geringere Belastung des Ortes durch den Verkehr zum und vom Gewerbegebiet.

Für ländlich geprägte Gemeinden sei es immer schwerer, Gewerbegebiete zu entwickeln, dies gehe fast nur in interkommunaler Zusammenarbeit, erläuterte Kathrin Neuser. Die Gemeinden brauchen aber Gewerbegebiete, um mit den Steuereinnahmen zum Beispiel die Kinderbetreuung oder die Ausrüstung der Feuerwehr zu bezahlen. Ohne diese Einnahmen würden die kleinen Orte auf dem Lande sonst vor sich hinsterben. Außerdem schaffe die Aufnahme in den Regionalplan nur die Möglichkeit, ein Gewerbegebiet entstehen zu lassen. Doch „das ist nicht in Stein gemeißelt“, sagte Neuser. Als aus der Versammlung „wir wissen alle, dass diese Option dann gezogen wird“ entgegnet wurde, erklärte Neuser, dass jeder Bürger eine Stellungnahme dazu beim Regierungspräsidium in Gießen abgeben könne.

Das wollen die Willershäuser zahlreich tun und auch ihre Unterschriftensammlung übergeben. Zudem erklärten sie eine Bürgerinitiative gründen zu wollen.

Von Gianfranco Fain