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Hinterland Wettbewerb ums „Sahnestück“
Landkreis Hinterland Wettbewerb ums „Sahnestück“
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10:00 05.07.2021
Sven Ludwig (rechts) und Till Boettger (links) erläutern eines der sieben Modelle, die von Studierenden geschaffen wurden.
Sven Ludwig (rechts) und Till Boettger (links) erläutern eines der sieben Modelle, die von Studierenden geschaffen wurden. Quelle: Regina Tauer
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Bad Endbach

Was passt besser zu Bad Endbach – ein Ferienhotel mit 125 Zimmern oder ein Wellnesshotel mit 30 Zimmern? Das Kommunalparlament in dem 8 000-Einwohner-Kurort steht vor keiner leichten Entscheidung. Es geht darum, was auf dem „Sahnestück“ der Gemeinde, dem 3 000 Quadratmeter großen Grundstück neben der Lahn-Dill-Bergland-Therme, entstehen soll. Als solches bezeichnete es Rolfs Bernshausen (SPD), Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses, bei der Vorstellung der Konzepte in der jüngsten Sitzung des Gremiums.

Eine Empfehlung gab das Gremium dazu nicht ab, nun wird in den Fraktionen beraten. Am 12. Juli befassen sich die Gemeindevertreter mit der Frage, mit wem Bad Endbach eine Exklusivitätsvereinbarung treffen will. Wer den Vorzug bekommt, hat erst einmal den Zugriff auf das Gelände. Vorausgesetzt, er liefert binnen eines Jahres eine realistische Perspektive, seine Pläne auch umzusetzen.

Bad Endbachs Bürgermeister Julian Schweitzer (SPD) nannte es einen „Glücksfall“, dass es zwei Interessenten für die Bebauung neben der Therme und damit einen Wettbewerb gebe. Seit Längerem ist bekannt, dass dort das Familienunternehmen Yilmaz ein Hotel bauen möchte.

Der Hotelier und Arzt Yasar Yilmaz ist seit 2018 Eigentümer des Bad Endbacher Hotels „Heckenmühle“ und betreibt seit mehr als 20 Jahren ein Gesundheitshotel an der türkischen Westküste. Auf dem Grundstück neben der Therme in Bad Endbach plant Familie Yilmaz, ein Wellnesshotel mit 30 Doppelzimmern zu errichten.

Der Hotelbetreiber will an die Tradition Bad Endbachs als Kurort anknüpfen. Der Architektenentwurf sieht vor, dass die Zimmer mit Blick auf den Kurpark ausgerichtet sind. Die Gemeinschaftsbereiche, wie Lobby oder Rezeption, liegen zur Straßenseite hin, berichtete Geschäftsführerin Eylem Yilmaz. „Wir entwickeln ein Konzept, das zum Kurort Bad Endbach passt.“

Für die Investitionspläne des Familienunternehmens hatte es bereits 2020 eine Exklusivitätsvereinbarung mit der Gemeinde gegeben. Diese ließ die Gemeinde im Spätjahr auslaufen, weil ein weiterer Interessent aufgetaucht war. CDU-Fraktionsvorsitzende Marie-Sophie Künkel wollte wissen, ob die Pläne von Yilmaz zum Ausbau der „Heckenmühle“ weiterverfolgt würden, wenn ein anderer Investor neben der Therme zum Zuge käme.

„Wenn wir nicht neben der Therme bauen dürfen, dann müssen wir wissen, was dort geplant ist“, sagte Eylem Yilmaz. „Das ist wichtig für uns.“ 2020 habe man begonnen, einen Businessplan aufzustellen, so Yilmaz auf Nachfrage Künkels. Die Arbeit daran sei aber unterbrochen worden, nachdem ein zweiter Interessent aufgetaucht sei. „Uns wurde von der Gemeinde gesagt, uns erst einmal auf das Anbauprojekt zu konzentrieren“, so Yilmaz.

Rolf Bernshausen wollte wissen, ob beim Betrieb eines Hotels neben der Therme auch Kurzurlauber oder Seminare Platz fänden, was Yilmaz bestätigte. Es sei klar, dass diese Einrichtung aufgrund der Lage etwas mehr „in Richtung eines normalen Hotels“ gehe als etwa die „Heckenmühle“, sagte sie auf Nachfrage von Tamara Reiers, Fraktionsvorsitzende der SPD. Denn auf der anderen Seite des Kreisels Landstraße/Am Bewegungsbad liegt das Einkaufszentrum und auch die Therme und der Sportpark bedeuten mehr Autoverkehr als in der ruhigen Umgebung der „Heckenmühle“ im Teichwiesenweg.

Sabine Aßmann, Fraktionschefin der FWG, interessierte, ob über einen Quadratmeterpreis für das Grundstück gesprochen worden sei. „Preisverhandlungen gab es nicht“, beantwortete Bürgermeister Schweitzer diese Frage. Das sei erst der nächste Schritt. Künkel mahnte an, die Bodenrichtpreise der Gemeinde im Internet auf den aktuellen Stand zu bringen.

Ludwig: „Ohne Betreiber funktioniert es nicht“

Annalena Petry (FWG) wollte wissen, ob vorstellbar sei, dass Familie Yilmaz das Hotel später ausbauen würde. „Das ist nicht geplant“, sagte Yilmaz.

125 Zimmer hält der zweite Interessent an einer Exklusivitätsvereinbarung für notwendig, um ein Hotel wirtschaftlich betreiben zu können. Das betonte Rechtsanwalt Sven Ludwig bei der Vorstellung im Ausschuss gleich mehrfach. Ludwig ist Initiator eines Projektes der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hildesheim. Dabei haben Studierende im vergangenen Wintersemester Ideen und Modelle für ein Hotel in Bad Endbach entwickelt.

Geleitet wurde die „Modellbauwerkstatt“ von Professor Till Boettger. Ludwig, Boettger und German Hallcour, ebenfalls Lehrbeauftragter an der Hildesheimer Hochschule, wollen nun gemeinsam das, was als Seminarstoff mit hohem Praxisbezug begann, verwirklichen.

Rund 50 Studierende beteiligten sich an dem Hochschulprojekt, sieben der daraus entstandenen Modelle für ein Drei-Sterne-Hotel stellten Ludwig und Boettger den Kommunalpolitikern vor. Es handle sich um Konzepte, die die Therme als „Beifahrer“ einbeziehen – aber nicht nur, denn der Nutzerkreis sei größer. „Bad Endbach wird Gastgeber“, formulierte Ludwig einen Slogan für das anvisierte Ferienhotel, das auch Kongresse und Tagungen und ein Restaurant beherbergen solle.

Es handle sich um Modelle, „die nach Bad Endbach passen“, warb der Rechtsanwalt aus dem Ebsdorfergrund um die Zusage für eine Exklusivitätsvereinbarung. Sie sei eine „existenzielle Voraussetzung“, um die nächsten Schritte anzugehen. Im Vordergrund steht die Suche nach einem Betreiber. Ludwig: „Ohne einen Betreiber funktioniert es nicht.“ Sobald ein Betreiber gefunden sei, könne es direkt losgehen.

„Im Idealfall könnte das Hotel im August 2024 in Betrieb gehen“, kündigte Ludwig an. Er sehe nach einer Corona-bedingten Vorsicht eine allmähliche Trendwende im Investitionsverhalten der Betreiber auch bei neuen Projekten.

Klärungsbedarf beim Parkkonzept

Bei der Ansprache der Betreiber müsse „der Geist des Projektes rüberkommen“, sagte Ludwig weiter. Offen sei, für welches Modell sich ein Betreiber entscheide. Am Ende müsse aber das Erscheinungsbild – die äußere Hülle – erhalten bleiben, sagte Ludwig.

Aßmann hatte die Sorge ausgesprochen, am Ende werde ein Betreiber alles neu gestalten. „Wir hatten noch nie ein Projekt, das so weit in der Umsetzung gekommen ist“, berichtete Boettger aus seiner Lehrerfahrung. Die Studierenden waren zum Teil aus Bremen und Berlin nach Bad Endbach gereist, um vor Ort in die Aufgabe „einzutauchen“, sich „einzufühlen“ in die Besonderheiten von Standort und Topografie.

Klärungsbedarf gibt es für die Ausschussmitglieder noch beim Parkkonzept. Aus Sicht Boettgers sind das aber lösbare Aufgaben. Es gebe keine Überlegung, den benachbarten Sportpark abzureißen, um Parkplätze zu schaffen, sagte Ludwig auf Nachfrage Künkels. Boettger kann sich auch einen „Dreiklang“ aus Therme, Hotel und Sportpark vorstellen.

Wer von den Zuschauern im Bürgerhaus gedacht hatte, etwas über Investitionssummen zu erfahren, wartete vergeblich. Hier hielten sich beide Interessenten mit Zahlen zurück.

Und noch etwas war den Gemeindeparlamentariern wichtig: Ludwig war auch schon als Rechtsberater für Bad Endbach tätig. Das sei „sauber getrennt“ sagte Ludwig. „Die Anwaltsrobe habe ich im Fall von Bad Endbach jetzt ausgezogen.“ Dass aus dem Hochschulprojekt mehr werden könne als eine Lehrveranstaltung mit Praxisbezug habe sich erst im März gezeigt. „Es geht um die Frage, ist das umsetzbar oder bleibt es ein Papiertiger?“

Von Regina Tauer

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