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Hinterland „Kraulen mögen sie ganz gerne“
Landkreis Hinterland „Kraulen mögen sie ganz gerne“
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12:59 16.01.2021
Im Winter bekommen die Rinder von Markus Roos möglichst Heu aus eigenem Anbau.
Im Winter bekommen die Rinder von Markus Roos möglichst Heu aus eigenem Anbau. Quelle: Mirjam Bleck
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Haine

Als Markus Roos den Weg zu der Wiese am Ortsrand von Haine hinaufstapft, schauen seine Rinder ihm schon erwartungsvoll entgegen. An der Futterraufe angekommen, hält der Wallauer ihnen ein wenig Heu vors Maul und krault das Fell der mächtigen Tiere. „Das mögen sie ganz gern“, sagt der 53-Jährige.

Die beiden langhaarigen Stiere stehen am Rand des Ortsteils der Gemeinde Allendorf im Landkreis Waldeck-Frankenberg gemeinsam auf einer Wiese, beide tragen klangvolle Namen: Donewell vom Hainergrund heißt der eine, Aaonach of Kilpatrick der andere.

„Das ist ein komischer Name“, sagt der Wallauer schmunzelnd, „aber den haben ihm seine Züchter gegeben.“ Denn während Donewell aus eigener Zucht stammt, wurde Aaonach in Schottland geboren.

Vor eineinhalb Jahren konnte Roos ihn günstig kaufen. Da das Tier über Zuchtpapiere verfügt, ist er seitdem der Herdenbulle der kleinen Roos’schen Herde. „Mit ihm dürfen wir Tiere im Herdbuch züchten.“ Natürlich klappt das nicht mit diesen beiden Tieren: Der Rest der Herde, zu der auch einige Kälber gehören, steht gerade auf einer anderen Weide in der Nähe von Haine.

Ideale Rasse für Einsteiger

Hauptberuflich macht Roos etwas ganz anderes: Als Kfz-Meister arbeitet er im Autohaus Biebighäuser in Battenberg. Doch der Wallauer kommt aus einer landwirtschaftlichen Tradition. Sein Großvater betrieb in Haine Landwirtschaft, hielt bis 1974 Kühe und Rinder. Auch danach gehörten Schweine noch lange zum Alltag der Familie. Ende der 90er-Jahre verpachtete die Familie ihre Weiden – bis 2008.

Dann packte Markus Roos, seinen Bruder Thorsten und ihren Vater Heinz Georg der Wunsch, die eigenen Weiden nicht zu verpachten, sondern fortan wieder selbst zu nutzen. Aber wie und mit welchen Tieren? Die Familie nahm zu einem Züchter in der Region Kontakt auf, der Highland Cattle, also schottische Hochlandrinder, auf seinen Wiesen hat.

Für Markus Roos’ Ehefrau Regina war die Entscheidung schnell getroffen, nachdem sie die zotteligen Tiere gesehen hatte. „Wenn Rinder, dann die“, sagte sie zu ihrem Mann. Das hatte allerdings nicht nur mit dem Aussehen zu tun. Highland Cattle seien gerade für Neueinsteiger bestens geeignet, erklärt ihr Mann, da es sich um eine sehr gut zu ­führende Rinderrasse han­dele.

Brüder gründen GbR

Auf den Wiesen der Großmutter ging es los, später kamen gepachtete Wiesen hinzu. Zwölf Jahre nach dem Start ist der Betrieb aber immer noch bewusst klein gehalten. Im Jahresdurchschnitt sind 15 Rinder auf den rund 18 Hektar zu finden. Zum Winter hin ­seien es absichtlich etwas weniger, erläutert Roos, um sich die Arbeit und insbesondere das Füttern etwas zu erleichtern.

Seit dem vergangenen Sommer steht der kleine Betrieb auch rechtlich auf neuen Füßen: Am 1. Juli vergangenen Jahres hat Markus mit seinem Bruder Thorsten eine GbR gegründet. Was nicht heißt, dass ihr Vater nicht noch weiterhin täglich nach den Tieren schaut.

Ein Herzensanliegen ist dem Wallauer, seine Rinderherde möglichst naturnah und tierfreundlich zu führen. So steht ein Teil der Herde oftmals auf einer Naturschutzfläche am Waldesrand. Die Tiere tragen dort dazu bei, dass die Fläche nicht irgendwann von Büschen übersäht ist. Denn genau zu solch einem Wildwuchs – Roos spricht dabei von „Verbuschen“ – würde es kommen, wenn das Areal jahrzehntelang nicht genutzt würde.

Voriger Sommer gab nur wenig Heu her

„Das ist ein Beitrag zum Naturschutz“, erläutert Roos. Denn wenn die Wiesen erhalten blieben, könnten dort Pflanzen wachsen, die bedeutsam für die Biodiversität sind. Und nicht nur das: Die Pflanzen wiederum zögen Insekten nach sich, die genau diese Pflanzen brauchen. Was schließlich auch Einfluss auf die Amphibienwelt habe. Roos: „Und genau deshalb sollen die Wiesen als Wiesen erhalten bleiben.“

Doch auch unabhängig von diesen Flächen achtet Roos auf ein größtmögliches Maß an Naturnähe. Silo-Futter vermeidet er weitgehend. Stattdessen lagert er lieber selbst gemachtes Heu für die Wintermonate ein. Doch sei es im vergangenen Sommer schwierig gewesen, genügend Heu zu machen, fügt er bedauernd hinzu.

Ein- bis zweimal im Jahr wird geschlachtet. Im vergangenen Jahr etwas weniger als sonst, weil die Familie einige Rinder an andere abgegeben hat, die ebenfalls mit einer kleinen Rinderherde anfangen wollen. Auch beim Schlachten achtet Roos darauf, dass seine Tiere wenig Stress und Schmerzen erleiden.

„Die haben hier ein gutes Leben gehabt“

Deshalb geht er mit seinen Rindern auch nur zu Schlachtern, von denen er sicher ist, dass seine Tiere nicht noch in engen Lastern irgendwohin verfrachtet werden. „Die haben hier ein gutes Leben gehabt“, sagt er, „und das soll beim Tod nicht anders sein.“

Überhaupt sieht er die moderne Viehwirtschaft in spezialisierten Massenbetrieben kritisch; insbesondere, dass man Milchvieh- und Mutterkuhhaltung züchterisch in zwei mehr oder weniger voneinander getrennte Bereiche zerteilt hat. „Gesund ist das nicht“, ist Markus Roos überzeugt. Früher hätten die Tiere den Bauern Milch, Fleisch, Wärme und Leder zugleich gegeben – in seinen Augen die natürlichere Variante.

Wie natürlich es auf den Weiden und Wiesen zugeht, spürt man, wenn Roos das Heu in den Futterraufen neu aufschichtet, das Wasser im Tank kontrolliert, das Stroh beim Nachtlager der Stiere erneuert oder die Tiere bürstet.

Natürlich seien nicht alle seine Tiere große Kuschel, erzählt der Wallauer, aber aufpassen müsse man im Grunde nur, wenn es zu einer kleinen Rangelei zwischen den Tieren komme. Und die entstehe üblicherweise dann, wenn einer neidisch werde. Neidisch, weil er nicht ans Futter kann – oder weil gerade nur der andere liebevoll gebürstet wird.

Von Hartmut Bünger