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Hinterland „Eisen Müller“: Ende ist auch Neuanfang
Landkreis Hinterland „Eisen Müller“: Ende ist auch Neuanfang
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09:59 08.01.2020
Michael Blaskovic hat seine Wilhelm Müller GmbH – in Wallau besser bekannt als „Eisen Müller“ – zum Jahresende an die Borrmann GmbH übergeben. Quelle: Hartmut Bünger
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Wallau

In Wallau gibt es wohl Menschen, die den korrekten Namen der Firma gar nicht kennen. Denn die Wilhelm Müller GmbH & Co. KG im Hahnrodsweg ist seit Jahrzehnten schlicht der „Eisen Müller“ – bekannt dafür, Eisenwaren aller Art vorrätig zu haben. Zum Jahresende hat das Unternehmen nun, genau 117 Jahre nach seiner Gründung im Jahr 1902, geschlossen.

Besagter Wilhelm Müller war es, der die Firma kurz nach der Jahrtausendwende ins Leben rief. Zunächst vertrieb er Artikel für Schumacher, schon bald kamen Eisenwaren unterschiedlicher Art hinzu. Nach wie vor ist das Unternehmen am Markt erfolgreich, wie Geschäftsführer Michael Blaskovic betont. Doch er selbst hat die 60 überschritten, und weder in seiner Familie noch unter den Mitarbeitern ist ein Nachfolger zu finden. Und so entschloss sich der 61-Jährige im Herbst vergangenen Jahres, das Angebot der Firma Borrmann (Fernwald-Annerod) anzunehmen.

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Eine Entscheidung, die ihm noch Anfang der Jahres schwer vorstellbar gewesen wäre, erzählt Blaskovic. Eigentlich habe er nämlich vorgehabt, die Firma noch ein paar Jahre zu führen. „Man hat sich ja auch was aufgebaut“, sagt er. Doch dann sei das Angebot der Firma Borrmann gekommen. Erst habe­ er die Sache zurückhaltend ­gesehen, erzählt der 61-Jährige, doch dann habe seine Tochter gesagt: „Papa, jetzt kommt man noch auf dich zu. Wer weiß, wie es in ein paar Jahren aussieht?“

Dieser Gedanke und die mangelnde Aussicht auf einen Nachfolger hätten den Ausschlag ­gegeben. Und nicht zuletzt die Chance, dass alle Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz behalten. „Alle Mitarbeiter werden von Borrmann übernommen und sind gut versorgt, das war uns wichtig“, erzählt Blaskovic. Zum Teil hätten sie seit mehr als 20 Jahren für „Eisen Müller“ gearbeitet, da fühle man sich dann schon verantwortlich.

Zukauf als Ausbau der Sparte Industriewerkzeug

Die beiden Außendienst-Mitarbeiter werden laut Blaskovic nun von daheim arbeiten, zwei Mitarbeiter gehen nach Fernwald. „Für unsere Kunden in der Industrie sind wir in Fernwald also weiterhin die Ansprechpartner“, betont der 61-Jährige, dass die Geschäfte weiterlaufen. Das bedeute zwar für die betreffenden Mitarbeiter mehr Fahrzeit, schlage sich aber auch finanziell nieder. Aus gutem Grund, wie Blaskovic meint: „Wir haben wirklich gute Leute und das weiß die Firma Borrmann auch.“ Ein Ziel des in Fernwald ansässigen Unternehmens sei daher, durch den Zukauf die Sparte Industriewerkzeuge auszubauen.

Zu denen, die nun für Borrmann arbeiten, gehört auch Blaskovic selbst. „Ich möchte­ und muss noch weiterarbeiten“, sagt er. Überdies wäre es ihm wohl schwergefallen, seine­ Aufgabe jetzt schon aufzu­geben, nachdem er „jahrelang das ­Kundenvertrauen genießen durfte“. Mit diesem Kundenvertrauen hat es eine besondere Bewandtnis, wie der 61-Jährige betont. Partnerschaftlich, ja beinahe freundschaftlich sei der Umgang mit den Kunden all die Jahre gewesen, sagt er und erzählt Beispiele.

Vor ein paar Wochen habe er mitbekommen, wie sich ein Kunde von einem Mitarbeiter verabschieden wollte. „Komm, ich muss dich noch einmal drücken“, habe er gesagt, erzählt der Geschäftsmann und ergänzt: „Das zeichnet uns aus: das Persönliche“. Und das nicht erst in den Zeiten des Abschieds, sondern schon in all den Jahren zuvor. „Bei einigen Firmen sind wir die Einzigen, die noch von hinten durch die Schlupftüren dürfen“, erzählt der ehemalige Sportlehrer, der das Geschäft bei seinem Schwiegervater gelernt hat.

Verkäufer sind für Kunden die Problemlöser

Die Bandbreite der Kunden ist groß: Sie reicht von Industrie und Handwerk über Kommunen und Schulen bin zu Kranken- und Ärztehäusern. Immer wichtiger sind laut Blaskovic in den vergangenen Jahren Beratung und Service geworden.
„Früher ist ein Handwerker gekommen und hat gesagt: Ich brauche Dübel XY“, erklärt Blaskovic, der die Geschicke der Firma in den vergangenen 26 Jahren als Geschäftsführer geleitet hat. Heute komme der Kunde, schildere sein Problem und erwarte vom Verkäufer eine Antwort, was am besten ist. Blaskovic: „Und das können wir.“

Die Zunahme des Internethandels habe der Firma dagegen weniger ausgemacht, trotz einer erklecklichen Zahl an Privatkunden. Sicherlich habe er sich manches Mal geärgert, erzählt der 61-Jährige, wenn er gemerkt hat: Da greift jemand die Beratung ab und kauft anschließend doch lieber billiger im Internet. Aber das habe sich bei ihm nicht so deutlich bemerkbar gemacht wie in Einzelhandelsgeschäften, trage der Bereich der Privatkunden doch nur etwa acht Prozent zum Umsatz bei.

Obwohl er die Übernahme für eine gute Lösung halte, gesteht Blaskovic, habe er in den vergangenen Monaten so manche schlaflose Nacht gehabt. Denn: „So ganz emotionslos übergibt man so einen alteingesessenen Familienbetrieb nicht.“

von Hartmut Bünger