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Hinterland Radler erleben Not in Mali hautnah
Landkreis Hinterland Radler erleben Not in Mali hautnah
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13:56 09.01.2020
Arno Schreiner und Markus Grebe traten auch in Mali in die Pedale.  Quelle: Peter Piplies/Repro
Weidenhausen

Wenn einer ­eine Reise tut, so kann er was erzählen. Reist man dann noch in eines der ärmsten Länder der Welt, werden die Eindrücke, ­Erlebnisse und Empfindungen intensiv und teils verstörend. Davon berichten Arno Schreiner, Markus Grebe und Martin Schneider.

Schreiner ist Vorsitzender des Vereins „Radfahren für Mali“­ in Weidenhausen und war gemeinsam mit seinem Stellvertreter und Mitstreiter Markus Grebe bereits vor elf Jahren in dem bitterarmen afrikanischen Land. Bei ihrem aktuellen Besuch hatten die beiden noch Martin Schneider mitgenommen. Dieser gehört dem Gemeindevorstand der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) Weidenhausen an, in deren Gemeindezentrum und mit Unterstützung zahlreicher Gemeinde­mitglieder auch die Sponsorenfahrten „Radfahren für Mali“­ ­organisiert und durchgeführt werden.

Bei der Spendenaktion im Hinterland im Juni vorigen Jahres hatten die Teilnehmer 62.000 Euro eingefahren. Die Organisatoren hatten vorsichtig mit 35.000 Euro kalkuliert und dafür entsprechende Projekte ausgewählt. Nun konnten die Weidenhäuser Radfahrer direkt vor Ort sich den Stand der geförderten Projekte anschauen und nach weiteren sinnvollen Ideen suchen, die mit Geldern aus dem Hinterland die Lage der Menschen in Mali verbessern können. 

Bericht über eine „Reise in eine andere Welt“

Dabei war es für die drei Mitteleuropäer nach ihrer Rückkehr gar nicht so einfach, ­ihre Gefühle in Worte zu kleiden. Von einer „Reise in eine andere Welt“ sprach etwa Arno Schreiner. Damit die drei Männer aus dem Hinterland in Mali nicht gleich verloren gehen, wurden sie von Gerlind und Dr. Karsten Pascher vor Ort empfangen.

Der Landesleiter für die „Allianz-Mission“ aus Dietzhölztal und seine Ehefrau hatten für die Delegation aus Weidenhausen ein Besuchsprogramm zu den verschiedenen Projekten organisiert. Bei der Umsetzung seiner Projekte arbeitet „Radfahren für Mali“ mit der „Allianz-Mission“ sowie einigen regierungsunabhängigen Organisationen direkt in dem westafrikanischen Land zusammen. 

Gleich zu Beginn bekamen die drei Hinterländer einen Eindruck vom Dreck, Schmutz und Elend in der Zwei-Millionen-Hauptstadt Bamako. Das Gebäude der Allianz-Mission – die ehemalige Botschaft der DDR – sei den drei Besuchern wie eine „Oase der Ruhe und Abgeschiedenheit in der hektischen Stadt“ vorgekommen. 

Von dort starteten die drei mit ihren Begleitern zum 250 Kilometer entfernten Segou, wo die Hinterländer eine neue christliche Kirche mit Gemeindezentrum und Pfarrhaus finanziert haben.

Die Besucher aus Deutschland waren dort nicht nur vom Auftritt von drei Chöre angetan, sondern auch von dem zweistündigen Gottesdienst tief beeindruckt. Anschließend gab es ein Essen bei dem Pastor, Besuch beim Bürgermeister der 200.000-Einwohner-Stadt sowie Gespräche über weitere Projekte.

Weitere Station war die Insini-Schule. Dort gehen 80 Kinder in die Klassen 1 bis 3, es gibt auch eine Vorschulklasse. Platz für weitere Klassen sei vorhanden, berichten die Hinterländer. Die christlichen Lehrer seien hoch motiviert und engagiert, daher schickten auch Moslems ihre Kinder auf die Schule. 

Ehemaliges Straßenkind baut Wohnheim auf

Die Hinterländer Radfreunde­ legten vor Ort die eine oder andere Strecke mit dem Fahrrad zurück. Allerdings war im turbulenten Straßenverkehr, den Staubwolken und einer Temperatur von 40 Grad Celsius „vollste Konzentration und Aufmerksamkeit gefragt“, wie die Reisenden nach ihrer Rückkehr berichteten.

Tief beeindruckt zeigten sich die Hinterländer von dem Remar-Projekt von Pastor Enoc im Bamako-Distrikt. In der Einrichtung werden Straßenkinder und Jugendliche mit Gewalt-, Alkohol- und Drogenerfahrungen betreut. Dort bekommen die Betroffenen nicht nur ein neues echtes Zuhause mit ­einer geregelten Tages- und Lebensstruktur, sondern auch eine Ausbildung unter anderem in einer Schreinerei, die von „Radfahren für Mali“ ebenfalls unterstützt werde.

Karim, der Leiter der Einrichtung, ist selbst ein ehemaliges Straßenkind, hat bei sich 15 weitere Mädchen aufgenommen und bietet ihnen damit ein Leben in einem geborgenen Heim anstatt auf der Straße. 

Wie bescheiden auch die Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen Malis ist, erläuterten die Besucher anhand einer weiteren Gemeinde in N‘Gouraba. Die 18.000 Menschen leben verstreut in 13 Dörfern. Die nächste Krankenstation ist vier bis fünf Stunden entfernt. Der Krankentransport werde teilweise mit Fahrrädern abgewickelt und die Angehörigen müssen selbst für die Verpflegung der Patienten ­sorgen.

Die muslimischen Bewohner der Region hätten die Besucher aus Deutschland herzlich willkommen geheißen, sich aber gewundert, dass sie überhaupt jemand besucht, sagen die Hinterländer. Denn sowohl die Regierung in Mali als auch französische Organisationen ließen sich seit den 1990er-Jahren in den 13 Dörfern nicht mehr blicken, erläuterten die Dorfbewohner ihren Gästen aus dem Hinterland.

Zum Abschluss der Reise hatten die drei noch eine sehr positive Begegnung in der Hauptstadt Bamako, mit einem Hobby-Radler aus dem Fahrradklub Bamako. Darin sind 60 Radler organisiert und wollen nun Kontakt zu den Radfreunden aus Weidenhausen halten. Vielleicht sind sie bei der nächsten Sponsorenfahrt im Hinterland mit am Start. Denn nach ihren tief bewegenden Eindrücken in Mali wollen die Organisatoren mit ihrer Hilfe für das afrikanische Land auf jeden Fall weitermachen.

von Peter Piplies

Weitere Informationen über die Reise, die Projekte und den Verein gibt es hier.