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Hinterland Achtjährige sagt vor Gericht aus
Landkreis Hinterland Achtjährige sagt vor Gericht aus
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21:00 22.04.2021
Vor der 6. Strafkammer des Marburger Landgerichts findet der Prozess statt.
Vor der 6. Strafkammer des Marburger Landgerichts findet der Prozess statt. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Am zweiten Verhandlungstag des Prozesses um einen Mordversuch mittels eines VW-Bulli sagten gestern vor der 6. Strafkammer des Landgerichts das Opfer, dessen Ehefrau und die mittlerweile achtjährige Tochter aus. Der 40-Jährige konnte zum Aufhellen des Tatgeschehens jedoch nicht beitragen, da er daran keine Erinnerung hat. Der Fabrikarbeiter berichtete davon, wie er am 9. Mai des Vorjahres vor seinem Haus in Dautphetal-Wilhelmshütte den Bürgersteig kehrte und erst wieder im Krankenhaus zu Bewusstsein kam. Dort behandelten ihn die Ärzte zwei Wochen lang wegen seiner vielfachen Verletzungen, unter anderem wegen Brüchen an mehreren Rippen sowie einem Fuß, Prellungen, Schürfwunden und eine Gehirnerschütterung. Noch heute habe er Schmerzen und beginne jetzt erst an seinem Arbeitsplatz mit einer Wiedereingliederung, berichtete der Geschädigte.

Die Verletzungen zog sich der 40-jährige Türke laut Anklage zu, als ihn ein 66-jähriger Landsmann mit seinem VW-Transporter mit 30 Stundenkilometern absichtlich anfuhr, wodurch das Opfer acht Meter durch die Luft geschleudert worden sein soll. Der Angeklagte schwieg bisher zu den Vorwürfen, zeigte während des Berichts des 40-Jährigen erstmals eine Regung, indem er mehrmals den Kopf schüttelte.

Dagegen berichtete das Opfer – um Fassung ringend – ausführlich über die Vorgeschichte. Demnach ist der Auslöser der langjährigen Fehde zwischen den einst freundschaftlich verbundenen Männern ein Streit um ein Baugerüst. Dieses lieh der 40-Jährige dem Angeklagten vor Jahren, erhielt es selbst nach mehrmaliger Aufforderung erst nicht zurück, sollte dann mit anderen, minderwertigen Teilen abgespeist werden. Zuvor kam es schon zu einer Auseinandersetzung nach einem Moscheebesuch, nach einem weiteren soll der Angeklagte dem 40-Jährigen mit einem Messer hinterhergerannt sein.

Auch die Ehefrau des Geschädigten hatte den vermeintlichen Mordversuch nicht gesehen, bestätigte dem Gericht unter Vorsitz von Dr. Frank Oehm aber, dass sie ihren Ehemann vor dem Wohnhaus auf dem Bürgersteig blutend vorfand, wobei seine mit Gummizügen gebundenen Arbeitsschuhe an anderer Stelle lagen.

Schließlich sagte die Tochter des Opfers aus. Die Achtjährige soll als einzige die Tat beobachtet haben, dies vom Wohnzimmerfenster aus, das zur Straße gerichtet ist. Während der audiovisuellen Vernehmung befand sie sich in einem anderen Raum des Gerichtsgebäudes.

Dies geschah zum Schutz des Kindes, da sie wegen posttraumatischer Belastungszustände in therapeutischer Betreuung ist und eine Konfrontation mit den Verfahrensbeteiligten zu vermeiden war. Dem stimmten sowohl die Verteidiger als auch Staatsanwalt Timo Ide zu. Richter Oehm stellte die Fragen an das Kind. Dieses berichtete, dass ihr Vater ihr während der Fastenzeit nicht erlaubte, draußen zu toben oder sich anzustrengen. Da sie ihren Vater sehen wollte, kniete sie auf dem Sofa und beobachtete so das Geschehen durch das Fenster des Wohnzimmers.

Ihr Vater kehrte den Bürgersteig, als ein großes schwarzes Auto mit „hinten etwas dran“ auf der Straße Richtung Friedensdorf fuhr. Dann wendete das Fahrzeug und kam zurück.

Wo es wendete und wie schnell es war, daran könne sie sich nicht erinnern, aber das Fahrzeug traf ihren Vater, der auf dem Bürgersteig war und dem nahenden VW-Bulli den Rücken zugewandt hatte, an der rechten Körperseite. Den Fahrer habe sie nicht gesehen und könne sich nicht erinnern, ob sie ihre Brille aufhatte. Zuvor bestätigte der Vater, dass seine Tochter weitsichtig ist.

Auf die Frage, ob man ihr gesagt habe, was sie erzählen solle, erklärte die Achtjährige, dass der Vorfall zuhause selten ein Thema sei und sie nur mit ihrem Therapeuten darüber gesprochen habe.

Am Ende des Verhandlungstages kündigte der Wahlverteidiger zum nächsten Verhandlungstermin eine Erklärung des Angeklagten an, die den Prozessverlauf verkürzen könnte.

Die Verhandlung wird am Montag, 26. April, um 9 Uhr in Raum 101 des Landgerichts fortgesetzt.

Von Gianfranco Fain