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Hinterland „Knallharter Eingriff in die Intimsphäre“
Landkreis Hinterland „Knallharter Eingriff in die Intimsphäre“
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20:58 14.09.2021
Der Tatort: das Vereinsheim des SSV Bad Endbach/Günterod.
Der Tatort: das Vereinsheim des SSV Bad Endbach/Günterod. Quelle: Sascha Valentin
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Biedenkopf

Zwei Jahre ist es her, dass zehn Spielerinnen der Fußballabteilung des SSV Endbach/Günterod heimlich beim Duschen im Vereinsheim gefilmt wurden. „Ein schwerwiegender, ein knallharter Eingriff in die Intimsphäre“, so bewertete dies das Amtsgericht Biedenkopf am Dienstag. Der geständige Täter, ein damaliges Mitglied des Vereins, wurde zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 60 Euro verurteilt.

Die Opfer dieser Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs, wie dieser Tatbestand im Strafrecht bezeichnet wird, erhalten zudem Schmerzensgeld. Das wurde in einem Täter-Opfer-Ausgleich vereinbart. Juristisch sind die Verfahren damit zu Ende, wie der Vorsitzende Richter Leo Raab am Ende der Hauptverhandlung sagte.

Frauen leiden nach wie vor unter den Folgen

Ein Schlusspunkt ist gesetzt, den die betroffenen Frauen herbeisehnten. Doch die Ereignisse vom Herbst 2019 wirken nach. Die Frauen leiden unter den Folgen. Eine Zeugin sprach mit ihrer Erwartung an den Prozess den Beschuldigten direkt an: „Es muss rauskommen, dass du der Täter bist und nicht wir.“

Dieser Wunsch bezieht sich auf Erfahrungen, die die Frauen durchweg machten. Immer wieder bekamen sie von verschiedenen Seiten zu hören, sie sollten sich nicht so anstellen. Schließlich seien sie nicht vergewaltigt worden.

Mit einem USB-Stick, der über eine Kamerafunktion verfügt, machte der Angeklagte die heimlichen Videos. Die Aufnahmen wurden durch Bewegung und akustische Signale ausgelöst, schilderte Staatsanwältin Julia Schmid das Vorgehen bei der Verlesung der Anklage.

Täter fliegt im Oktober 2019 auf

Zweimal hatte der Täter den USB-Stick installiert, die Bilder vom August 2019 hatte er sich auf seinen Laptop heruntergeladen. Nach der zweiten illegalen Aufnahme im Oktober 2019 entdeckte eine der Betroffenen den USB-Stick. Erst hätten sie es nicht glauben wollen, dass so etwas möglich sei, dann brachten die Fotos Gewissheit, sagte sie.

Der Verein schaltete damals die Polizei ein, das Haus des Angeklagten wurde durchsucht, Speichermedien beschlagnahmt. Der Angeklagte hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, die zweiten Aufnahmen zu betrachten. Strafmildernd wirkte sich für ihn aus, dass es zu keiner Weitergabe der Dateien gekommen sei. Dies ergab ein entsprechendes Gutachten.

Den USB-Stick mit der Kamera habe er eingesetzt, weil im Vereinsheim Wertsachen verschwunden seien, rechtfertigte der Mann sein Vorgehen. „Zum Duschen nimmt niemand seinen Geldbeutel mit“, hielt ihm der Richter vor. Die Frage nach dem „Warum“ beantwortete der Angeklagte mit dem Hinweis auf den Reiz, den diese Technik auf ihn ausgeübt habe. „Es ist passiert, ich habe es ausprobiert.“

Entschuldigung im Gerichtssaal

Zu einer Entschuldigung bei den Opfern kam es erst im Gerichtssaal. Dabei habe dies den betroffenen Frauen „unter den Nägeln gebrannt“, sagte Rechtsanwalt Joachim Nitz. Er vertrat die Frauen bei ihren Schmerzensgeldforderungen vor Gericht.

Der Kontakt zu den Frauen sei seinem Mandanten von der Polizei untersagt worden, entgegnete Verteidiger Carsten Dalkowski. Daran habe er sich gehalten. Es tue ihm leid, dass er das Vertrauen und die Gefühle der Frauen missbraucht habe, sagte der Angeklagte. Damit habe er nun zu leben. Der 41-Jährige ist inzwischen aus dem Verein ausgetreten.

Schamgefühle, zerstörtes Vertrauen, suchende Blicke in öffentlichen Räumen nach dort möglicherweise installierten Kameras – vor Gericht schilderten die Frauen, was sich seit der Entdeckung der Aufnahmen für sie geändert habe. Eine Zeugin kann es immer noch nicht fassen. „Wir sind doch zusammen in den Kindergarten gegangen, wir waren befreundet“, sagte sie.

Andere beschrieben, dass auch ihre Kinder darunter litten. Eine Zeugin erinnerte sich daran, dass der Angeklagte noch einen Tag vor der Entdeckung der Kamera bei ihr zu Besuch gewesen sei. „Nachdem ich das erfahren habe, habe ich erst einmal die Wohnung auf den Kopf gestellt, falls er auch dort eine Kamera versteckt hätte.“ Dass jemand aus dem Verein, ja sogar ein Freund so handelte, macht den Zeuginnen zu schaffen. Groß ist die menschliche Enttäuschung, das war im Gerichtssaal spürbar.

Spott und Häme für die Opfer

Zu dem Schock kam die Häme von Außenstehenden. Die Frauen schilderten, was sie sich von Außenstehenden anhören mussten. „Findet ihr nicht, dass ihr übertreibt?“, war so eine Frage. Und immer wieder die Feststellung, sie sollten sich nicht so anstellen. Dazu kamen die Sprüche, ob denn die Videos noch existierten und ob man sich diese auch einmal ansehen könne. Selbst auf fremden Fußballplätzen mussten sich die Spielerinnen des SSV Endbach/Günterod manche Bemerkung anhören.

Gegenseitig waren sich die Sportlerinnen ein Halt und eine Stütze. Unterstützung gab es vom Verein, der sich an die Polizei wandte und intern informierte. Doch in der kleinen Gemeinde blieb der Vorfall nicht lange ein Geheimnis.

Einig wurde man sich vor Gericht über die Schmerzensgeldhöhe. Ursprünglich hatte Rechtsanwalt Nitz 2 000 Euro für jede Betroffene gefordert. Der Vorsitzende Richter indes verwies auf andere Fälle – wie etwa illegale Aufnahmen in einer Frauenarztpraxis –, bei denen gerade einmal die Hälfte bezahlt worden sei. Am Ende einigten sich beide Seiten darauf, dass der Angeklagte zusätzlich zu den im Juni 2021 überwiesenen 6 000 Euro noch einmal 3 000 Euro und damit für alle Frauen zusammen 9 000 Euro Schmerzensgeld bezahlt.

Die Entschuldigung des Täters wollten die Frauen erst einmal nicht annehmen. Verteidiger Dalkowski riet ihnen dazu, das sei auch wichtig für ihre eigene Aufarbeitung der Geschehnisse. Dalkowski weiter: „Das Schmerzensgeld nehmen Sie ja auch an.“

Eine der Frauen sagte am Rande des Prozesses gegenüber der Presse: „Es ging uns nie ums Geld. Wir wollen, dass etwas in seinem Kopf passiert.“

Für Richter Raab, dem an der „Befriedung“ gelegen war, war der Prozess „ein Meilenstein“. Vielleicht gebe es nun eine „Chance, dass man sich im Dorf wieder begegnen kann“.

Von Regina Tauer