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Hinterland Passiver Täter bekommt Chance
Landkreis Hinterland Passiver Täter bekommt Chance
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20:00 27.01.2021
Der Bahnhof Biedenkopf war im Mai 2020 der Tatort.
Der Bahnhof Biedenkopf war im Mai 2020 der Tatort. Quelle: Mark Adel
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Marburg

Mit einem Urteil gegen einen 24-jährigen Mann endete für diesen die Gerichtsverhandlung. Er war daran beteiligt, einen Bahnmitarbeiter am Biedenkopfer Bahnhof auszurauben und zu entführen.

Das Landgericht Marburg sah es als erwiesen an, dass der Verurteilte am 18. Mai 2020 im Gefolge eines heute 22-Jährigen eine Hilfseinrichtung im Hinterland verlassen hatte, wo die beiden sich kurz zuvor kennengelernt hatten.

Am Bahnhof in Biedenkopf sprachen die Männer den heute 28 Jahre alten Fahrdienstleiter an und fragten ihn nach Drogen. Als dieser überrascht verneinte, Rauschmittel dabeizuhaben, soll der Jüngere ihn mit Faustschlägen traktiert und gezwungen haben, dem Duo im Stellwerk 400 Euro aus einem Tresor auszuhändigen.

Dem nun verurteilten Täter kam dabei laut Staatsanwaltschaft und Gericht eine vergleichsweise passive Rolle zu. Er habe meist auf Anweisung seines Begleiters gehandelt und sogar versucht, diesen von der Tat abzubringen. Andererseits habe er später die Beute gezählt, was ein Interesse daran deutlich mache.

Opfer machte Polizei auf seine Lage aufmerksam

Das ganze Geschehen spielte sich in einem Zeitraum von 45 Minuten ab. Eine Dreiviertelstunde, die reichte, um das Leben des Geschädigten erheblich zu verändern. Er könne allenfalls zwei Stunden am Stück schlafen und habe im Dunkeln Angst, nach draußen zu gehen, wurde während der Verhandlung bekannt.

Denn mit der Aushändigung des Geldes war sein Martyrium noch nicht beendet. Unter Drohungen des 22-Jährigen musste der Bahnmitarbeiter die beiden Männer in seinem eigenen Auto nach Marburg chauffieren. Die Entführung endete jedoch bereits nach einer Viertelstunde Fahrt, weil die beiden Täter und ihr Opfer bei Eckelshausen in eine Polizeikontrolle gerieten. Es gelang dem Fahrdienstleiter, die Polizeibeamten über seine Situation zu informieren, und die beiden Entführer wurden verhaftet.

Nach seiner zwar unterstützenden, aber relativ passiven Funktion im Tatgeschehen zeigte sich der 24-Jährige der Polizei gegenüber ausschließlich kooperativ und friedfertig. Außerdem hatte er die Tat in der Biedenkopfer Polizeistation wie auch vor Gericht vollumfänglich gestanden.

Dieses Verhalten, aber auch die positive Sozialprognose durch einen psychiatrischen Gutachter werteten Staatsanwaltschaft und Gericht als strafmildernd. Zudem hatte sich der Mann beim Geschädigten im Gerichtssaal mehrfach entschuldigt und betont, dass ihm die Tat leidtue. Im Gegensatz zu ähnlichen Einlassungen seines Kameraden beurteilte die Staatsanwaltschaft die reumütigen Stellungnahmen als glaubwürdig.

Beide Männer standen dem Vernehmen nach im Tatzeitraum unter dem Einfluss von Psychopharmaka. Im Fall des Verurteilten habe das dessen Verhalten möglicherweise beeinflusst, das als ruhig und teils belustigt beschrieben wurde. „Ich wusste nicht mehr, was richtig und was falsch ist“, sagte er selbst. Auf seinen aktiveren Begleiter habe das nicht zugetroffen, hielt die Staatsanwaltschaft fest.

Während der ersten beiden Verhandlungstage hatten Zeugen den 22-Jährigen als durchaus aggressiv beschrieben, er sei zudem die treibende Kraft hinter Raub und Entführung gewesen, nicht zuletzt habe er den Bahnmitarbeiter alleine geschlagen und gewürgt. Das Verfahren gegen diesen zweiten Angeklagten wurde am zweiten Verhandlungstag abgekoppelt: Der vorbestrafte junge Mann – der sich derzeit wegen eines anderen Delikts im Gefängnis befindet – muss sich zu einem späteren Zeitpunkt für das Geschehen am Biedenkopfer Bahnhof verantworten.

Für seinen Begleiter endete der Prozess nun mit einer Verurteilung. Der Staatsanwalt forderte eine Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem sei die Unterbringung des 24-Jährigen in einer Erziehungsanstalt anzuordnen, hieß es in der Forderung. Der Staatsanwalt verwies in diesem Zusammenhang auf die psychische Vorerkrankung des Angeklagten – er leidet an Zwangsstörungen – sowie seine Drogen- und Alkoholprobleme.

Auflage: Therapiestunden und Drogenabstinenz

Das Gericht unter Vorsitz von Richter Marco Herzog folgte in seiner Urteilsverkündung weitgehend den Forderungen der Staatsanwaltschaft, orientierte sich jedoch auch an einem Hinweis des Verteidigers. Demnach sei darauf zu verzichten, dass der junge Mann in einer Erziehungsanstalt untergebracht werde. Dies sei zu prüfen, es blieb also bei einer Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren Gefängnis wegen Beihilfe zur räuberischen Erpressung und zum Menschenraub.

Zu den Bewährungsauflagen gehört unter anderem, dass der 24-Jährige seine begonnene Therapie fortsetzt und sich konsequent von Rauschmitteln jeder Art fernhält. Der Verurteilte selbst hatte angegeben, seit einigen Monaten trocken und drogenfrei zu leben. Am letzten Verhandlungstag betonte er einmal mehr, wie sehr er die Tat bedauere. Sobald er über die finanziellen Mittel verfüge, beteuerte er gegenüber dem Geschädigten, werde er diesem eine finanzielle Wiedergutmachung zukommen lassen.

Der Anwalt des Opfers verzichtete ebenso wie sein Mandant auf eine weitere Einlassung. Er deutete an, sich eine solche für das Verfahren gegen den mutmaßlichen Haupttäter aufzuheben.

Von Markus Engelhardt