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Hinterland Er möchte die Bürger besser einbinden
Landkreis Hinterland Er möchte die Bürger besser einbinden
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16:00 23.10.2020
Robert Wolfgram, Kandidat bei der Bürgermeister-Wahl in Gladenbach, auf dem Marktplatz der Stadt.  Quelle: Stefan Dietrich
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Gladenbach

Als Politiker ist Robert Wolfgram sozusagen noch ein unbeschriebenes Blatt, trotzdem ist er in Gladenbach so bekannt wie ein Prominenter. Als er über den Marktplatz geht, grüßen ihn immer wieder Bekannte, mit einigen plaudert er kurz.

Eine Frau ruft ihm zu, „in echt“ sehe er noch besser aus als auf dem Wahlplakat. Der selbstständige Kommunikationstrainer und Coach ist eben ein waschechter Gladenbacher.

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„Ich wohne schon immer hier“, sagt Wolfgram. An der Freiherr-vom-Stein-Schule hat er seinen Realschulabschluss gemacht, im SC Gladenbach engagiert sich der 42-Jährige seit mehr als 20 Jahren, auch die Flüchtlingshilfe hat er unterstützt. In der Politik war er bisher nicht aktiv, will sich nach eigener Aussage auch „in kein Muster pressen lassen“. Zu seiner politischen Ausrichtung stellt er nur eines klar: „Ich bin kein Mensch für Extreme, weder rechts noch links.“

Wolfgram macht Wahlkampf ohne Partei im Rücken, aber er hat einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Der hat ihn motiviert, zur Wahl anzutreten. „Einige hier haben sich eine Alternative bei der Bürgermeister-Wahl gewünscht“, erzählt er. Als er über eine Kandidatur nachdachte, habe er einige Bekannte gefragt, wie sie das finden. „Ich habe sehr viele positive Rückmeldungen bekommen“, berichtet er, „das bestärkt mich darin, das Richtige getan zu haben.“

Freunde und Bekannte bilden Wahlkampfteam

Aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis hat sich auch ein Wahlkampfteam gebildet. Zehn Menschen bilden den Kern, sie helfen ihm zum Beispiel beim Erstellen von Flyern oder an den Infoständen. Bei den Verteil-Aktionen sind noch mehr Helfer beteiligt, und natürlich ist Wolfgram auch selbst in den Dörfern unterwegs.

Dass er Bürgermeister werden könnte, darüber hat Wolfgram nach eigener Aussage schon vor fünf Jahren nachgedacht, als er seinen bisherigen Job bei der Telekom aufgab und sich selbstständig machte. Der Auslöser, dass er jetzt wirklich kandidiert, war die Corona-Pandemie – eine „harte Handbremse für viele“, wie Wolfgram sagt. Vorher sei er beruflich sehr viel unterwegs gewesen – er bietet Schulungen für Menschen an, die im Kundenservice arbeiten. Zudem ist er als Coach tätig. „Coaching bedeutet: Menschen, die sich beruflich weiterentwickeln wollen, zu unterstützen, die für sie beste Lösung zu finden. Ich gebe also keine Lösung vor, es ist keine Beratung, aber ich schaue ihnen über die Schulter.“

Berufsbegleitend studiert er, voraussichtlich noch in diesem Jahr will er das Studium als Referent für Personalentwicklung und Berufspädagoge abschließen. Doch mit dem Beginn der Corona-Beschränkungen hatte er, wie viele andere Menschen auch, plötzlich viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Zum Beispiel darüber, wie er seine beruflichen Kompetenzen als Bürgermeister einbringen könnte.

Wolfgram: Stadt darf nicht nur reagieren

Im Bürgermeister-Wahlkampf setzt er weniger auf bestimmte politische Themen, sondern vor allem auf einen neuen Stil. „Verändern, Verstärken, Verbessern“, lautet sein Wahlkampfmotto. Verändern und verbessern möchte der Kommunikationstrainer vor allem den Bürgerservice und die Zusammenarbeit in der Stadt. „Mit allen Beteiligten“, sagt er. „Natürlich an erster Stelle mit den Bürgerinnen und Bürgern, aber nicht nur mit ihnen.“ Er habe mit allen Ortsvorstehern gesprochen und festgestellt, dass „die Kommunikation auf Seiten des Leiters der Verwaltung – des Bürgermeisters – sehr schlecht dasteht“. Auch die Vereine wolle er stärker beteiligen.

„Verstärken“ heißt für ihn, Projekte schnell und zielstrebig voranzutreiben – die Stadtverwaltung dürfe nicht immer nur reagieren. Wolfgram verspricht den Ausbau der Kindertagesstätten und von Neubaugebieten. Um die Finanzlage der Stadt zu verbessern, müsse man es erstens schaffen, dass mehr Menschen in Gladenbach wohnen, und zweitens mehr Unternehmen als Gewerbesteuer-Zahler gewinnen. „Da müssen wir erst einmal das sichern, was da ist, damit es kein Innenstadt-Sterben gibt, und dann schauen, was kann ich hier noch festigen.“ Auch Fördermittel müsse die Stadt nutzen und abrufen.

„Ich bin unabhängig und unvoreingenommen“

Verwaltungserfahrung habe er von seiner Zeit bei der Telekom: „Die Zeit vom Antrag zum Auftrag habe ich noch miterlebt. Ich kenne natürlich nicht das Passwesen oder die Bauverwaltung, aber auch der derzeitige Bürgermeister musste sich am Anfang in Themen einarbeiten.“ Verwaltung sei wichtig, schließlich heiße es Stadtverwaltung, sagt Wolfgram – trotzdem müsse die Stadt weg davon, nur zu verwalten.

Auch wenn Wolfgram ohne die Corona-Pandemie gar nicht kandidiert hätte – seinen Wahlkampf belastet sie dennoch. „Ich bin ein sehr offener Mensch, ich mag einfach den persönlichen Kontakt. Der fehlt jetzt ungemein, zum Beispiel fehlen die Veranstaltungen, wo man sich hätte präsentieren und mit Menschen ins Gespräch kommen können. Auch an den Infoständen ist es schwierig mit Abstand und mit Maske.“

Dass er Politik-Neuling ist, sieht Wolfgram „gar nicht als Nachteil, sondern als Vorteil: Ich bin unabhängig durch meine Parteilosigkeit, aber auch unvoreingenommen in meiner Denke.“ So könne er als „wohlwollender Beobachter“ wie beim Coaching schauen, wie man in der Stadt Sachen noch besser umsetzen kann.

„Ich mag mir nicht anmaßen, dass ich selber die besten Ideen habe“, sagt Wolfgram über sich. „Wenn ich es schaffe, die Bürgerinnen und Bürger, die Ahnung haben, einzubinden, schaffe ich erstens eine viel höhere Qualität, was die Ergebnisse angeht – und zweitens eine viel höhere Akzeptanz.“

Von Stefan Dietrich

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