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Hinterland Träger fordern Tests für Altenheime
Landkreis Hinterland Träger fordern Tests für Altenheime
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18:55 01.08.2020
Die Corona-Pandemie stellt Pflegebedürftige und Pfleger vor große Herausforderungen. Quelle: Jens Kalaene/dpa/Archiv
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Biedenkopf

Alte Menschen in Pflegeheimen dürfen nach Wochen der Isolation wieder mehr Kontakte zu Angehörigen haben. Doch weiterhin gilt: Besuche bleiben reglementiert. Denn die Hygiene-Vorgaben lassen sich nur mit großem Aufwand umsetzen, wie Heimbetreiber im Hinterland berichten.

Die heimischen Träger fordern regelmäßige präventive Tests in den Einrichtungen, um den Alltag unter Corona-Bedingungen für Bewohner, Mitarbeiter und Angehörige zu erleichtern.

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„Wir haben Patientenzimmer zu Besucherzimmern umgebaut“, berichtet A. Cornelia Bönnighausen, Vorstandsvorsitzende des DRK-Kreisverbandes Biedenkopf, der die Seniorenzentren Wallau und Lahnaue in Biedenkopf betreibt. Insgesamt gut 100 Bewohner leben dort. Die Zimmer wurden mit Plexiglas-Trennwänden ausgestattet.

Mitarbeiter vergeben Besuchstermine, bringen die Bewohner zu den Besucherzimmern, holen sie später wieder ab und desinfizieren die Räume nach jedem Besuch.

„Unsere Anstrengungen werden ausgehebelt“

Eine halbe Stunde Arbeit kalkuliert Bönnighausen pro Besuch ein. Mehr sei in der Praxis nicht machbar, sagt Bönnighausen und berichtet, dass vier neue Vollzeitstellen nötig seien, um alle Corona-Regeln in beiden Heimen umzusetzen.

Doch die DRK-Chefin kritisiert: „Im Juli hat die Landesregierung beschlossen, dass die Bewohner die Heime wieder verlassen dürfen“, sagt sie und betont zugleich, dass die Menschen in den Heimen nicht eingesperrt sein dürften. Und bei Bewohnern und Angehörigen werde der Wunsch nach Kontakten stärker. Aber: „Unsere Anstrengungen in den Heimen werden damit komplett ausgehebelt.“

Für die Landesregierung sei die Antwort einfach, sagt Bönnighausen: „Die Bewohner müssten sich draußen an die Hygiene-Regeln halten, heißt es.“ An der Praxis gehe diese Vorgabe aber völlig vorbei: „Viele alte Menschen können die Regeln gar nicht einhalten.“

Höchstens drei Besuche pro Woche

Einen Rollstuhl zu schieben oder einen gehbehinderten Menschen zu führen, sei mit 1,50 Meter Abstand nicht möglich. Masken könnten alte Menschen oft aus medizinischen Gründen nicht tragen. Die 110 Bewohner der beiden Pflegezentren der Arbeiterwohlfahrt in Gladenbach und Lohra können seit dem 22. Juni an drei Terminen pro Woche jeweils einen Besucher für eine Stunde empfangen. Gemeinsame Spaziergänge oder Ausflüge sind nicht zeitlich begrenzt.

Außerdem dürfen die Bewohner ihre Familienangehörigen zu Hause besuchen und auch dort übernachten. „Wir begrüßen es, dass soziale Kontakte wieder in einem normaleren Maß stattfinden können. Die damit verbundenen Hygiene-Vorschriften und das strenge Monitoring bedeuten für uns aber einen erheblichen Mehraufwand“, erklärt Einrichtungsleiter Ulrich Gerhard.

„Alle Kollegen verdienen große Hochachtung“

Planung und Organisation der Besuchstermine seien zeitintensiv, ebenso das Ein- und Ausschleusen der Gäste vor und nach dem Betreten der Gebäude. Mindestens einmal täglich überprüften die Pflegekräfte bei den Bewohnern, ob es Anzeichen für eine Corona-Infektion gebe, und messen ihre Temperatur. Die Beratung der Angehörigen spielt ebenfalls eine große Rolle, „damit die Hygiene-Regeln auch zu Hause eingehalten werden“, betont Gerhard.

Trotz der großen Belastung sei die Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter in den beiden Awo-Pflegezentren sehr hoch. „Dies unterstreicht die Relevanz der Pflegeberufe, alle Kollegen verdienen große Hochachtung“, lobt Gerhard.

Auch Bönnighausen weiß, wie schwer die Kontaktbeschränkungen für die alten Menschen sind. Es gebe iPads in den Heimen, damit die Leute wenigstens skypen können. „Aber das ist natürlich kein Ersatz dafür, die Enkelkinder in den Arm zu nehmen.“

Kritik: Haben keine Kontrolle, müssen aber haften

Die für hessische Pflegeheime geltenden Regeln seien aber keine Lösung, denn sie schöben die gesamte Verantwortung den Trägern zu. „Wir machen hier im Heim ein Riesenbrimborium, um alle Regeln einzuhalten, gleichzeitig kann jeder Bewohner draußen machen, was er will – aber am Ende sind wir als Heim trotzdem weiter für den Schutz verantwortlich. Wenn was passiert, dann haften wir“, sagt Bönnighausen.

Wer den Heimbewohnern mehr Kontakte ermöglichen wolle, der müsse auch die Haftungsregeln ändern, fordert Bönnighausen. Und: „Wenn wir lockern, müsste es Möglichkeiten geben, präventiv einmal pro Woche alle durchzutesten“, betont sie. Denn wenn regelmäßig in den Pflegeeinrichtungen getestet werde, wachse die Chance, symptomlose Corona-Infektionen zu entdecken.

„Ich habe keine Erklärung dafür“

Diese Forderung unterstützt Gerhard: „Regelmäßige Tests für Bewohner und Mitarbeiter sind dringend notwendig, um größtmögliche Sicherheit für alle Beteiligten zu haben.“ Die gelte ebenso für die Behinderten- und Jugendhilfe.

Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen, sei das A und O, betonen die beiden Heimbetreiber. Gerade weil bekannt ist, dass Corona-Ausbrüche in Altenheimen schnell dazu führen, dass viele Menschen schwer erkranken, viele Intensivbetten benötigt werden und am Ende viele Menschen sterben. Dass Präventivtests in Altenheimen früher oder später kommen müssen, davon geht Bönnighausen aus. „Ich habe keine Erklärung dafür, warum das bisher nicht gemacht wird.“

Aktuell könnten Pflegeheime nichts anderes tun, als Kontakte reglementieren, häufig Fieber und Sauerstoffsättigung messen und bei Symptomen sofort Tests veranlassen. Denn sobald die Testung symptombedingt erfolgt, werden die Kosten übernommen.

Nachfrage an Pflegeplätzen in Biedenkopf rückläufig

Folge der Corona-Krise ist laut Bönnighausen auch, dass die Heime weniger Bewohner aufnehmen. Einerseits sei die Nachfrage rückläufig: „Wer will schon ins Pflegeheim, wenn er dann seine Angehörigen nicht sehen kann?“ Andererseits seien die Heime selbst bei der Aufnahme vorsichtig. Kurzzeitpflege sei in den beiden DRK-Heimen aktuell nicht möglich. Neuaufnahmen in die Langzeit-Pflege gibt es nur mit 14-tägiger Quarantäne oder nach Vorlage negativer Corona-Tests. „Die Tests müssen die Leute selbst bezahlen“, bedauert Bönnighausen die aktuelle Lage.

In den Awo-Pflegezentren wird seit dem 6. Juli wieder die Tagespflege angeboten – allerdings streng reglementiert. Aufgrund der Hygiene- und Abstandsregeln kann nur die Hälfte der zur Verfügung stehenden Plätze genutzt werden. „Bei der Tages- und stationären Pflege gibt es keine Überschneidungen, auch nicht beim Personal“, erklärt Gerhard und betont: „Wir sind gewappnet, aber einen absoluten Schutz können wir nicht bieten.“

Von Susan Abbe und Michael Tietz