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Hinterland Totschlag führt in die Psychiatrie
Landkreis Hinterland Totschlag führt in die Psychiatrie
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20:20 27.05.2021
Das Landgericht Marburg hat im Fall eines Tötungsdelikts entschieden (Archivfoto).
Das Landgericht Marburg hat im Fall eines Tötungsdelikts entschieden (Archivfoto). Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Am zweiten Tag der Gerichtsverhandlung um einen Totschlag im Mai 2020 in Biedenkopf verfügte die 6. Strafkammer des Marburger Landgerichts heutigen Donnerstag (27. Mai) den Verbleib des 30-jährigen Angeklagten in einer psychiatrischen Klinik. Bei der Urteilsverkündung sprach der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm von einem „doppelt tragischen Fall“.

Der Angeklagte sei ein Mensch mit völlig intaktem Wertgefühl, der wisse, was erlaubt und was verboten sei. Er habe sich in seinem ganzen Leben weder in seiner Heimat noch in Deutschland etwas zuschulden kommen lassen, was auch so geblieben wäre, wenn bei ihm im Jahr 2005 nicht eine Krankheit ausgebrochen wäre.

Ausgelöst durch Drogenkonsum

Die nicht festgestellte Schizophrenie konnte der 30-Jährige lange gut verbergen, sie wandelte sich aber über die Jahre in eine paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie, sodass er Dinge tat, „die er bei klarem Verstand nicht getan hätte“. Wie so oft löste Drogenkonsum das Entstehen der schweren Erkrankung aus, sodass der junge Mann nicht mehr mit der Realität umgehen konnte, sagte Oehm. Der zweite tragische Fall war, so der Vorsitzende Richter, dass das medizinische Personal nicht erkannte, was mit dem Patienten los war.

Dann kam es zu jenem schicksalhaften Abend des 28. August 2020. Das spätere Opfer, den Oehm wegen dessen Vorgeschichte als „nicht angenehmen Zeitgenossen“ bezeichnete, kam mehrmals unaufgefordert in die Wohnung des Angeklagten, forderte Geld für eine Reise zu seinen Angehörigen in die Schweiz. Schließlich saßen beide auf einem Zweiersofa und tranken Wein und Whiskey. Der Beschuldigte fühlte sich bedrängt, befand sich in einer psychischen Stresssituation, griff „fataler Weise“ nach dem auf dem Tisch liegenden Küchenmesser und stach blitzschnell auf den 40-Jährigen ein.

Schuldunfähigkeit nicht auszuschließen

Er könne aber nicht bestraft werden, da der Zustand der Schuldunfähigkeit nicht auszuschließen sei, führt Dr. Oehm aus. Dennoch sei er für die Allgemeinheit gefährlich, da eine erneute Tat möglich erscheint, bezog sich der Vorsitzende Richter auf die Ausführungen der forensischen Sachverständigen.

Deshalb müsse der Angeklagte in eine psychiatrische Klinik, wo seine Erkrankung, soweit diese nicht schon chronisch sei, therapeutisch und medikamentös behandelt werde und dann die Aussicht bestehe, dass er irgendwann wieder in Freiheit leben könne.

Therapie hat Gesundheitszustand nicht verändert

Mit dem Urteil und dem Schildern des Tatablaufs folgte das Gericht den Ausführungen und der Forderung von Staatsanwalt Timo Ide, der sich wie die Verteidigerin Ulrike Ristau in seinem Plädoyer auf die Erläuterungen einer forensische Sachverständigen bezog.

Die psychologische Psychotherapeutin schließt eine posttraumatischen Belastungsstörung des Angeklagten aus, seinen Gesundheitszustand habe die angewandte Therapie aber nicht verändert. Ihrer Diagnose zufolge leidet der Beschuldigte an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie.

Angeklagter leidet an Verfolgungswahn

Der Angeklagte sei davon überzeugt, aus einer anderen Welt zu stammen, leide unter Verfolgungswahn, höre Stimmen, die aber nicht bedrohlich, sondern eher freundlich seien. Vermutlich deshalb habe er diese den Ärzten gegenüber nicht erwähnt, sondern seine diffusen Ängste in den Vordergrund gestellt.

Diese führte der 30-Jährige auf ein Ereignis in seiner Jugend zurück, als er bei einem Fußballspiel von mehreren Beteiligten zusammengeschlagen wurde und dabei mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen wurde. Seitdem habe er Angst vor Menschenansammlungen, könne nicht in Geschäfte oder auch mit dem Bus fahren.

Phase der Schizophrenie zur Tatzeit

Gegen seine Ängste trinke er hochprozentige Alkoholika, nach eigenen Angaben zur Tatzeit täglich eine Flasche Whiskey, da diese ihn beruhigen. Der Alkohol sei der Ersatz für die in seiner Heimat legal konsumierte Droge Khat. Der lange und hoch dosierte Konsum dieser Droge sei wahrscheinlich auch der Auslöser der Schizophrenie, sagte die Sachverständige.

Zur Tatzeit lag eine akute Phase der Schizophrenie vor, die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten sei erheblich vermindert gewesen, eine Schuldunfähigkeit sei nicht auszuschließen. Da die Erkrankung 10 bis 15 Jahren nicht behandelt wurde, fällt die Prognose der Sachverständigen „sehr ungünstig“ aus. Der Beschuldigte habe weder eine Familie oder Verwandtschaft noch eine professionelle Unterstützung und große Probleme in der Stressbewältigung.

Stich ins Herz war tödlich

Zudem sei der Alkoholkonsum ein Risikofaktor. Da neue Gewalttaten, wie ein Vorfall in der Psychiatrie, zu erwarten seien, empfiehlt die Sachverständige eine therapeutische Behandlung im Maßregelvollzug. Auf Nachfrage erklärte sie, dass bei einer Behandlung der Schizophrenie die Tat womöglich nicht erfolgt wäre.

Die ihn damals behandelnde Psychiaterin erklärte zuvor, von der Tat überrascht zu sein, da ihr Patient stets ruhig, freundlich und nicht aggressiv war. Er habe nicht den Eindruck gemacht, jemanden verletzen zu können. Der 30-Jährige wurde wegen einer diagnostizierten posttraumatischen Belastungsstörung psychotherapeutisch behandelt.

Sieben Stichwunden am Leichnam

Den Angaben eines Gerichtsmediziners zufolge wies der Leichnam insgesamt sieben Stichwunden an Unterkiefer und Hals auf. Die Hauptverletzung verlief vom Hals aus etwa 17 Zentimeter schräg nach unten bis in den Herzbeutel und war tödlich.

Die Blutuntersuchungen ergaben beim Opfer einen Alkoholgehalt von 2,46 Promille, beim Angeklagten von 1,7 Promille zur Zeit der Festnahme, was den Whiskey- Konsumangaben des 30-Jährigen zufolge einen errechneten Wert von 4,72 Promille zur Tatzeit entsprechen würde.

 Angeklagter stellte sich der Polizei

Dies ließe darauf schließen, dass die Einsicht- und Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert, aufgrund seines unauffälligen und koordinierten Verhaltens aber nicht komplett aufgehoben war.

Wie die OP berichtete, flüchtete der Angeklagte vom Tatort, stellte sich aber zwei Tage später der Polizei in Marburg. Da alle Beteiligten auf Rechtsmittel verzichten, ist das Urteil rechtskräftig.

Von Gianfranco Fain

27.05.2021
26.05.2021